BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Reinigungsrituale: Nur spirituell oder auch hygienisch sinnvoll? | BR24

© BR

Ein wirksames Mittel gegen Infektionen ist das simple Händewaschen, was in vielen Weltreligionen einen festen Bestandteil der Glaubenspraxis darstellt. Sind Reinheitsrituale, wie dieses, eine Prophylaxe gegen Epidemien oder ein Akt der Spiritualität?

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Reinigungsrituale: Nur spirituell oder auch hygienisch sinnvoll?

Ein wirksames Mittel gegen Infektionen ist das simple Händewaschen, was in vielen Weltreligionen zugleich fester Bestandteil der Glaubenspraxis ist. Sind religiöse Reinigungsrituale auch wirksam gegen Epidemien oder ein rein spiritueller Akt?

Per Mail sharen

"Als erstes sagt man Bismillahi Rahmani Rahim, im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen, und wäscht dann die Hände", erklärt Maria Zepter, Psychotherapeutin und seit 35 Jahren Muslima. "Man hält sie unter fließendes Wasser. Die Hände, einschließlich der Handrücken." Fünf Mal am Tag führt sie die Gebetswaschung durch: Zuerst die Hände, dann Mund, Nase, das Gesicht, die Ohren. Dann streicht sie sich über die Haare und wäscht sich am Ende die Füße.

Kleine und große Waschung in Islam und Judentum

"Ich fühl mich bei mir, ich fühl mich erfrischt und ein Stückchen aus dem manchmal etwas hektischen Alltag raus genommen. Ich gehe ja danach in die Stille des Gebetes." Maria Zepter

Neben der kleinen Gebetswaschung, genannt Wudu, gibt es auch eine große Waschung. Die wird nach dem Geschlechtsverkehr oder der Periode fällig. Auch im jüdischen Glauben gibt es eine große und eine kleine Waschung. Bei beiden geht es darum, wieder rituell rein zu werden. "Je nachdem, womit ich mich verunreinigt habe brauche ich entweder das Händewaschen oder das rituelle Untertauchen in der Mikwe", erklärt Levi Israel Ufferfilge, Leiter des jüdischen Bereichs im jüdischen Gymnasium in München.

Rein werden vor dem Essen oder dem Gebet

Die Mikwe ist ein rituelles Tauchbad, für das fast jede Gemeinde Vorrichtungen besitzt. Das benötigen Frauen nach der Menstruation oder nach dem Wochenbett, aber auch Männer nutzen die Mikwe, zum Beispiel vor dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

Das rituelle Händewaschen, Netilat Yadayim, fällt an, nachdem man geschlafen hat, nachdem man Füße oder Schuhe berührt hat, um Brot essen zu dürfen und vor jedem Gebet. Das führt dazu, dass Jüdinnen und Juden, die die Reinheitsregeln einhalten, sich mehrere Male am Tag die Hände waschen.

Mehrmals baden täglich: übertriebene Reinheit?

Gewisse Formen des Hinduismus treiben den Wunsch nach Sauberkeit auf die Spitze. Danakeli Devi Dasi leitet den Hare Krishna Tempel in München und erzählt von den vielen unterschiedlichen Situationen, in denen für Sie das Baden religiös vorgeschrieben ist. "In der vedischen Kultur wird das Baden als heiliger Akt angesehen", erklärt sie. "Man sollte sich wenigstens zwei mal täglich Baden, früh morgens und nach der großen Toilette. Nach dem Essen sollte man den Mund ausspülen und die Hände waschen und sofort den Platz reinigen, auf dem man gegessen hat.

Im Christentum gibt es die Reinheitsvorschriften nicht im selben Ausmaß. Die Taufe zählt sicher dazu oder das Spritzen mit Weihwasser. Jedoch gibt es keine Reinheitsrituale, wie im Islam oder im Judentum, die in den Alltag integriert werden.

Sind Reinheitsrituale religiös oder hygienisch begründet?

Doch warum gibt es Reinheitsvorschriften und Waschrituale? Haben die Religionsgründer schon vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden an die Ausbreitung von Keimen gedacht? Den Ursprung dieser Rituale rein hygienisch zu begründen funktioniert nicht ganz, meint Anna-Katharina Höpflinger, die Religionswissenschaften an der Ludwig-Maximilian-Universität in München lehrt. "Die Sozialanthropologin Mary Douglas konnte prägnant zeigen, dass es bei dieser religiösen Praxis eher um eine Art symbolisches Ordnungssystem geht."

Viele Religionen teilen die Welt in rituell rein und unrein ein. Manchmal überschneidet sich diese Einteilung mit hygienischen Kriterien, manchmal nicht, sagt auch Levi Ufferfilge vom jüdischen Gymnasium in München. "Tatsächlich geht es bei ritueller Reinheit wirklich um etwas Spirituelles und hat nichts oder kaum etwas mit physischer Sauberkeit zu tun." So sei beispielsweise der Schlaf eine Tätigkeit, bei der keine Verunreinigung stattfinde, trotzdem stehe im Judentum danach eine Waschung an.

Hygiene in den Religionen

Dennoch: In den Religionen gibt es neben den Ritualen zur spirituellen Reinigung auch viele Gebote, die direkt mit Hygiene und Gesundheit zu tun haben. Im Judentum ist das zum Beispiel die Vorschrift, sich an die Anweisungen eines Arztes zu halten oder stets frische Kleidung zu tragen.

Es gibt sogar die Theorie, das jüdische Menschen wegen ihrer Reinheitsvorschriften nicht so sehr von der Pest betroffen waren. Einen Schaden richten die Reinheitsvorschriften im Judentum, Islam und im Hinduismus bestimmt nicht an – nur sollte die Seife bei den vielen Handwaschungen noch genutzt werden.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!