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Fluch über die Bücherwürmer: "Das Rheingold" in Landshut | BR24

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In Niederbayern sind die Nibelungen daheim, und zwar seit 800 Jahren: In Passau wurde das Epos mutmaßlich erstmals niedergeschrieben. Jetzt folgt Wagners "Ring". In Landshut ist eine ehrgeizige, aber auch traditionelle "Rheingold"-Deutung zu sehen.

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Fluch über die Bücherwürmer: "Das Rheingold" in Landshut

In Niederbayern sind die Nibelungen daheim, und zwar seit 800 Jahren: In Passau wurde das Epos mutmaßlich erstmals niedergeschrieben. Jetzt folgt Wagners "Ring". In Landshut ist eine ehrgeizige, aber auch traditionelle "Rheingold"-Deutung zu sehen.

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Höchste Zeit, dass Richard Wagners Nibelung endlich in Niederbayern vorbeischaut, sozusagen auf Verwandtenbesuch. Den berühmten Fluch hat er ja praktischer Weise immer dabei. Das Nibelungen-Epos jedenfalls soll aus Passau stammen, wo der damalige Fürstbischof Wolfger von Erla offenkundig ein früher Fantasy- und Actionfan war. Jedenfalls finanzierte er vor gut 800 Jahren mutmaßlich die erste Textfassung der germanischen Untergangs-Saga. Passau ist also Nibelungen-Stadt, Plattling kommt auch mit zwei Zeilen vor, und Landshut steuert jetzt immerhin Wagners "Ring" bei, diesen monströsen Vierteiler, der zwar mit den mittelalterlichen Nibelungen von der Donau nicht viel zu tun hat, dafür aber umso mehr mit den Nibelungen vom Rhein.

Der "Ring" kann nicht mehr schrecken

Die unterschiedliche Betonung ist in Niederbayern also besonders wichtig. Richard Wagner ließ sich ja mehr von der nordischen Sagenwelt inspirieren als vom berühmten Mittelalter-Epos, aber beides geht nun mal nicht gut aus. Stefan Tilch, der Intendant des Landestheaters Niederbayern, hatte sich bereits an Wagners "Tristan und Isolde" getraut, insofern konnte ihn der "Ring" nicht mehr schrecken. Klar, er weiß, dass ihn manche für diesen Ehrgeiz belächeln, schließlich hat er eigentlich weder die Sänger, noch das Orchester für Wagners Musikdramen, und die Raumsituation ist auch alles andere als optimal. In Landshut muss Tilch seit Jahren in einem Zelt spielen, in Passau kommt für Wagner-Projekte nur die unwirtliche Dreiländerhalle in Frage, und am dritten Spielort, in Straubing, sind die technischen Verhältnisse auch äußerst beschränkt.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Nibelungen beim Schuften

Dieser "Ring" ist also fairerweise nicht mit ähnlichen Produktionen in anderen Klein- und Mittelstädten wie Meiningen oder Dessau zu vergleichen, wo es jeweils große Theaterbauten mit der nötigen Akustik und technischen Ausstattung gibt. In Landshut und Passau ist der Weg das Ziel, also den "Ring" überhaupt ins Auge gefasst zu haben. Eine staunenswerte Leistung, und eine wichtige dazu, denn nur so lässt sich ein Ensemble, das jahrelang in Provisorien auftreten muss, motivieren! Tatsächlich war der Auftakt mit dem "Rheingold" alles andere als peinlich oder bemüht. Sicher, Dirigent Basil Coleman hatte alle Hände voll zu tun, das Orchester beisammen zu halten. Die Blechbläser kamen hörbar an ihre Grenzen und manchmal auch darüberhinaus, aber insgesamt stimmte die Klangbalance, war Coleman weder zu laut, noch zu pauschal.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

In der Bibliothek

Götter als schrullige Gelehrte

Eine Interpretation freilich, eine Handschrift, die war nicht zu erkennen, und das gilt auch für die Regie. Was Stefan Tilch eigentlich an dem Projekt inhaltlich interessiert hat, blieb schleierhaft. Ausstatter Karlheinz Beer hatte ein paar Bücherregale entworfen, Schauplatz ist also eine Bibliothek, was auf den mittelalterlichen Musenhof Passau deuten könnte. Wirklich plausibel war das aber nicht, zumal die Mitwirkenden immer wieder Büchertreppen erklimmen mussten, als ob sie schrullige Gelehrte sein sollten, überdeckt vom Staub der Jahre. Werden sie für ihre Bildungsbeflissenheit verflucht? Die Rheintöchter erinnerten an Tempeltänzerinnen, Feuergott Loge legte seine Zigarette nie aus Hand, der Nibelung Alberich und der Göttervater Wotan teilten sich die Liebe zu langen Mänteln mit Pelzkragen. Das war alles sehr museal, statisch, fast schon konzertant.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Alberich beim Rheintöchter-Tanz

Allerdings konnten sich die Sänger so ganz auf ihre stimmlichen Leistungen konzentrieren. Und aktuelle bis sehr aktuelle Wagner-Deutungen gibt es ja wahrlich genug, da kann ein eher biederer, traditioneller Landshuter "Ring" nicht schaden. Besonders überzeugend waren der taiwanesische Tenor Ya-Chung Huang als Loge und Stefan Stoll als Alberich: Allzeit textverständlich und schauspielerisch engagiert, stimmlich unangestrengt und souverän. Auch Stephan Bootz als Wotan war seiner Rolle sängerisch durchaus gewachsen, wenn auch nicht sonderlich dominant im Auftreten. Insgesamt ein unaufgeregter "Ring"-Auftakt, der sehr freundlich beklatscht wurde. Und Bayerns Kunstminister Bernd Sibler fühlte sich schon im Vorhinein vom "Rheingold" an seinen Ärger mit diversen Bau- und Renovierungsprojekten erinnert: Bekanntlich wächst Wotan sein Walhall finanziell über die Ohren, eine Erfahrung, die er mit heutigen Regierungen teilt.

Wieder am 30. April in Straubing, am 5. Mai in Landshut und 16. und 18. Mai in der Dreiländerhalle Passau.

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