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Deshalb ist Filmemacherin Heddy Honigmann eine echte Entdeckung | BR24

© Bayern 2

Sie dokumentiert Traumata von Soldaten und begleitet Taxifahrerinnen: Die peruanisch-niederländische Regisseurin Heddy Honigmann. Ihr Motto: "Ich muss die Menschen lieben". Jetzt widmet das Münchner DOK.fest Heddy Honigmann eine Werkschau.

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Deshalb ist Filmemacherin Heddy Honigmann eine echte Entdeckung

Sie dokumentiert Traumata von Soldaten und begleitet Taxifahrerinnen: Die peruanisch-niederländische Regisseurin Heddy Honigmann. Ihr Motto: "Ich muss die Menschen lieben". Jetzt widmet das Münchner DOK.fest Heddy Honigmann eine Werkschau.

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"Always on My Mind" von Elvis Presley: Was kann dieses Lied für einen Veteranen bedeuten? Für einen Befehlshaber, der Anfang der 80er Jahre nicht nur für das eigene Leben verantwortlich war, sondern auch für das anderer Soldaten im Libanon? Überhaupt, was kann ein Lied bedeuten? Für einen Taxifahrer in Lima, der erklärt, Peru sei aus Metall und Melancholie gemacht? Schmerz und Armut hätten sie alle verhärtet.

Regisseurin Heddy Honigmann fragt nicht aufdringlich nach – nicht danach, was "Always on My Mind" nun genau für den einstigen Soldaten bedeutet, oder ein Lied über verpasste Chancen für den singenden Taxifahrer, der eigentlich Schauspieler ist. Sie hört ihnen zu, solange sie erzählen wollen, und vertraut darauf, dass ein Zuschauer auch versteht, was die Momente des Stockens, des Stotterns bedeuten, die kleinen Gesten eben, die ein Gefühl einfangen, ohne es auf einen Begriff zu bringen.

Ein Blick, der Überraschungen sucht, statt sie zu meiden

So wie in diesen Filmen, in "Crazy" über Soldaten mit posttraumatischen Störungen, und in "Metal & Melancholy", der Taxifahrerinnen und Taxifahrern durch Peru und die Krise des Landes folgt, geht es einem immer wieder mit Heddy Honigmann: Die Regisseurin spielt sich nie zur Psychologin ihrer Protagonisten auf, aber sie stellt doch eine große Nähe her: "Ich muss die Menschen lieben, die vor meiner Kamera sind, damit ich sie filmen kann", sagt Honigmann. "Es geht mir nicht um ein Thema – es geht mir um Personen, und na klar bringen die Themen mit, klar haben meine Filme Themen, Perspektiven – aber das muss sich von allein vermitteln."

© DOK.fest

Eine Frau muss sich als Taxifahrerin durchschlagen, Szene aus "Metal & Melancholy" von Heddy Honigmann

1951 wird Honigmann in Peru geboren. Sie ist die Tochter jüdischer Emigranten, und arbeitet bald in Mexiko, Kolumbien, in Spanien, Israel, Frankreich, Italien. Irgendwo zwischen diesen Ländern muss die Dokumentarfilmerin ihre Handschrift gefunden haben: das aufmerksame Fragen hinter der Kamera. Ihr Wunsch, in den Filmen keine erwartbaren Antworten abzufragen, sondern einen offenen Blick für Personen zu bewahren. Einen Blick, der Überraschungen sucht, statt sie zu meiden.

© John Appel

Regisseurin Heddy Honigmann

Ehrliches Interesse an den Menschen

Wo sich dieser Blick zeigt? Auf dem Friedhof "Père Lachaise" in Paris zum Beispiel – dort hat Honigmann 2006 gedreht: Grabmäler, Spinnweben zwischen Grabsteinen, Menschen, die sich küssen, wenn sie verstorbene Verwandte besuchen oder den großen Anziehungspunkt des Friedhofs: Marcel Proust. Immer wieder fragt Honigmann Passanten, ob Prousts Grab sie hierher führe. Oft folgt ein Ja, und die nächste Frage: Was sie denn gelesen hätten? Die ganze "Recherche", Prousts ganze siebenteilige "Suche nach der verlorenen Zeit"? Das Ja wird seltener. Es dauere lang, rechtfertigt sich ein Mann, die ganze "Recherche" zu lesen...

Aber wenn Heddy Honigmann dann weiterfragt, ob der Besuch dennoch Respekt ausdrücke, Achtung gegenüber dem Schriftsteller, dann klingt dieser Satz eben nicht wie Spott darüber, dass Leute, die sich noch nicht einmal durch die "Recherche" gearbeitet haben, zu Friedhofs-Touristen werden. Im Gegenteil, in der Frage steckt Neugier, der Wunsch zu erfahren, was die Menschen wirklich an diesen Ort zieht. Nicht anders bei dieser exzentrischen Alten auf dem Friedhof, die versucht, die Buchstaben auf dem Grabstein von Proust mit dem Wasser aus ihren Plastikflaschen vom Schmutz zu befreien. Honigmann schaut ihr noch kurz zu – und zieht dann weiter, zu drei alten Damen, deren Antwort sie noch nicht gehört hat.

Ab Mittwoch sind beim Münchner DOK.fest insgesamt sechs Filme der Regisseurin zu sehen.

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