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Religion oder Sekte? Diese Gefahr geht von Scientology aus | BR24

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Bei Scientology denken viele hierzulande wohl an Sekte. Doch das ist nicht überall so: Schweden etwa hat die Organisation als Religion anerkannt. Was steckt hinter Scientology - und warum wird sie in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet?

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Religion oder Sekte? Diese Gefahr geht von Scientology aus

Hierzulande gilt Scientology vielen als Sekte. Schweden dagegen hat die Organisation als Religion anerkannt. Was steckt hinter Scientology – und warum wird die Organisation in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet?

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Wilfried Handl war 28 Jahre lang bei Scientology – auf mittlerer Ebene – wie er sagt. Der 65-jährige Wiener stieg 2002 aus. Inzwischen schreibt und betreut er einen Blog über Scientology und berät Menschen, die in Kontakt mit der Organisation gekommen sind.

"Aus meiner Sicht ist das total richtig, dass der Verfassungsschutz Scientology beobachtet." Wilfried Handl

Scientology-Aussteiger: "Es geht um Geld"

Das Verfassungsfeindliche an Scientology sei "evident, es gibt hunderte Belege", sagt Handl. Scientology habe ein klares Ziel, es strebe ein totalitäres System an, so der Aussteiger: "Es geht um Geld und Geld bekommt man, wenn man vorher die Macht hat." Er selbst kam mit 20 Jahren über seine damalige Freundin zu Scientology. Er sei ein Suchender gewesen, habe Antworten auf die Sinnfragen des Lebens gesucht. Seiner Erfahrung nach der Hauptgrund, weshalb Menschen schließlich bei der internationalen Organisation landen.

In Europa, so schätzen Experten, leben derzeit rund 200.000 Scientologen. In Bayern beziffert der Verfassungsschutz die Zahl der Scientologen auf 1.200. Die Zahl der Mitglieder habe sich vor etwa zehn Jahren nach und nach halbiert. Dennoch unterhält die Organisation ein großes Zentrum in München-Schwabing und ein so genanntes Celebrity Centre mit Sitz in München-Obersendling.

Scientology: Wir leiden nicht unter Mitgliederschwund

Scientology selbst spricht von etwa 2.000 Mitgliedern, die derzeit in Bayern und im Raum Salzburg aktiv seien. Vergleichszahlen aus früheren Jahren nennt die Organisation auf BR-Nachfrage nicht, verweist aber darauf, dass die beiden großen Kirchen einen deutlichen Mitgliederschwund zu verzeichnen hätten: "Unter diesem Problem leiden wir nicht", schreibt die Bayernsprecherin von Scientology, Eva Altendorfer.

Scientology vergleicht sich gerne mit anerkannten Religionsgemeinschaften und nennt sich selbst Kirche. Mitglieder würden durch aktive Mission gewonnen, so Altendorfer: "Dies geschieht in der Regel durch persönlichen Kontakt von Mitgliedern zu Freunden und Bekannten; durch Informationsstände auf öffentlichen Straßen; durch Verkauf unserer Literatur; durch Einladung von Personen in unser Gemeindehaus, wo sie kostenfrei einen Film oder Vortrag besuchen können; über das Internet und soziale Medien."

Mitgliederwerbung unter anderem über Tarnorganisationen

Und über Tarnorganisationen? Davor jedenfalls warnte zuletzt der Verfassungsschutz in Bayern. Der jüngste Fall: In Briefkästen der schwäbischen Stadt Günzburg tauchten hunderte Informationsbroschüren der Initiative "Weg zum Glücklichsein" auf. Erst mit etwas Recherche ist zu erkennen, dass das Heft von Scientology-Gründer Ron Hubbard verfasst wurde - und eine Verbindung zu Scientology besteht.

Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz sagt, dass über diese Broschüren versucht wird, Menschen in schwierigen Lebenssituationen anzusprechen. Es gehe darum, an die Adressen von diesen Menschen zu kommen "und für das Kursprogramm zu begeistern, letztlich dass sie Mitglieder von Scientology werden", kommentiert das Landesamt für Verfassungsschutz und ergänzt: "Diese Kurse steigen im Preis."

Was versteht Scientology unter "besserer Welt"?

Scientology selbst dagegen nennt die Broschüre einen "überkonfessionellen Wertekodex". Die Initiative sei "karitativ" und es gehe ihr darum, "diese Werte im Leben der einzelnen Menschen zu bestärken und dadurch eine bessere Welt zu erschaffen".

Die Frage ist nur, was die bessere Welt im Selbstverständnis von Scientology ist, gibt der Aussteiger Winfried Handl zu bedenken und bestätigt mit seinen eigenen Erfahrungen als ehemaliger Scientologe den bayerischen Verfassungsschutz: Tarnorganisationen seien ein Mittel, um an neue Mitglieder zu gelangen.

Heimlich unterstützte Psychiatrie-Ausstellung in München

In München war zuletzt auch wieder die vom Verfassungsschutz als Tarnorganisation eingestufte "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte", kurz KVPM aktiv. Mit einer Ausstellung zu angeblichen Missständen in der Psychiatrie, die in einem Pop-Up-Store im Glockenbachviertel gezeigt wurde.

"Psychiatrie - Nebenwirkung Tod", lautete der Slogan, der auf den Schaufenstern in der Reichenbachstraße im Münchner Glockenbachviertel prangte. Mithilfe von Videos berichten die Ausstellungsmacher von Menschen, die angeblich aufgrund ihrer psychiatrischen Behandlung auf teilweise grausamste Art und Weise sterben mussten. Der Tenor der Ausstellung: Psychiatrien seien keine Hilfe, sondern ein Geschäft, an dem Ärzte und vor allem die Pharmaindustrie verdienten.

Verfassungsschutz: Gefahr von seelischem und finanziellem Schaden

Nur im Kleingedruckten eines Flyers und in einem der letzten Videos der Ausstellung wird beiläufig erwähnt, dass der Ausstellungsmacher, die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte", einst von Scientologen gegründet wurde. Auch dass die Ausstellung teilweise von Scientology bezahlt wird, erfährt man nur auf ausdrückliche Nachfrage.

Auch im Fall der KVPM warnt der bayerische Verfassungsschutz:

"Wir können nur davor warnen, sich in Kontakt zu den Scientologen zu begeben, auch unter diesem Deckmantel. Ziel von Scientology ist es, neue Mitglieder zu gewinnen. Als Einzelner ist man gefährdet, Opfer von Manipulation zu werden, seelischen und vor allem finanziellen Schaden zu erleiden." Sönke Meußer, Verfassungsschutz Bayern

Häufig psychologische Themen, um in Kontakt zu kommen

Mit Tarnung habe die Ausstellung nichts zu tun, wehrt sich der Präsident der KVPM und bekennende Scientologe Bernd Trepping und erklärt, weshalb er nicht offensiv auf Scientology verweist: "Scientology ist kein Thema, deshalb schreibe ich es auch nicht draußen an. Denn bei den Menschen kommen die schlimmsten und dümmsten Ideen, wenn sie dieses Wort hören, wegen der Kampagne des Verfassungsschutzes."

Der warnt auch vor anderen Organisationen, hinter denen Mitglieder von Scientology stehen: etwa vor dem Verein "Sag nein zu Drogen - sag ja zum Leben" oder der Initiative "Jugend für Menschenrechte". Außerdem bietet Scientology Nachhilfe für Schüler, Kurse zur Stressbewältigung oder Beistand in Ehekrisen an. Es sind häufig psychologische Fragen, mit denen Scientology versucht, in engen Kontakt mit potenziellen Mitgliedern zu kommen.