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Reise ins Jenseits ist keine Kaffeefahrt: "Orpheus und Eurydike" | BR24

© Mathias Baus/Staatsoper Berlin

Buntes Elysium: "Orpheus und Eurydike"

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Reise ins Jenseits ist keine Kaffeefahrt: "Orpheus und Eurydike"

Am Ende lagen sich Daniel Barenboim und Jürgen Flimm glücklich in den Armen: "Orpheus und Eurydike" von Christoph Willibald Gluck wurde an der Berliner Staatsoper zu einem so eindrucksvollen wie erhellenden Erlebnis. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Inzwischen ist ja allgemein bekannt, dass die alten Griechen nicht ganz so edel und tugendreich waren, wie sich das gescheite Leute früher vorgestellt haben. Nicht mal die Marmorstatuen waren ja ursprünglich so weiß und erhaben, wie sie uns überliefert sind, sondern grell bunt angemalt. Zu den Zeiten von Christoph Willibald Gluck freilich (1714 - 1787) galt die griechische Klassik als Inbegriff der Erhabenheit, also einfach, stilsicher und sittsam. 

Konzentration auf das Wesentliche

Das predigten damals jedenfalls der Philosoph Jean-Jacques Rousseau und der Kunstgelehrte Johann Joachim Winkelmann. Die gebildete Öffentlichkeit war tief beeindruckt, jeder wollte diesem Ideal plötzlich nacheifern, auch Gluck. Barocke Prachtentfaltung kam aus der Mode, zeitgemäße Künstler konzentrierten sich fortan gern auf das Wesentliche. Glucks Erfolgs- und Reformoper "Orpheus und Eurydike" wurde dafür stilbildend. 

Nur gut achtzig Minuten Spieldauer

Gestern Abend an der Berliner Staatsoper inszenierte Intendant Jürgen Flimm zum Auftakt der Festtage die selten gespielte Urfassung von 1762, ohne Pause gerade mal achtzig Minuten lang, also wirklich kurz und knapp. So konzentriert wollten es Glucks Zeitgenossen dann doch wieder nicht haben: Für Paris musste er einige Jahre später eine Zweieinhalb-Stunden-Fassung mit Ballett komponieren. Radikale Einfachheit und Klarheit sind eben selten unterhaltsam. 

Poetisches Scheitern am Tod

In Berlin freilich gelang es Jürgen Flimm mustergültig, den wahrhaft erhabenen Geist dieser Oper in  eindrückliche Bilder zu übersetzen. Es geht in "Orpheus und Eurydike" ja um nichts weniger als um die Frage, ob die Liebe wirklich stärker ist als der Tod, ob Orpheus seine verstorbene Geliebte tatsächlich aus dem Jenseits zurückholen kann. Er scheitert, allerdings so poetisch, das Hoffnung bleibt. 

Architekt Frank Gehry als Bühnenbildner

Dem Programmheft war zu entnehmen, dass das Bühnenbild in "Kooperation" mit der Firma des berühmten amerikanischen Architekten Frank Gehry entstanden ist. Wie intensiv Gehry auch immer beteiligt war: Seine Arbeit machte Effekt. Zu Beginn lodert das Begräbnisfeuer für Eurydike, aus ihrer Toten-Bahre wird eine Folterbank für Orpheus. Die schaurigen Furien der Unterwelt stechen ihn mit Messern blutig. Die Reise ins Jenseits ist eben keine Kaffeefahrt. Das Paradies ist grellbunt, eine Art Bauhaus-Fantasie im Stil von Künstlern wie Kandinsky und Moholy-Nagy: Lauter geometrische Formen, die fröhlich umeinander spielen. Eurydike freilich haust in einem trostlosen Einzelzimmer mit Röhrenfernseher. 

Tiefsinnig und tröstlich

Tanzende Hochzeitspaare verkörpern am Ende den Sieg der Liebe über den Tod. Göttervater Jupiter schaut sich alles als stummer Beobachter an. So bebildert ist Gluck tatsächlich klassisch und voller Pathos, tiefsinnig, anrührend und tröstlich. Mitunter wirkt das aber auch dermaßen elegisch, das der eine oder andere Zuschauer hörbar wegnickte. 

Staatskapelle fremdelte mit Glucks Klassizismus

Daniel Barenboim am Pult dirigierte mit Taktstock, den es zu Glucks Zeiten in dieser Form noch nicht gab. Insofern war das wohl ein absichtlich gesetztes Zeichen für Glucks Modernität. Besonders energisch griff Barenboim bei den Chorszenen ein, die ihm wohl hier und da allzu behäbig klangen. Die traditionsreiche und gern auftrumpfende Staatskapelle fremdelte etwas mit dem betont klassizistischen, also streng kontrollierten, vernunftgeleiteten Gluck. Großer Applaus für den amerikanischen Countertenor Bejun Mehta als Orpheus. Auch Anna Prohaska als Eurydike und Nadine Sierra als Amor überzeugten in jeder Hinsicht. Ein erhellender Abend über die großen Themen der Aufklärung, über die zeitlose Sehnsucht nach dem Wesentlichen.

 

© Mathias Baus/Staatsoper Berlin

Trost bei Amor

© Mathias Baus/Staatsoper Berlin

Finsteres Einzelzimmer: Eurydike

© Mathias Baus/Staatsoper Berlin

Verzweiflung und Scheitern