Porträt des Musikers

Dirigent Riccardo Muti

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    Riccardo Muti über Opern-Zensur: "Man macht Verdi zum Rassisten"

    Riccardo Muti über Opern-Zensur: "Man macht Verdi zum Rassisten"

    Mit harschen Worten fordert der Star-Dirigent mehr "Mut" gegen Politische Korrektheit. Es sei "wichtig", den Jüngeren im Original zu vermitteln, was früher getextet wurde, auch in Opern: "Wir ziehen Michelangelos David ja auch keine Unterhosen an."

    Mit 81 muss der gebürtige Neapolitaner Riccardo Muti niemandem mehr nach dem Munde reden und auch nicht um seine Karriere fürchten. Er hat längst alles erreicht und erlaubt sich im Gespräch mit der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT daher, ohne irgendwelche Rücksichten über moderne Musik und politische Korrektheit zu schimpfen. Zum Beispiel ist der hoch bezahlte Pult-Star der Ansicht, dass korrigierende Eingriffe in die Textbücher von Opern nicht angemessen sind, auch nicht aus Rücksicht auf Menschen mit schwarzer Hautfarbe: "Ich sehe das anders. Heute wissen wir, dass Diskriminierung, ob ethnisch oder sexuell, ein entsetzlicher Fehler ist. Aber wir müssen den jungen Leuten sagen: Schaut her, diese Fehler wurden damals gemacht, passt also auf, nicht in die gleiche Falle zu tappen."

    "Wissen lassen, was geschrieben wurde"

    Daher kam bei einer "Maskenball"-Aufführung in Chicago auch der im Original zu lesende Satz vor, die Wahrsagerin Ulrica sei "dem Negerstamm entsprossen" (italienisch "S’appella Ulrica – dell’immondo/ Sangue de’ negri"), was in deutschen Text-Fassungen häufig mit dem auch nicht gerade zeitgemäßen Begriff "Zigeunerstamm" übersetzt wird. Muti zitiert die Stelle in der ZEIT sogar mit den Worten, Ulrica werde als Frau vom "unreinen Blut der Neger" bezeichnet: "Das ist ein ungeheuerlicher Satz. Aber Verdi legt ihn dem weißen Richter in den Mund und macht ihn damit lächerlich. Er entlarvt ihn. Nicht nur das: Der Gouverneur von Boston [im Stück] und vor allem Oscar, sein Page, verteidigen sie und plädieren sinngemäß dafür, Gnade walten zu lassen. Es ist also richtig, die Menschen wissen zu lassen, was geschrieben wurde und warum. Wenn man es ändert, macht man Verdi zu einem Rassisten."

    Auch in Mailand hielt Muti übrigens an der Passage fest: "Diesen Satz an der Scala zu ändern hatte überhaupt keinen Sinn. Es ist wichtig, dass die nachfolgenden Generationen wissen, was in der Vergangenheit los war, im Guten wie im Schlechten. Wir ziehen ja auch Michelangelos David keine Unterhosen an."

    Manches hält Muti "für übertrieben"

    Gesungen wurde der aus heutiger Sicht unerträgliche Satz in Chicago obendrein vom schwarzen, aus Südafrika stammenden Tenor Lunga Eric Hallam. Dem habe er jedoch sein Anliegen auseinander gesetzt, so Muti, woraufhin der Sänger nicht "das geringste Problem" gehabt habe: "Wenn ich an einem Ort bin, wo auf Political Correctness großen Wert gelegt wird, weiß ich, dass ich gewisse Grenzen nicht überschreiten darf, um niemanden vor den Kopf zu stoßen." Letztlich halte er jedoch für "übertrieben", so der Dirigent, wenn er gebeten werde, im Englischen statt "oriental" lieber das Wort "asian" zu verwenden. Den Vorschlag, sich selbst als "caucasian" zu bezeichnen, lehnte Muti mit dem Verweis darauf ab, dass sei für einen "Bauern aus Molfetta" eine "Beleidigung".

    Krach um das Wort "Führer" in Bayreuth

    Auch in Bayreuth gab es in der letzten Saison Schlagzeilen, weil Festspielchefin Katharina Wagner entgegen der Meinung von Dirigent Christian Thielemann darauf beharrt hatte, dass im "Lohengrin" nicht mehr das Wort "Führer" gesungen werden darf. Es wurde durch "Schützer" ersetzt. Die "Heil"-Rufe wurden allerdings beibehalten. Thielemann hatte daraufhin der "Welt" gesagt: "Wenn ich sehe, mit welcher Akribie das durchgezogen wird, würde ich von konservativer Politik schon erwarten, dass sie sagt: Jetzt kümmern wir uns erst einmal darum, dass das Land vernünftig funktioniert, bevor wir darüber nachdenken, welche Werke der Weltliteratur man umschreiben könnte."

    "Wir machen Schuhe für wenige Intellektuelle"

    Auch bei seinen Einlassungen zu moderner Musik scheute Muti keine Provokation. Die "berühre" die Menschen nicht und dabei gerinne die "Milch zu Ricotta": "Ich habe sehr viel zeitgenössische Musik aufgeführt, und deshalb bin ich bestimmt nicht so blind, taub und rückständig, zu behaupten, dass sei alles nichts. Aber ich glaube, auch wenn man mir hundertfach widersprechen wird, dass unser biologisches System noch immer auf das tonale System geeicht ist." Dissonanz erzeuge "Spannung, Unbehagen, Verstörung", so der Traditionalist: "Heute machen wir Schuhe für wenige Intellektuelle, die für diese neuen Formen, Klänge und Harmonien ein Faible haben."

    Bayreuth war ihm zu "vergangenheitsbelastet"

    Dass er nie auf dem Grünen Hügel in Bayreuth dirigiert hat, erklärt Muti damit, dass ihm der Ort zu "vergangenheitsbelastet" sei. Er sei dort einmal für den "Tannhäuser" im Gespräch gewesen: "Ich sah mir alles an und fand es hochinteressant und verlockend, doch ich konnte nicht Feuer fangen. Ich musste an Salzburg denken, an die Berge und an das nahe Italien und dachte mir, dass ich Wagner lieber an der Scala machen möchte."

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