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Bunter "Regenbogen": Klatschpresse im Regal

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    "Richtig fette Reichweite": Böhmermann entblättert Klatschpresse

    Ein "Fitzelchen Wahrheit" reicht für Riesen-Auflagen: Der ZDF-Satiriker schnupperte diesmal durch die deutsche Regenbogen-Presse, die mit Fake-Interviews, Foto-Drohnen und kalkulierten Rechtsbrüchen arbeite. Stoff für ein neues Satire-Blatt am Kiosk.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Einen "Deep Dive in die Medienwelt des letzten Jahrhunderts" wagte Jan Böhmermann in der neuesten Ausgabe seines „Magazin Royale“ im ZDF und blätterte einmal quer durch die deutsche Regenbogenpresse: "Wer hätte da Lust zu, in diesem Dreck zu wühlen?“ Natürlich ließ sich der Provokateur nicht lange bitten und sprach fortan vom "Quantitätsjournalismus“ in klarer Abgrenzung vom "Qualitätsjournalismus“. Die "bunten Blätter“ hätten nämlich eine "richtig fette Reichweite“, kämen wöchentlich auf drei Millionen Exemplare und damit weit mehr als die seriösen Titel wie "Spiegel“, "Stern“ und "Focus“: "Das sind doch nur Spaßblättchen, die man seiner Oma nach dem Oberschenkelhalsbruch in die Geriatrie mitbringt? Stimmt nicht, diese Zeitschriften kaufen richtig, richtig viele Leute." Allein die "Freizeitrevue" komme auf wöchentlich 518.100 Exemplare (viertes Quartal 2020).

    "Solchen Männern kann man vertrauen"

    „Ich würde Lügenpresse sagen, aber der Begriff ist leider etwas vorbelastet wegen dieses Faschisten, der sich den Trick mit der Lügenpresse von diesem Faschisten abgeguckt hat", schränkte Böhmermann ein und zeigte eine Fotomontage mit AfD-Rechtsaußen Björn Höcke und NS-Propaganda-Minister Joseph Goebbels. All die Klatschblätter hätten „im vergangenen Jahr mehr Zeit beim Friseur verbracht als wir alle zusammen“.

    Als einen der wichtigsten Akteure am Markt machte Böhmermann Philipp Welte aus, den „Vorstand Medienmarken National“ bei Hubert Burda Media: „Er sieht aus wie ein Mann, der nach zwei Gläsern Champagner jedem Partygast erzählt, dass die Vasektomie wirklich die beste Entscheidung seines Lebens war. Ganz kleiner Eingriff, es war super-unangenehm kurz, aber es war eine Top-Entscheidung. Solchen Männern kann man vertrauen.“

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    Bildrechte: Patrick Seeger/Picture Alliance

    Verleger Hubert Burda

    Welte kam in einer Einspielung zu Wort und sagte: „Wir garantieren tatsächlich den Wahrheitsgehalt dessen, was wir transportieren – also das ist eine garantierte Qualität der Information.“ Dazu Böhmermanns Kommentar: „Dann können wir ja beruhigt sein, wenn das ein Mann sagt, der aussieht wie der erste Treffer in der Google-Bildersuche, wenn man 'seriös, erfolgreich plus Ehebruch' eingibt. Was der sagt, muss stimmen.“ Die Verlage Bauer, Alles Gute, Klambt und die Funke Mediengruppe gingen für ihren wirtschaftlichen Erfolg „über Leichen, oder wenigstens über Koma-Patienten“, so der ZDF-Satiriker.

    "Prinz William trägt manchmal Brille"

    Er zählte auch einige bizarre Beispiele auf über den wahrhaft „riesenhaften“ Abgrund, der zwischen Schlagzeilen und tatsächlichen Inhalten klafft. So hieß es unter dem Titel „Lebe wohl, guter Benedikt! Kommt jetzt sein dunkles Geheimnis ans Licht?“ im Text recht prosaisch: „Der frühere Papst Benedikt XVI. ist an einem Hautausschlag erkrankt.“ Wer die „Horrormeldung“ las: „Helene Fischer: Aus der Traum! Die bittere Wahrheit über ihren Freund Thomas“ bekam lediglich die Info: „Er wollte eigentlich Kunstturner werden, aber mit 1,90 Metern war er zu groß.“ Und hinter der Meldung „Prinz William: Schock zum 38. Geburtstag! Wird er seine Lieben nie wiedersehen?“ verbarg sich die in der Tat „betrübliche“ Botschaft: „Prinz William trägt manchmal eine Brille.“

    „Ein Fitzelchen Wahrheit zur größtmöglichen Skandalschlagzeile aufblasen, so dass es gerade eben noch juristisch erlaubt ist, das ist der Kern des Geschäftsmodells“, kritisierte Böhmermann das Verhalten der Klatschblätter. Als Helmut Kohl angeblich „lebendig eingemauert“ worden sei, sei das nur ein „meterhoher Sichtschutz“ gewesen, den dessen Ehefrau gegen die Neugier der Journalisten errichten ließ. Und Corinna Schumacher habe sich auf dem eigenen Grundstück gegen „Foto-Drohnen“ wehren müssen.

    "Kisten noch nicht ausgepackt"

    Frei erfundene oder jedenfalls ohne jede Quellenangabe geführte Interviews mit Hollywood-Stars gehören Böhmermann zufolge zum Geschäftsmodell der „Freizeitwoche“. Die habe seit 2005 sechs Interviews mit Sandra Bullock geführt. Eine freie Mitarbeiterin habe die Texte „von einem englischen Kollegen übernommen“, könne aber keine Auskunft geben, wer das gewesen sei und wann die Gespräche geführt wurden. Belege könne die Journalistin leider nicht finden, weil sie gerade umgezogen sei und die entsprechenden Unterlagen aus den „Kisten noch nicht ausgepackt“ habe. Das kostete die "Freizeitwoche" im September 2018 bei einem Verfahren vor dem Hamburger Landgericht 50.000 Euro Schadenersatz. Insgesamt habe die „Freizeitwoche“ rund 150 Hollywoodstars einvernommen.

    Zu diesem Geschäftsgebaren der Regenbogen-Branche äußerte sich Medienanwalt Christian Schertz in einem Einspieler. Die Verlage sagten sich: „Wir haben einfach diese Auflage, wir machen damit Auflage und so lange sich so ein kalkulierter Rechtsbruch lohnt, werden auch diese Magazine diese Dinge weiter tun.“ Rechtskosten seien in diesen Fällen „ganz normale Betriebskosten“. Dazu Böhmermann: „Sich auf das Presse-Privileg zu berufen, obwohl man gar keinen richtigen Journalismus macht, hat für die Verlage viele Vorteile.“

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    Bildrechte: Sven Hoppe/Picture Alliance

    Jan Böhmermann

    Auch Verleger-Legende Hubert Burda bekam sein Fett weg und wurde als „rosenkohlförmiger Brillen-Schlumpf“ bezeichnet. Er ist übrigens „Titelheld“ im eigens gedruckten „Freizeit-Magazin Royale“, das vom ZDF in einer Auflage von 500.000 Stück an den Kiosken vertrieben wird: „Wie er mit Intrigen, Inzucht und Inkontinenz Millionen machte“. Der „Satire-Spaß“ hat 32 Seiten und beschäftigt sich ausschließlich mit den Machern der Klatschpresse, darunter Bauer-Verlags-Erbin Yvonne Bauer: „Schädel-Schock: Wie lange liegt sie noch im Koma?“

    Schwärzungen auf gerichtliche Anordnung würden den Blättern übrigens wenig ausmachen, so Böhmermann: „Das juckt die Verlage natürlich nicht, denn bis ein Gericht entscheidet, dass etwas raus muss aus der Zeitschrift, sind ihre gedruckten Hefte längst verkauft. Und online liest Oma das sowieso nicht.“

    "Bundesnotbremse? War das nicht Mats Hummels?"

    Dass Angela Merkel jetzt mit dem umstrittenen AstraZeneca-Impfstoff gegen das Corona-Virus immunisiert wurde, bedeutet nach Böhmermann: „Alles, was sie ab sofort entscheidet, gilt nur für Menschen über sechzig und nicht in Dänemark, ganz wichtig, sonst gibt es Ärger mit Armin Laschet.“ Und die Kanzlerin plant angeblich den „großen Sprung“: „Steffen Seibert hat mir geschrieben, es geht ihr gut, der Kanzlerin, nächste Woche ist sie Überraschungskandidatin bei Ninja Warrior. Im schwarz-rot-goldenen Spandex-Anzug kommt sie dahin und zack, in zehn Sekunden auf den Mount Midoriyama rauf.“ Diese "Erhebung" ist in der RTL-Hindernis-Parcours-Sendung übrigens das "höchste" Ziel aller Kandidaten im Finale.

    Spott gab's für das geplante bundesweite Infektionsschutzgesetz: „Bundesnotbremse, wie deutsch kann ein Wort sein? War das nicht früher mal der Spitzname von Mats Hummels?“

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