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© Audio: ARD / Foto: BR-Bild /dpa-Bildfunk Jörg Carstensen
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Auch Theaterrevoluzzer kommen in die Jahre. Am 17. Juli wird Frank Castorf 70 Jahre alt. In Berlin prägte er ein Vierteljahrhundert Volksbühne.

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"Ich möchte der totale Künstler sein!": Frank Castorf wird 70

Vor ihm ist kein Theaterstück sicher: Frank Castorf gilt als großer Unruhestifter unter den Regisseuren. Als langjähriger Intendant machte er die Volksbühne zum Treffpunkt der Berliner Hipster-Szene. Auch mit 70 ist er kein bisschen leiser.

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Von
  • Ute Büsing

Er ist ein notorischer Unruhestifter und Serientäter der Theaterbetriebsverunsicherung. Wo der Meister des postdramatischen Theaters Frank Castorf auch hinkam, ob nach Anklam, Karl-Marx-Stadt oder Berlin, er mischte eingefahrene Strukturen auf und überzeugte mit einem neuen Inszenierungsstil, schon zu DDR-Zeiten. All das hat viel mit seinem Selbstverständnis zu tun: "Na wenn schon, möchte ich der totale Künstler sein", sagt Frank Castorf, "Ich kann auch gar nichts anders!"

Der als Sohn eines Eisenwarenhändlers in Ost-Berlin geborene Neuerer fand seine dauerhafteste Theaterheimat an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo er 1992 Intendant wurde und bis 2017 wirkte. Er verabschiedete sich mit einer gigantischen siebenstündigen "Faust"-Inszenierung.

Je unbequemer eine Inszenierung, desto besser

Eine ungemütliche Länge, aber das gehörte gewissermaßen zum Programm und Erfolgsrezept, erklärt Castorf: "Wir machen hier ja nicht schöne Theaterabende! Sondern wir sind ein anderer Sender. Aber wenn wir zu wenig senden, zu wenig komplex, zu wenig irritierend, dann kommt etwas heraus, bei dem es dann heißt: Die fühlen sich wohl sehr wohl in ihrer Haut. Und dann ist etwas richtig scheiße!"

Legendäre, immer wieder zum Theatertreffen eingeladene Inszenierungen pflasterten Castorfs Weg an der Volksbühne, die in dieser Zeit auch mehrmals "Theater des Jahres" wurde. Mit einem eingeschworenen, stets bis an die Grenzen der physischen Belastbarkeit gehenden Ensemble, darunter Henry Hübchen, Sophie Rois, Kathrin Angerer, Martin Wuttke und Alexander Scheer erkundete er Dostojewski neu, Bulgakow, Tennessee Williams, Ibsen. Er dekonstruierte und erfand hinzu, was nicht im Text stand.

Dekonstruktion, Verwirrung, Staunen

Extensiver Einsatz von Video prägte und prägt die Inszenierungen und erweitert die Wahrnehmungs-perspektive. Inzwischen macht Frank Castorf auch Oper – in Bayreuth, Berlin und international. Für ihn sei die Oper die letzte Bastion, wo man in der Dekonstruktion auch Erstaunen auslösen könne, meint der Theatermann: "Da merken Sie, wo die Schamgrenzen liegen. Und natürlich muss man nach Bayreuth gehen oder in die großen Opernhäuser wie in Paris, weil man da ein ungeheures Feedback an Verwirrung schafft."

Den Abschied von der Volksbühne 2017 und den Beginn der sehr kurzlebigen Intendanz von Chris Dercon hat er nur schwer ertragen: "Wenn ich Intendant bin, habe ich was Neues vorzustellen, sonst braucht es doch keinen Wechsel. Das ist geradezu eine moralische Verpflichtung, den Beruf betreffend. Da kann ich doch nicht rumjammern: 'Ich krieg ja nichts von denen!'"

Über diese Sache ist längst Gras gewachsen. In der Hauptstadt inszeniert Frank Castorf seine ausufernden Mehrstünder längst am Berliner Ensemble, zuletzt "Fabian oder der Gang vor die Hunde" nach Erich Kästner. Laut, viril und sehr berlinisch. Der notorische Unruhestifter und Serientäter bleibt sich treu. Mit 70 reist er inszenierend um die Welt.

Unruhestifter und Uraufführungen: Täglich neu in unserem kulturWelt-Podcast.