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Kurt Eisner, Archivbild aus dem Jahr 1919
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Judith Heitkamp
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Kurt Eisner, Archivbild aus dem Jahr 1919

„Dichtung ist Revolution“ heißt die Ausstellung im Literaturarchiv Monacensia in München, die die Rolle der Schriftsteller im bayerischen Revolutionswinter 1918/19 untersucht. Im Fokus stehen dabei Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller, die alle vier politische Ämter übernahmen. Nicht wenige Schriftsteller waren damals aktiv beteiligt – aber wer von „Literaten“ und „Träumern“ spricht, muss aufpassen, dass er nicht auf 100 Jahre alte Ressentiments hereinfällt. Ein Gespräch mit der Kuratorin Laura Mokrohs.

Judith Heitkamp: Man muss sich das München damals offenbar als sehr bunte Stadt vorstellen, an diesem Ende des Ersten Weltkriegs – nicht, weil das Leben so lustig war, sondern weil überall Flugblätter und Plakate klebten.

Laura Mokrohs: Flugblätter, die wir zeigen können, weil die Monacensia glücklicherweise über eine umfangreiche Sammlung solcher Schriften und Plakate verfügt. Das ist natürlich ein Traum, wenn man eine Ausstellung über diese Zeit kuratiert und wirklich in den Zeugnissen wühlen kann, mit denen die Leute sich damals informiert haben und auch informieren mussten. Es fand ja ein politischer Umbruch statt, man musste schnell Bescheid wissen, ohne technische Möglichkeiten wie heute, und ein Flugblatt war eben keine lästige Werbung, sondern ganz wichtig. Ein anderer Bereich, den wir zeigen, sind Propaganda-Flugblätter, teilweise sehr unangenehm, rechte Hetze gegen die Revolutionäre.

In diesem Umfeld agieren Eisner, Landauer, Mühsam und Toller und viele andere, weil sie das Gefühl haben, sie müssten jetzt vom Schreiben zum Handeln kommen. Warum?

Der Drang, gesellschaftlich etwas zu verändern, war sicher schon vor dem Weltkrieg da bei diesen vieren, alle frei und humanistisch denkende Menschen. Mühsam zum Beispiel, der in München sehr nah an der Arbeiterschaft ist und sieht, wie menschenunwürdig deren Lebensbedingungen teilweise sind. Dann kommen die Kriegsjahre, da rückt das Ende des Krieges als wichtigste Forderung ganz nach vorne, gleichzeitig wird die Lebenssituation immer schlechter und die Lage immer aussichtsloser, es wächst der innere Drang, daran etwas zu ändern.

Gibt es auch etwas an dieser Revolution, die so gerne die der Dichter genannt wird - Ihre Ausstellung heißt „Dichtung ist Revolution“ - das Schriftsteller ganz besonders angezogen hat?

Es eint sie der Gedanke, dass man mit Bildung etwas verändern kann. Dass man die Menschen nicht von außen in ein Staatssystem eingibt, sondern dass man sie mit Bildung und ebenso auch mit Kunst und Literatur dazu bringen kann, von selbst anders zu handeln und anders zusammenzuleben. Sie wollten nicht mit einem Gedicht auf die Straße gehen, sondern sie dachten: Wenn wir den Leuten im richtigen Moment das richtige Gedicht geben - dann passiert etwas, dann ändern sich Handeln und Denken.

Was machen die anderen Dichter vor Ort? Da sind ja große Namen in München - Thomas und Heinrich Mann, Rilke, Feuchtwanger, Brecht kommt ab und zu von Augsburg hinüber.

Wir haben uns in der Ausstellung für den Fokus auf Eisner, Landauer, Mühsam und Toller entschieden, weil diese vier politische Ämter übernahmen und nicht nur über Politik geschrieben haben. Bei ihnen ist das Schreiben nur eine Komponente im politischen Handeln, das Politische überwiegt. Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger bleiben eher beim Schreiben.

Kuratorin Laura Mokrohs

Kuratorin Laura Mokrohs

Alle vier Hauptakteure, die Sie untersuchen, sind Zugereiste - spielt das eine Rolle?

Eine große Rolle. Die Hetze von rechts, die schon Ende November beginnt, setzt genau da an. Diese Leute sind Schriftsteller und Landfremde! Das wird nie weiter begründet, es ist eher so ein Vorurteil, das einfach fortgeführt wird.

Der Vorwurf, der sich hinter solchen Labels verbirgt, ist auch ein Vorwurf der Realitätsferne. Ist das ganz falsch? Alle vier kommen mit sehr idealistischen Vorstellungen.

Träumer sind sie in dem Sinne, dass sie an ihre Überzeugungen glauben, daran, dass Veränderung möglich ist. Aber deswegen sind sie doch Politiker. Man muss da sehr aufpassen, dass man nicht Propaganda der Reaktion übernimmt. Damals nach der Niederschlagung 1919 wurden die Vokabeln ganz bewusst gesetzt: Schriftsteller, Phantasten, alles Humbug. Tatsächlich ging es um neue Ansätze wie das Frauenwahlrecht oder den Acht-Stunden-Tag, absolut kein Humbug, von heute aus gesehen. Oder zum Beispiel Erich Mühsam als „Kaffeehaus-Spartakist“. Eine Bezeichnung, die von dem konservativen bis rechten Fotografen Heinrich Hoffmann eingeführt wurde. Ja, Mühsam war oft im Kaffeehaus und hat im Kaffeehaus gearbeitet - trotzdem muss man aufpassen, welche Bilder, welche Assoziationen an so einem Begriff hängen.

Ist die Überschrift „Revolution der Dichter“ berechtigt oder vielleicht doch eher eine schöne Zuspitzung?

Das ist natürlich eine Zuspitzung, bei unserer Ausstellung auch deshalb, weil es eben eine Ausstellung im Literaturarchiv ist. Wir haben auch gleich im einleitenden Text versucht, das Bild zurechtzurücken. Es haben sehr viele Kräfte an dieser Revolution teilgenommen, eine der Gruppen ist die Schriftsteller. Übrigens auch sehr spannend, dass diese Gruppe durchaus nicht homogen ist. Obwohl sie ganz eng zusammengearbeitet haben, konnten sie sich bitterböse über ihre politischen Ansichten streiten.

Wie kann eine Ausstellung das alles greifbar machen?

Eine Ausstellung kann Schriftstücke zeigen, kann diese Flugblätter zeigen, die das sehr lebendig vermitteln, finde ich, man kann sich selbst vorstellen, man stünde auf der Straße und müsste sich informieren …. und wenn man eine Ausstellung über Schriftsteller macht, dann hat man natürlich auch das Glück, dass sie selbst anschaulich darüber berichtet haben.

Die Ausstellung „Dichtung ist Revolution“ ist noch bis zum 30. Juni 2019 in der Monacensia in München zu sehen.

Das Buch zur Ausstellung "Dichtung ist Revolution" von Laura Mokrohs ist im Verlag Friedrich Pustet erschienen.

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Judith Heitkamp

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kulturWelt vom 09.11.2018 - 08:30 Uhr