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Resozialisierung von Gewaltstraftätern: wirksam, aber umstritten
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Iris Tsakiridis
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Resozialisierung von Gewaltstraftätern: wirksam, aber umstritten

Kilian M. (Name geändert) war drei Jahre lang im Gefängnis, weil er einen Jungen aus dem Bekanntenkreis sexuell missbraucht hat. Jetzt ist er auf Bewährung frei.

Als Auflage besucht er regelmäßig die Fachambulanz für Gewalt- und Sexualstraftäter in Nürnberg. Hier macht er eine Therapie.

"Die therapeutischen Angebote sind mir sehr wichtig, denn man räumt im Prinzip sein Leben von vorne bis hinten auf, schaut, auf was ich vor allem achten muss, damit ich nicht mehr rückfällig werde, und man lernt auch rechtzeitig einzuschreiten, sich Hilfe zu holen." Kilian M., ehemaliger Sexualstraftäter

In Bayern gibt es drei solcher Fachambulanzen: in Nürnberg, Würzburg und München. Der Freistaat arbeitet hier eng mit kirchlichen Wohlfahrtsverbänden wie Caritas oder Diakonie zusammen.

Messbarer Behandlungserfolg

Die psychotherapeutische Ambulanz in München hat kürzlich ihr 10-jähriges Bestehen gefeiert.

"Die Behandlungen haben einen messbaren kriminalpräventiven Effekt. Die rund 1,7 Millionen Euro jährlich, die wir in der Justiz allein für die Münchner Fachambulanz in die Hand genommen haben, sind daher eine echte Investition in mehr Sicherheit für unsere Bürgerinnen und Bürger." Winfried Bausback, ehemaliger bayerischer Justizminister

Allein in München haben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 1.200 Sexualstraftäter und 240 Gewaltstraftäter Hilfe gesucht und Therapieangebote erhalten. Die Fachambulanz in Nürnberg behandelte im vergangenen Jahr insgesamt 149 Klienten. Die Therapie dauert in der Regel zwei Jahre.

Für den Bereich der Sexualstraftäter konnte ein positiver Effekt belegt werden: So war in der Therapiegruppe die Rückfallquote mit 14 Prozent sehr viel niedriger als in der Kontrollgruppe. Ehemalige Sexualstraftäter, die keine Therapie gemacht haben, sind zu 39 Prozent rückfällig geworden.

Ausbau von Therapieangeboten

Das bayerische Justizministerium will daher die Therapieangebote weiter ausbauen. In Memmingen soll bald eine Außenstelle der Münchner Fachambulanz entstehen, in Kulmbach eine Außenstelle von Würzburg.

"Wir müssen versuchen, mögliche Ursachen einer Tat zu ergründen und sie für die Zukunft auszuschalten, damit die Täter keine Täter bleiben." Winfried Bausback, ehemaliger bayerischer Justizminister

Ambulante Nachsorge für entlassene Straftäter: Sie kommen ohnehin nur aus dem Gefängnis, wenn Fachleute für sie eine positive Sozialprognose abgeben.

Hilfsangebote für Täter - gerecht?

Für die Allgemeinheit bedeutet das auch präventiver Opferschutz. Das Thema Resozialisierung von Straftätern ruft bei vielen Menschen zwiespältige Gefühle hervor, nicht jeder ist davon überzeugt.

"Wenn jemand meiner Tochter etwas antun würde, ich würde ihn erschießen." / "Jeder hat eine zweite Chance verdient. Wenn es ein solches Angebot gibt und das auch Erfolge hat, dann sollte man das Angebot nutzen" / "Straftäter haben das nicht verdient, nachdem, was sie ihren Opfern angetan haben." Stimmen aus der Bevölkerung

Um die Opfer von Sexual- und Gewaltstraftaten kümmern sich Vereine wie IMMA. Hier finden traumatisierte Mädchen und Frauen Hilfe. Während Täter nach ihrer Haftstrafe meist freikommen, leiden Opfer oft lebenslang an ihren Missbrauchserfahrungen.

"Sie bekommen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Sie haben Schlafstörungen, rutschen in die Depression, haben Ängste. Diese tiefe Erschütterung bedeutet, das Vertrauen in sich und ein Stück weit in die Welt zu verlieren." Sabine Wieninger, Geschäftsführerin von IMMA e.V

Während es in bayerischen Großstädten wie München häufig spezialisierte Fachberatungsstellen für Betroffene gibt, wie IMMA oder KIBS, besteht gerade in ländlichen Regionen diesbezüglich noch Nachholbedarf.

Täterschutz statt Opferschutz?

Claudia Schwarze, Leiterin der Psychotherapeutischen Fachambulanz für Gewalt- und Sexualstraftäter, kennt die Vorbehalte gegen ehemalige Straftäter.

"Das klingt ein bisschen danach: Finden Sie es gerecht, wenn die Täter Therapieangebote bekommen und die Opfer nicht? Wenn das so wäre, fände ich das nicht gerecht. Ich glaube beide Seiten brauchen Hilfe." Claudia Schwarze, Leiterin Psychotherapeutische Fachambulanz, Stadtmission Nürnberg

Dauerhaftes Wegsperren von Straftätern ist für Claudia Schwarze keine Alternative. Seit 9 Jahren leitet sie die Fachambulanz in Nürnberg. Die Psychologin hat viele Klienten gesehen und ist überzeugt, dass sich der der therapeutische Einsatz lohnt.

"Ich bin nicht nur meine Straftat"

Kilian M. hat sich bei seinem Opfer entschuldigt. Und ist zuversichtlich, dass er nie wieder rückfällig werden wird.

"Insgesamt würde ich sagen, dass ich nicht nur meine Straftat bin, sondern ich habe auch viele Leute gekannt ohne diese Straftat. Und die sind mit mir gut zurechtgekommen." Ehemaliger Sexualstraftäter

Der Rechtsstaat garantiert Menschen wie Kilian M., dass auch sie eine zweite Chance bekommen.

Recht auf Resozialisierung

1973 entschied das Bundesverfassungsgericht im sogenannten Lebach-Urteil, dass ein Ex-Straftäter die Chance haben muss, wieder in der Gesellschaft anzukommen.

"Vom Täter aus gesehen erwächst dieses Interesse der Resozialisierung aus seinem Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit in Verbindung mit Art. 1 GG, dem Recht auf Menschenwürde) Von der Gemeinschaft aus betrachtet verlangt das Sozialstaatsprinzip staatliche Vor- und Fürsorge für Gruppen der Gesellschaft, die aufgrund persönlicher Schwäche oder Schuld, Unfähigkeit oder gesellschaftlicher Benachteiligung in ihrer persönlichen und sozialen Entfaltung behindert sind; dazu gehören auch die Gefangenen und Entlassenen. Nicht zuletzt dient die Resozialisierung dem Schutz der Gemeinschaft selbst; diese hat ein unmittelbares Interesse daran, dass der Täter nicht wieder rückfällig wird und erneut seine Mitbürger oder die Gemeinschaft schädigt…" Auszug aus dem Lebach-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 5.6.1973 (BVerfGE 35, 202 – 245 (Lebach))