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"Religions for Peace" diskutiert die Gleichberechtigung | BR24

© picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

So sieht es normalerweise bei dem Jahrestreffen aus: Vertreter und Vertreterinnen aller Religionen gemeinsam in Lindau

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    "Religions for Peace" diskutiert die Gleichberechtigung

    Dieses Jahr musste die "Religions for Peace"-Konferenz wegen Corona unter besonderen Voraussetzungen stattfinden. Teilnehmer aus aller Welt tagten in Lindau zum Thema Frauen in Glaube und Diplomatie.

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    Von
    • Birgit Rätsch

    Trotz Covid-19-Pandemie: Die interreligiöse Konferenz konnte in Lindau stattfinden, doch Ausnahmen gab es keine. Wer in die Inselhalle wollte, hatte einen Corona-Schnelltest zu bestehen. Und zwar an jedem der vier Veranstaltungstage – da ließ der Security-Guard nicht mit sich reden. Auch Journalisten und Kamera-Teams. Also ab in einen Nebenraum, Zettel ausfüllen und Stäbchen in die Nase bohren lassen. Wenn 20 Minuten später kein Kommando aus Schutzanzugträgern auf einen zustürmte, war alles im grünen Bereich.

    Das Thema dieses Jahr: Frauen, Glaube und Diplomatie

    Drinnen war man dann gleich mitten im Geschehen – denn alles spielte sich im Foyer ab. Die große Halle, in der voriges Jahr noch 900 Teilnehmer diskutierten: gesperrt. Zwei Sessel für die wenigen anwesenden Besucher, jede Menge Screens und ein großes Technik-Team. Aus allen Winkeln der Welt wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zugeschaltet, um über die Bedeutung religiös motivierter Frauen zum Weltfrieden zu sprechen. Die Bestandsaufnahme der Generalsekretärin von "Religions for Peace", Azza Karam, war erst einmal ernüchternd: "Das Problem ist nicht nur, dass Männer Frauen unterdrücken. Es geht um systemische Unterdrückung. Unterdrückung, die in unserer politischen Kultur herrscht, in den wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Systemen."

    Was sollen Frauen besser machen als Männer?

    Die interreligiöse Konferenz hatte sich vorgenommen, neue Wege zu finden, um Dialog auch in schwierigen Zeiten zu fördern. Ein Ansatz: Politik und Gesellschaft aus weiblicher Warte zu definieren, um den Blick für notwendige Veränderungen zu schärfen. Aber wo liegt der Unterschied? Was sollten Frauen hier besser machen als Männer? Die ehemalige Botschafterin am Heiligen Stuhl im Vatikan, Annette Schavan sagt: "In besonders schwierigen Konstellationen ist es vor allem der lange Atem, das nicht so schnell Verzweifeln, nicht nur verkünden, sondern fragen, wie erziele ich denn die Wirksamkeit, die ich mir mit meiner Entscheidung vorgenommen habe?"

    Widerstände gegen weibliche Teilhabe an der Macht überwinden

    Schavan hatte es sich ebenso wenig wie die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann nehmen lassen, persönlich nach Lindau zu kommen, Corona hin oder her. Beide Frauen, die es in Deutschland selbst weit nach oben geschafft hatten, kennen die Widerstände gegen weibliche Teilhabe an der Macht nur zu gut. Und da verhält es sich in religiösen Gemeinschaften oft nicht besser als in politischen Gremien oder in der Wirtschaft. Die Frauen leisten die Arbeit an der Basis, in den Gemeinden – und die Männer regieren und repräsentieren. Mehr Diversität, so waren sich die Teilnehmerinnen einig, täte nicht nur gut, sondern könnte auch der Diplomatie und multireligiösen Friedensarbeit frische Impulse geben. Der Glaube an Gott soll nach Ansicht von "Religions for Peace" hierbei das Fundament bilden.

    Der Glaube kann auch Frieden schaffen

    Aber was, wenn dieser Glaube nicht Frieden schafft, sondern Krieg auslöst? Was nützen Konferenzen zum Thema Weltfrieden, wenn Terroristen im Namen des Glaubens töten – wie in Nizza, Wien und Dresden? Professor Azza Karam wird hier deutlich: "Ich glaube, die Kraft des Friedens ist immer viel stärker als einzelne Akte des Terrors. Das ist die Wahrheit und die Realität. Und wenn wir still sind oder nicht laut genug, dann können die Stimmen und die Akte des Terrors mehr verletzen und scheinen die Lautesten zu sein. Was wir hier versuchen, ist die Herzen zu öffnen, die Ohren, die Augen, um Zeugen der Friedensarbeit aller Religionen zu sein.“

    Bald soll es eine Jugendtagung geben

    Dafür will die nach eigenen Angaben weltweit größte Nichtregierungsorganisation "Religions for Peace" stehen, die immerhin 1.500 Konferenzteilnehmer und Teilnehmerinnen weltweit mobilisiert hat, um sich auszutauschen und mit ihren Botschaften gehört zu werden. Auch wenn man erstmals nur über Bildschirme kommunizierte, ist die Bilanz doch positiv.

    Zufrieden mit der neuartigen Tagung im Zeichen des Corona-Virus war auch Religions for Peace-Geschäftsführer Ulrich Schneider: "Wir hatten zum Beispiel ja nicht nur die Podien, die Diskussionen, an denen man sich beteiligen konnte, sondern wir hatten auch ein digitales Foyer, in dem man andere treffen konnte, und in kleinen Break-out-Sessions sich per Video unterhalten konnte. Die Konferenz zwar ganz anders, aber doch eine echte Konferenz."

    Eines hat Religions of Peace auch noch vereinbart: Man möchte baldmöglichst eine eigene Jugendtagung organisieren. Um den Blick der jungen Generation auf die Welt besser zu verstehen. Natürlich wieder in Lindau.