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Wie Paulus Hochgatterer in seinem neuen Roman Rache übt | BR24

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Dorfidylle als vielschichtiger Kosmos : Hier gelten andere Gesetze und Regeln als in der Großstadt

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Wie Paulus Hochgatterer in seinem neuen Roman Rache übt

Gedemütigte Kinder spielen in vielen Romanen von Paulus Hochgatterer eine wichtige Rolle. In "Fliege fort, fliege fort" verteidigt der österreichische Autor und Kinderpsychiater seine jungen Klienten und schlüpft in die Rolle des Racheengels.

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Man muss sich Furth am See als prototypische österreichische Kleinstadt vorstellen – als fiktive Mischung, wenn man so will, aus Villach, Bregenz, Zell am See und Gmunden. Furth am See: Das ist der Schauplatz von Paulus Hochgatterers aktuellem Roman. Eingefleischte Hochgatterer-Leser werden sich erinnern, dass bereits zwei frühere Romane des Autors, "Die Süße des Lebens" und "Das Matratzenhaus", in diesem nach außen hin idyllisch wirkenden Städtchen gespielt haben. Und wie in den beiden früheren Romanen wird Furth am See auch diesmal von rätselhaften Ereignissen heimgesucht: "Furth am See hat diese kleinstädtische Gesellschaft, wie man sie kennt: ein wenig anständig und etwas mehr unanständig.", meint der Autor. Und da Paulus Hochgatterer selbst in der Josef-Fritzl-Stadt Amstetten aufgewachsen ist, weiß er, wovon er spricht.

Mit Furth am See hat sich der 58-Jährige einen fiktionalen Kosmos geschaffen, in dem er seine literarischen Versuchsanordnungen in aller gebotenen Abgründigkeit entwickeln kann: "Furth am See ist einerseits die Welt im Kleinen. Die Kleinstadt ist ein Soziotop, das sich gut dazu eignet, bestimmte Dinge literarisch darzustellen. Aber eine Kleinstadt soziologisch betrachtet, ist schon etwas Anderes – ebenso wie ein Kind kein kleiner Erwachsener ist, ist eine Kleinstadt keine kleine Großstadt."

In der Kleinstadt gelten eigene Gesetze und Regeln

Eine Kleinstadt hat eben ihre eigenen Gesetze, weiß Paulus Hochgatterer. Auch Furth am See. Der Autor legt eine Reihe von Spannungsködern aus, die das dramatische Geschehen in Schwung bringen und die Neugier des Lesers wecken. Furth am See wird von einer Reihe unerklärlicher Gewalttaten erschüttert, zu deren Opfern vorwiegend Seniorinnen und Senioren gehören. Niemand kann nachvollziehen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten der oder die Täter ihre Opfer auswählen. Und dann verschwindet auch noch ein kleines Mädchen, das, so erfahren wir, in einem Kellerverlies eingesperrt wird, in dem der Entführer ihm grausame Geschichten aus seiner Kindheit in einer von Gewalt geprägten Erziehungsanstalt erzählt.

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Autor und Psychologe: Paulus Hochgatterers Romane handeln oft von Kindern mit schwerem Schicksal, auch sein neues Werk "Fliege fort, fliege fort"

Der Psychiater Raffael Horn und Kriminalkommissar Ludwig Kovacs, die wir schon aus Hochgatterers früheren Romanen kennen, versuchen die Spuren zusammenzuführen und ein Muster hinter den geheimnisvollen Vorgängen zu erkennen. Im Laufe der Zeit wird deutlich: Des Rätsels Lösung liegt im Dunkel der Vergangenheit – und muss etwas mit einem "Die Burg" genannten Kinderheim zu tun haben, in dem zur Zeit minderjährige Flüchtlinge interniert werden.

Ohne zu viel zu verraten: Das Motiv der Abrechnung, der Revanche, ja, der Rache spielt in "Fliege fort, fliege fort" eine zentrale Rolle. In der christlich-abendländischen Kultur haben Rache und Vergeltung – außer vielleicht im Clint-Eastwood-Western – keinen allzu guten Leumund. Man denke an das geflügelte Wort aus dem Römerbrief des Apostels Paulus: "Mein ist die Rache, redet Gott.". Paulus Hochgatterer meint dazu: "Als katholisch sozialisierter Mensch habe ich das Rache-Verbot, das eine neutestamentarische Erfindung ist, tief in mir. Auf der anderen Seite weiß ich, dass es kaum etwas Heilsameres für verletzte Menschen gibt als eine ordentliche und auch ordentlich ausufernde Rache-Fantasie. Das Umsetzen in die Tat ist etwas, das meistens eh unterbleibt, glücklicherweise."

Der Autor als Racheengel

Als Psychiater arbeitet Paulus Hochgatterer immer wieder mit misshandelten und traumatisierten Kindern. Das heilsame Bedürfnis nach Rache ist das Letzte, was solchen Kindern in den Sinn käme, weiß Hochgatterer: "Kinder, die so behandelt wurden, dass ihnen die Fähigkeit zu Rache-Fantasien abhanden gekommen ist, fühlen sich gedemütigt. Sie sind daher demütig, fühlen sich schuldig für das, was ihnen widerfahren ist, fühlen sich schuldig für die Insuffizienz ihrer Eltern. Und sie fühlen vor allem eine ganz tiefe Scham dafür, dass sie sind, wie sie sind. Und diese Scham ist oft etwas, das diese Menschen sehr, sehr lange begleitet."

Paulus Hochgatterers Roman ist – auch – eine Rache-Fantasie. Als er "Fliege fort, fliege fort“ als kritischen Gesellschaftsroman UND als Crime-Story zu schreiben begonnen hat, erzählt der Autor, habe er sich eine bestimmte Frage gestellt: "Wer kann stellvertretend für die Kinder das tun, was sie selbst nicht können? Als Schreibender kann man das jedenfalls."

© Deuticke Verlag

"Fliege fort, fliege fort" von Paulus Hochgatterer, erschienen im Deuticke Verlag

Der Romancier als Racheengel. Paulus Hochgatterers Roman ist keine leichte und eine alles andere als erbauliche Lektüre. Zum einen wegen der düsteren Thematik, zum anderen wegen seiner anspruchsvollen Komposition, die der Leserin, dem Leser, einiges an Kombinations- und Durchhaltevermögen abverlangt. Wer multi-perspektivische Erzählkonzeptionen und Hochgatterers akkuraten Realismus zu schätzen weiß, wird bei der Lektüre dieses Romans allerdings auf seine Kosten kommen. Der Trompetenstoß des Racheengels erschallt hier als Fanal der Befreiung.

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