Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Religion auf der Berlinale: Islam jenseits von Klischees | BR24

© filmfaust + Christian Kochmann

Szene aus "Oray"

Per Mail sharen
Teilen

    Religion auf der Berlinale: Islam jenseits von Klischees

    Welche Rolle spielt der Islam in Deutschland und überhaupt in westlichen Gesellschaften? Mit dieser Frage beschäftigen sich nicht nur Politiker und Soziologen, sondern auch Filmemacher auf der Berlinale. Welches Islam-Bild vermitteln ihre Filmen?

    Per Mail sharen
    Teilen

    Oray ist ein junger Mann aus Hagen, verheiratet, sehr gläubig, geprägt durch den Islam der Türkei, hat Familie und Freunde. Das klingt gut, aber Oray hat es trotzdem auch schwer im Leben: er ist unbeherrscht, war im Gefängnis, bekommt seinen Alltag nicht wirklich geregelt. Als ein Streit mit seiner Frau Burcu eskaliert, schreit Oray ihr "Talāq“ zu. Talāq bedeutet Verstoßung – es ist eine Scheidungsformel, vom Mann ausgesprochen. Je nach Interpretation und Rechtsschule bedeutet Talāq eine dreimonatige Beziehungspause oder tatsächlich das Ende der Ehe.

    "Oray": Wie weltweite Regeln des Islam verschmelzen

    Das spannende ist: eigentlich ist diese Scheidungsformel im türkisch geprägten Islam gar nicht gebräuchlich. "Durch das Internet gibt es eine Internationalisierung von jeglichen Fatwahs aus Indien, aus Indonesien, aus Malaysia, aus Saudi Arabien", sagt Regisseur Mehmet Büyükatalay, "das führt dazu, dass exotische Regelungen auch dich erreichen können in Köln oder in Hagen." Der Regisseur zeigt ganz nebenbei und mit leichter Hand wie die Kulturgrenzen innerhalb der islamischen Welt durchlässiger werden und dass der Islam kein monolithischer Block ist.

    Für Oray beginnt im gleichnamigen Film eine Phase der Selbstfindung. Er zieht nach Köln, findet eine Gemeinde und entdeckt ein echtes Talent: von seinem Glauben so zu sprechen, dass er andere anspricht, die auf der Suche sind nach einer Anerkennung, die sie in der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft nicht finden.

    "Ich hatte in Hagen einen Bewährungshelfer, der wollte nicht verstehen, dass ich ohne Islam immer noch kriminell wäre, bis heute. Wollte zum Verrecken nicht verstehen, dass es für Leute wie uns, Brüder, nur 'entweder - oder' gibt: entweder Islam oder nichts. Entweder Paradies oder Hölle. Gibt es was dazwischen?" Aus dem Film "Oray"

    "Ich glaube, die größte Anziehung auf diese jungen Männer mit Migrationshintergrund ist gerade dieser exklusive Männerbund mit seinen Werten wie Freundschaft, Brüderlichkeit, Teilen", so Regisseur Mehmet Büyükatalay, "und ein Schaffen von 'außen' - das sind die, die uns beneiden, die uns angreifen, und dagegen wir, die eigentlich wahren Gläubigen." So einen wie Oray kenne er selbst, sagt Mehmet Büyükatalay. Wie überhaupt sein ganzer Film gefüllt ist mit fein gezeichneten Porträts deutscher Muslime, die alle ihren eigenen Weg suchen. Die aber auch alle deutlich spüren: für eine Verbindung von muslimischer und westlicher Kultur gibt es noch keine Rollenvorbilder, die müssen sie erst schaffen.

    "Western Arabs": Gekommen um zu bleiben

    Ein anderer Berlinale-Film aus Dänemark fasst diesen Konflikt wunderbar griffig schon in seinem Titel: "Western Arabs" - westliche Araber. "Der Titel hat viele Schichten", sagt Regisseur Omar Shargawi, "das sind keine Gegensätze. Wir sind eine ganz neue Sorte. Ihr werdet uns nicht loswerden, wir sind hier, um zu bleiben." Omar Shargawi ist sozusagen der Prototyp dieses westlichen Arabers: Sein Vater ist Palästinenser und floh durch Krieg und Gewalt in den 60ern nach Dänemark, heiratete eine Dänin, bekam drei Söhne – und hatte doch zeitlebens nie das Gefühl, in der dänischen Gesellschaft wirklich akzeptiert zu werden, mit seiner Geschichte, seiner Kultur, seiner Religion.

    Infolgedessen war das Familienleben bei der dänischen Familie Shargawi liebevoll und gleichzeitig immer wieder von Gewaltausbrüchen des Vaters gekennzeichnet. Erinnert ihr euch noch, wie Papa einmal mit der Faust durchs Fenster schlug? Das war wie im Horrorfilm "Shining" – so heißt es einmal in der familiären Gesprächsrunde. Woher kommt diese Wut? Dem spürt Omar Shargawi in seinem Film nach.

    "Ich habe die Wut aus der Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, da hat mein Vater seinen Stempel hinterlassen. Aber diese Wut wird am Leben gehalten durch die Gesellschaft, durch sie fühle ich mich hilflos und die Diskriminierungen werden immer größer." Omar Shargawi, Regisseur

    “Western Arabs” ist ein aufregender Mix: Omar Shargawi mischt intime Aufnahmen im Familienkreis mit Szenen aus seinen Filmen und Material über Dreharbeiten. Heraus kommt eine intensive Studie darüber, was Identität ausmacht und wie schwer es ist, diese Identität zu konstruieren, wenn ein so wesentlicher Teil seiner Identität wie das Muslim-sein von der Mehrheitsgesellschaft so rundheraus abgelehnt wird. "Als junger Mann war das wichtig für mich, aber heute nicht mehr. Irgendwann ist egal, ob du Araber bist, Deutscher oder Däne, du bist einfach ein Mensch", sagt Omar Shargawi.

    "Hellhole": Über das Klischee vom Terrorkrieger

    Einen besonders düsteren Blick wirft der belgische Film "Hellhole“ auf das Miteinander der Religionen im Herzen Europas. Regisseur Bas Devos zeichnet die belgische Hauptstadt Brüssel als titelgebendes Höllenloch, als einen Abgrund, in dem muslimische wie nicht-muslimische Bewohner gelähmt sind. Sie leiden unter Angst und Misstrauen infolge der Terroranschläge aus dem Jahr 2016. Ein bedrückendes Gruppenbild, in dem die muslimischen Protagonisten sich schon selber nur noch mit dem Klischee der Terrorkrieger sehen können.

    "Midnight Traveler": Dokumentation einer Flucht

    Hoffnungsvoller stimmt da der Dokumentarfilm "Midnight Traveler“, auch wenn das auf den ersten Blick widersinnig erscheint. Regisseur Hassan Fazili hat zusammen mit seiner Familie fünf Jahre auf der Flucht dokumentiert: vor einem Todesurteil der Taliban in Afghanistan bis hin zur vorübergehenden Duldung in Deutschland. Das ist eine erschreckende Dokumentation unmenschlicher Zustände – jeder, der eine Flucht mit irgendetwas Angenehmem vergleicht, sollte diesen Film sehen.

    Eines zeigt diese Berlinale sehr eindrücklich: wenn Filme erst einmal die abgedroschenen Klischees hinter sich lassen – vor allem die Fokussierung auf islamistischen Terror – dann können sie ein wunderbares Mittel für mehr Verständigung sein. Ohne zu beschönigen, aber auch ohne zu verteufeln, mit muslimischen Filmemachern und Filmemacherinnen, die ihre eigenen Geschichten erzählen.