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"Die Reisenden": Warum Regina Porter ihrem Roman zu viel auflädt | BR24

© picture alliance / AP Images

Ein Buch, in dem so viele Geschichten stecken wie in einem Apartmentblock in New York: "Die Reisenden" von Regina Porter

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"Die Reisenden": Warum Regina Porter ihrem Roman zu viel auflädt

Von der Bürgerrechtsbewegung zur Obama-Zeit: Regina Porters Romandebüt umfasst sechs Jahrzehnte bewegter US-Geschichte. Die Autorin erzählt von Rassismus, Homosexualität und Ungleichheit – doch ihr wuchernder Stil hat nicht nur positive Effekte.

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Die Bronx sei hässlich, erklärt Eddie. Aber das Leben dort, fügt er hinzu, das Leben könne wunderschön sein. Genauso, denkt Agnes, ihm gegenüber, hätte sich dieser Mann auch selbst beschreiben können: Ansehnlich erscheint ihr Eddie wirklich nicht, eher wie ein komischer Pinguin. Und doch glaubt sie, in seiner Nähe ein gutes Leben führen zu können. Und so hält sie an ihm fest: Sie heiratet ihn, bekommt zwei Kinder, beides Mädchen. Sie wartet auf ihn, als er nach Vietnam in den Krieg ziehen muss, und öffnet die Tür, als er zurückkehrt. 1972 ist das und Eddie ein traumatisierter Mann, der sich mit den Wänden unterhält, ein liebevoll verrückter Vater, der um die eigene Verletzlichkeit und um die seiner Töchter weiß.

Ein Roman, in dem alles wuchert

Man hält sich gern bei dieser Familie auf, weil Regina Porter sprachlich gewandt und mit großer Wärme über sie schreibt. Aber schnell führt einen die Autorin auch wieder heraus aus dem Backsteinhaus in der Bronx mit seinen vielen Geschichten, sie hat schließlich einiges vor: Zwei verzweigte, lose miteinander verbundene Familiengeschichten erzählt sie, die eine weiß, die andere schwarz. Heimliche und offen gelebte homosexuelle Lieben gehören zu diesen Familien, alltäglicher Rassismus und gesellschaftliche Träume, die formuliert und enttäuscht werden. Linear erzählt Porter all das nicht, sie springt in der Zeit vor und zurück, in sechs Jahrzehnten US-Geschichte immerhin, beginnend in den 50er-Jahren, und wechselt ein ums andere Mal die Perspektiven.

Die Geschichte wuchert, das Personal wuchert, nicht anders als die erzählten Gefühle. "Ich habe mich gefragt, welches Gefühl sich beim Lesen einstellen soll", erzählt Regina Porter. "Und für mich sind die Struktur des Romans und dessen Bilder ein Weg, um die Geschichte nicht zu didaktisch werden zu lassen, zu historisch in dem Sinne, dass die Gefühle der Charaktere dabei untergehen. Außerdem: Das Leben verläuft nun einmal nicht geordnet. Wir werden oft überrumpelt von Ereignissen, Schicksalsschlägen. Die nicht-lineare Erzählung entspricht dem: Das Leben ist eine unordentliche Angelegenheit."

© dpa / picture-alliance

Regina Porter, Autorin von "Die Reisenden"

Man kann noch mehr darin erkennen als das ehrliche Abbild alltäglichen Lebens: den Versuch, von Traumata zu erzählen – gesellschaftlichen wie persönlichen – ohne sie literarisch zu vereinfachen oder zu strukturieren. Denn jede der Figuren reist mit Wunden durch das Leben – ob sie dabei zu Hause bleibt oder sich wortwörtlich auf die Reise begibt. Die schwarze Krankenschwester, die sich unsichtbar vorkommt im Angesicht der weißen Ärzte. Die junge lesbische Frau, die nur in der Luft, nur im Flieger, frei atmen kann. Der kleine Junge, der sich immerzu räuspert, weil etwas aus ihm heraus will, das er nicht benennen kann.

Wenige klare Sätze für eine schreckliche Tat

Und auch vor dem Kennenlernen von Agnes und Eddie steht ein traumatisches Ereignis. An einem Abend, Agnes ist gerade mit ihrem damaligen Freund auf dem Heimweg, an diesem Abend also hält die Polizei sie auf.

"Der flachsblonde Officer William Byrd ging den Pfad entlang und nahm Agnes mit sich zwischen Bäume und Sumpf. Es dauerte eine Viertelstunde, bis er sein bleiches Gesicht wieder sehen ließ und ohne Agnes zurückkam. ... Wenig später kam Officer Haig neben Agnes den Pfad wieder hinauf. Er hielt ihr die Beifahrertür auf, und Agnes stieg ein, den Blick die ganze Zeit starr geradeaus gerichtet. Officer Haig schob ihr die Handtasche auf den Schoß. Der Schwung ihrer bauschig auftoupierten Haare war dahin." (aus: "Die Reisenden" von Regina Porter)

Vieles nimmt einen für diesen Roman ein – die präzise Sprache, die liebevollen Beschreibungen der Figuren, die dichte Atmosphäre des Textes, die sich mit den Jahrzehnten verändert, von denen erzählt wird. Aber die schiere Menge an Geschichten hält einen doch davon ab, ganz in diese Welt einzutauchen: Immer wieder blättert man stattdessen vor und zurück, sucht noch einmal nach der Einführung dieses einen Charakters, den man vergessen hatte, hofft, dass der andere Strang wiederaufgenommen wird, der einen so berührt hat. Und so ist es am Ende gerade das Ambitionierte, die Ehrlichkeit der wuchernden Form, die eine gewisse Distanz zu dem Roman und seinen Figuren herstellt.

Regina Porters "Die Reisenden" erscheint, übersetzt von Tanja Handels, bei S. Fischer.

© S. Fischer

"Die Reisenden" von Regina Porter

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