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Kaum noch ein ZDF-"Magazin Royale" kommt ohne eine Folge der Satire-Soap aus dem bunten Leben der oberfränkischen Unternehmerfamilie Brose/Stoschek aus. Und "nebenbei" widmete sich der Satiriker diesmal der "strahlenden" Geschichte der Kernenergie.

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"Richtig sauer": Böhmermann schaltet abermals nach Coburg

Kaum noch ein ZDF-"Magazin Royale" kommt ohne eine Folge der Satire-Soap aus dem bunten Leben der oberfränkischen Unternehmerfamilie Brose/Stoschek aus. Und "nebenbei" widmete sich der Satiriker diesmal der "strahlenden" Geschichte der Kernenergie.

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Von
  • Peter Jungblut

Es scheint so, als ob er mit der Coburger Unternehmerfamilie Stoschek längst eine Art Symbiose eingegangen ist: Die liefert ihm quasi wöchentlich neuen Stoff. Zuletzt ist Gesellschafter und Milliardär Michael Stoschek aus der CSU ausgetreten. Warum? Böhmermann ließ sich diese Steilvorlage nicht entgehen und gab die Antwort im Stakkato, wie immer reich bebildert mit Karten-Logos: "Der Milliardär Michael Stoschek ist mal wieder sauer, sogar richtig sauer, denn auf seinen Brief, den er geschrieben hat an den CSU-Ministerpräsidenten und –Chef Markus Söder, bekam er bisher wie viele Antworten? Null! In einem emotionalen Hilfeschrei, oder je nachdem, wie herum man diesen Brief hält, aggressiven Manipulationsversuch, schrieb Michael Stoschek, Milliardär und Gesellschafter der Brose Fahrzeugteile SE – ja, Sie haben richtig gehört, nicht AG, sondern SE - an Söder, sorge mal schnell dafür, dass der Stadtrat von Coburg zum vierspurigen Ausbau der Bundesstraße 4 ja sagt und nicht irgendwas anderes."

"Stoschek aus der CSU ausgetreten? Oh Gott!"

Demnach hatte Stoschek ein sehr konkretes Anliegen: "Der Stadtrat hat den Ausbau der B4 zwar schon abgelehnt, Markus Söder solle aber bitte ein geeignetes Signal an die Spitze der Coburger Stadtverwaltung geben, um dort eine erneute Befassung und andere Bewertung anzustoßen. Denn nur, wenn Coburg dem Ausbau der B4 zustimmt, will Brose seinen Geldspeicher öffnen und 173 Millionen in Coburg investieren, in ihren eigenen fucking Firmensitz. Wenn nicht, dann natürlich nicht. Aber oh Gott, Markus Söder ließ sich mit seiner Antwort so lange Zeit, nach vier Wochen Warten riss Michael Stoschek die Hutschnur: Unerhört, als ob Markus Söder gerade was Wichtigeres im Kopf hat als das Wachstum der Brose Fahrzeugteile SE. Darum ist Michael Stoschek aus Protest gegen Markus Söder mit sofortiger Wirkung aus der CSU ausgetreten. Oh Gott!"

So einmischungs- und meinungsfreudig, wie Michael Stoschek nun mal zu sein scheint, dürfte es nicht sein letzter Auftritt in Böhmermanns "Magazin Royale" im ZDF gewesen sein. Was der Satiriker übrigens diesmal nicht ergänzte: Stoschek warf der örtlichen CSU eine angeblich "mangelnde Unterstützung" im Coburger Stadtrat vor, als es 2015 um die Finanzierung von Initiativen gegangen sei, die NS-Historie der Stadt aufzuarbeiten. Diese Forschung halten Stoschek und seine Firma nach eigener Aussage für "außerordentlich wichtig". Ausgerechnet der Unternehmensgründer und NS-Wehrwirtschaftsführer Max Brose wird zu den Mitläufern gerechnet und von Böhmermann immer wieder als "Nazi" beschimpft.

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Bildrechte: Boris Roessler/Picture Alliance

Protest gegen Kernkraft

Danach ging es bei Böhmermann um "strahlenden Müll", und damit war "ausnahmsweise nicht Love Island bei RTL gemeint": "Wir stehen vor einem der größten Probleme Deutschlands, neben der Musik von Reinhold Beckmann." Ende 2022 sollen die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden – Anlass für einen wenig erfreulichen Rückblick auf die Geschichte der Atomenergie, der schon die frühen Forscher Henri Becquerel und Marie Curie erlegen seien: Sie starben höchstwahrscheinlich an der Strahlenkrankheit. "Um Atomkraft sollte sich in Deutschland besser mal jemand kümmern, der vor nichts Angst hat, nicht mal vor der eigenen Inkompetenz", forderte Böhmermann und erinnerte an Franz-Josef Strauß, der ab 1955 Minister für Atomfragen war. Insofern ist auch ihm zu verdanken, dass die Sowjetunion zerfiel "wie Radium". Doch: "Wir dachten, Atomkraft wäre so sicher wie Dieter Bohlens Platz in der DSDS-Jury." In doppelter Hinsicht ein Irrtum, wie kundige Medienkonsumenten wissen.

Ist Carsten Maschmeyer "biologisch abbaubar"?

"1.900 blaue Riesen-Tupperdosen mit unserem Müll sind das strahlende Souvenir von unserer kurzen deutschen Stippvisite in die wunderbare Welt der Atomkraft", so Böhmermann: "Wegen sechzig Jahren billigen Atomstroms haben wir jetzt diese Castor-Dosen, gefüllt mit tödlichem, hoch radioaktivem Atommüll an der Backe." Und das in der Tat Betrübliche daran: "Radioaktivität lässt sich fast so schlecht biologisch abbauen wie das Gesicht von Carsten Maschmeyer. Er und Atomkraft, beides irgendwie superbillig, aber superschlecht kompostierbar."

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Bildrechte: Sven Hoppe/Picture Alliance

Jan Böhmermann

Böhmermann versuchte, seine Physikkenntnisse zu mobilisieren, scheiterte aber weitgehend: "Nach der großen Pause riechen Physiklehrer immer nach Mariacron, also Vorsicht mit offenem Feuer." Immerhin, er hatte nachgeschlagen, dass das Plutonium-Isotop 239 rund 240.000 Jahre benötigt, bis es einigermaßen harmlos ist: "Liebe Oma, Ihnen wird jetzt vermutlich vor Schreck die Ilja-Rogoff-Kapsel in den Doppelherz-Granufink-Smoothie gefallen sein, weil Sie gehört haben, oh Gott, Atommüll ist gefährlich." Doch vor Jahrzehnten sah das die Kernkraft-Lobby noch ganz anders: "Ein Kernkraftwerk strahlt Sicherheit aus", hieß es damals in einem Werbespot. Und Experten hielten es für "unmöglich", dass ein Reaktor explodieren könne.

HB rauchen und Uranstäbe nach München fahren

Sehr unterhaltsam auch die Anekdote, wonach Franz-Josef Strauss mal als kleine Anerkennung seines segens- und strahlungsreichen Wirkens einen 20 Kilo Uranstab geschenkt bekam und sich ein eifriger Bewunderer anbot, das Ding im Auto mit nach München zu nehmen: „Früher war alles besser. Mit einem 20-Kilo-Uranstab im Opel Senator schön über die A 3, dabei nicht anschnallen, Fenster zu, eine Schachtel HB rauchen und wenn die Kinder auf dem Rücksitz irgendwie geil sagen oder Beatmusik hören wollen, dann zeigt der Papa mal, was er bei der Waffen-SS gelernt hat, und jetzt ist Ruhe, Jochen und Manfred, so hießen die Kinder früher, in dieser Zeit."

100.000 Tonnen Atommüll rotten übrigens irgendwo in den Weltmeeren in Fässern vor sich hin, die nach Auffassung von Fachleuten "zumindest teilweise nicht mehr in Takt" seien. Bis 1994 sei die maritime Entsorgung offiziell erlaubt gewesen: "So was wäre heute natürlich undenkbar, denn jeder weiß, ins Meer gehört nur Plastik." Heute werde Atommüll "nur noch" über Rohre abgeleitet, und Buch-Autor und Nukear-Fan Hartmut Nies sagte in einer Einblendung: "Wir haben gesehen, dass die Verdünnungskapazität im Meer so ungeheuer groß ist! Das haben wir gesehen an den Ableitungen, die von Sellafield und La Hague abgeleitet wurden, wo das über viele Jahre verdriftet ist mit entsprechenden Strömungen, so dass, wenn dieses Wasser eben nicht Meerwasser wäre, es sogar als Trinkwasser zu gebrauchen wäre."

Was machen eigentlich die "Atomsemiotiker"?

Böhmermann hatte schon die "Atom-Schorle, prickelt länger, als man trinkt" auf der delikaten Zunge. Tatsächlich sollen die Krebserkrankungen rund um La Hague und Sellafield "deutlich erhöht" sein. Abschließend lenkte der Satiriker den Blick der Zuschauer auf die Landkarte: Beide Zwischenlager, Morsleben und Gorleben, liegen direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze: "Sollen doch beim Klassenfeind im Westen die Wildschweine im Dunkeln leuchten", hätten sich die DDR-Gewaltigen wohl gedacht. Und im Westen habe Niedersachsens CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht "mal Bock" gehabt, "die Ostzonalen zu ärgern".

Eine Million Jahre soll ein deutsches Endlager durchhalten, so ein Bundestags-Beschluss. Da sind "Atomsemiotiker" gefragt, die erforschen sollen, mit welchen Zeichen der Homo Sapiens seinen dereinstigen Nachfahren Mitteilungen machen kann über die Gefährlichkeit des Atommülls. Zwei Generationen hätten vom billigen Atomstrom profitiert, 40.000 Generationen müssten mit dem Müll klarkommen. Als denkbare Signale zur Gefahrenabwehr würden Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei" diskutiert oder auch genmanipulierte Katzen, die leuchten.

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Bildrechte: Kirsten Nijhof/Picture Alliance

Bekam es ab dicke ab: Hendrik Streeck

Der derzeit auf eigenen Wunsch freigestellte "BILD"-Chefredakteur Julian Reichelt wurde übrigens auch kurz "gegrüßt". Er muss sich derzeit Medienberichten zufolge Vorwürfen wegen sexueller Belästigung und Drogenmissbrauchs erwehren: "Seiner Brille nach zu urteilen ist er bayerischer Weißbierpilot. Mit Panama-Hut und Sektflöte erkennt man ihn besser."

Abrechnung mit Hendrik Streeck

Auch seinen Twitter-Zoff mit Star-Virologe Hendrik Streeck setzte Böhmermann im "Magazin Royale" fort. Der Satiriker hatte vor einigen Tagen für die Sendung "ZDF-Zeit: Corona – Pandemie ohne Ende? Fakten mit Hendrik Streeck" auf seinem Twitterkanal nur fünf Worte übrig gehabt: "Ich kann einfach nicht mehr." Das konnte vieles bedeuten. Erst die Reaktion des Virologen löste einen Schlagabtausch aus: "Sie sprechen uns allen aus dem Herzen", hatte Streeck geantwortet. Das löste bei Böhmermann offenkundig einen Beißreflex aus. Jedenfalls machte er zum Thema, dass der Virologe im Beirat von Janssen Pharmaceutica sitzt, ein Unternehmen, das zu Johnson & Johnson gehört und einen Impfstoff entwickelt hat.

Das Serum wird nach Auffassung von Böhmermann von Streeck ständig "enthusiastisch angepriesen". Für den ZDF-Moderator ist das "merkwürdig": "Sie vermischen seit Monaten Expertise mit Ihren persönlichen Interessen, PR und politischen Erwägungen Dritter und verkaufen das der Öffentlichkeit als 'neutrale Wissenschaft'." Das sei "super unseriös".

Im "Magazin Royale" bezeichnete Böhmermann den Virologen ironisch als "Twitterfreund", der "eine bemerkenswerte Karriere hinter sich" habe. Mit Fotos belegte der Moderator, dass Streeck 2018 und 2019 gemeinsam mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dessen Ehemann Daniel Funke und dem ehemaligen US-Botschafter Richard Grenell, Gartenpartys zum jeweiligen Gay Pride feierte. Dort war auch die PR-Lady und Influencerin Marie Wellmann geladen, was Böhmermann besonders störte, da sie nicht nur zeitweise Sprecherin der US-Botschaft war, sondern auch mit Ivanka Trump und BILD-Chefredakteur Julian Reichelt für Fotos posierte.

"Garten-Party mit merkwürdigen Gestalten"

"Einmal im Internet falsch abgebogen, und man rutscht aus Versehen von einer harmlosen Luftballon-Party mit Hendrik Streeck, meinem Lieblings-Virologen, in die große Weltpolitik", so Böhmermann, der sich fragte, was in der "weirden Bubble der Stars und Sternchen" so abgehe. "Das kann mal passieren, dass man als unerfahrener Virologe versehentlich auf einer Gartenparty landet, auf der auch ein paar merkwürdige Gestalten rumlaufen, wie zum Beispiel Influencerin Marie Wellmann. Aber dann geht man da im nächsten Jahr nicht noch mal hin."

So, wie es aussieht, ist Böhmermann fest entschlossen, Streeck auch künftig sehr kritisch zu begleiten: "Wenn man nur lang genug in Gesellschaft der richtigen Leute forscht, dann wird man Deutschlands bestfrisierter, unabhängigster und seriösester Virologe. Nur durch wissenschaftliche Kompetenz. Do it the Streeck way!"

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