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Szene aus "Rheingold", dem neuen Film von Fatih Akin

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Fatih Akins "Rheingold": Heldenepos, mit seltsamen Untertönen

Fatih Akins "Rheingold": Heldenepos, mit seltsamen Untertönen

"Rheingold" hätte das Zeug zu einem guten Film gehabt. Aber Regisseur Fatih Akin interessiert sich nicht wirklich für das Leben des Rappers Xatar – und bleibt so ziemlich häufig sehr eindimensional.

Xatar ist einer der großen Stars des deutschen Gangsterraps. Fatih Akin lässt ihn in seinem neuen Film von Emilio Sakraya spielen, dem jungen Schauspieler, geboren 1996 in Berlin, Mutter aus Marokko und Vater aus Serbien. Sakraya ist großartig, er spielt ungemein physisch, besitzt eine umwerfende körperliche Präsenz und wurde auch deshalb dieses Jahr auf der Berlinale 2022 zu einem der European Shooting Stars gewählt. Er passt gut zu Akins Art, Filme zu drehen.

Der Hamburger Akin ist kein großer Regisseur, eher ein solider Handwerker, aber er hat ein Näschen für tolle Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller. Das rettet oft seine Filme. Das war schon 2004 beim ersten Erfolg "Gegen die Wand" so, als die damals unbekannte Sibel Kekilli eine junge, rebellierende, in Deutschland geborene Türkin spielte; das setzte sich fort mit dem Rachethriller "Aus dem Nichts", in dem Diane Krüger nach einem rechtsextremistischen Anschlag das Recht selbst in die Hand nimmt – und es ging weiter mit Jonas Dassler, der in "Der Goldene Handschuh" den Serienmörder Fritz Honka darstellt.

Akin glorifiziert seinen Helden

Durch die Wahl seiner Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller und durch ihr Spiel macht Fatih Akin sehr ambivalente reale Charaktere zu Identifikationsfiguren. Für "Rheingold" kann man sagen: Akin glorifiziert seinen Helden, den deutschen, kurdisch-stämmigen und so erfolgreichen Rapper. Der ist einer, der nicht genug kriegen kann, der immer alles will. Dessen schillernde, ungewöhnliche Biografie und das zwischenzeitliche Abgleiten in die Schwerkriminalität wären durchaus Stoff für eine differenzierte und differenzierende Geschichte, aber dafür ist Akin der falsche Regisseur.

So wird aus einem höchst zwiespältigen Leben ein Heldenepos, mit seltsam machistischen Untertönen und einem Frauenbild, das zwischen Hure und Heiliger kaum Alternativen bietet. Akin interessiert sich nicht wirklich für Xatars Leben, auch nicht für dessen Musik – er will vielmehr einen coolen Typen zeigen, der auch mal sympathisch dämlich sein darf, wie etwa beim Überfall auf einen Geldtransporter, und der ansonsten den schön in Szene gesetzten Klischees des Gangsterraps entspricht: Goldkette und Glatze, Lederjacke und Kraftausdrücke.

Hauptdarsteller Emilio Sakraya kann den Film nicht retten

Dabei hätte "Rheingold" das Zeug zu einem guten Film gehabt. Die erste halbe Stunde besitzt als familiäre Flucht- und Vertriebenengeschichte durchaus Potenzial. Xatars Vater Eghbal Hajabi ist ein bedeutender Komponist und Dirigent, der 1979 mit seiner Frau vor Ayatollah Khomeini aus Teheran in den Irak flüchtet. Der schließlich von Paris nach Bonn kommt, wo er dann irgendwann in der Oper am Pult für Richard Wagners "Rheingold" steht. Ausgerechnet. Da ist Xatar noch ein Kind.

Doch diese Steilvorlage für eine ergreifende Erzählung über Heimatverlust und kulturelle Identität, über Krieg und Widerstand, über Kunst und Selbstfindung nimmt Fatih Akin nicht auf, um am Ende vor allem seine Filmfigur zu idealisieren – so ganz nach dem Motto: Auch wenn du Verbrechen begangen hast und skrupellos bist, kannst du ein guter Familienvater sein und ein erfolgreicher Geschäftsmann werden. Das mag ja so sein – nur: In "Rheingold" wird das so eindimensional unhinterfragt dargestellt, dass man den über zwei Stunden langen Film mit zunehmender Dauer kaum mehr aushält. Da hilft dann auch der großartige Hauptdarsteller Emilio Sakraya nicht mehr weiter.

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