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Von der Macht der Regisseure im deutschen Theater | BR24

© Gabriele Pagenstecher

Inszenierung von Schillers "Die Räuber" von Regisseur Peter Zadek aus dem Jahr 1966

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Von der Macht der Regisseure im deutschen Theater

Der Konflikt zwischen der Werktreue und dem Regietheater schwelt seit mehr als 100 Jahren. Jetzt hat die Theaterwissenschaftlerin Claudia Blank darüber ein Buch geschrieben und eine Ausstellung im Deutschen Theatermuseum in München konzipiert.

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Was für ein Bild: eine blutrote Treppe, auf deren Stufen buckelnde Gestalten stehen in ebenso blutroten Gewändern und oben steht er: der König, hinter dem sich die traumtiefe Weite eines fast leeren Platzes vor der Majestät eines Sternenhimmels auftut.

Mit der Kombination von zwei Bühnenszenerien führt die Leiterin des Deutschen Theatermuseums in München, Claudia Blank, auf Plakat und Buchdeckel gleich tief hinein in die Thematik, von der sie eine deutsch-österreichische Geschichte erzählen will: das Regietheater. "Das erste Bühnenbild für Max Reinhardt hat die Bewandtnis, dass es eine totale Abkehr ist von dem traditionellen Bühnenbild zuvor", sagt sie.

Der Regisseur löst den Spielleiter ab

Es gibt keine illusionistisch bemalte Leinwand mehr auf Hängern oder seitlichen Aufstellern. Es ist eine vollplastisch gebaute Bühne und dahinter ist eine erste Form des Rundhorizonts. "Und wiederum bei Jessner ist eben die sogenannte Stufenbühne sehr prägend gewesen", sagt Claudia Blank. Das heiße, es sei eine abstrahierende Dekoration, die nicht mehr im Detail die Schauplätze des Dichters wiedergebe.

Also auch mit dem von ihm gewählten Bühnenbild tritt er hervor, der Regisseur, der um die vorletzte Jahrhundertwende auf den Plan tritt und als unabhängiger Künstler jenen Spielleiter ablöst, der bisher Theaterstücke auf der Bühne arrangiert und dekoriert hat, sagt Claudia Blank: "Für mich setzt Regietheater dort ein, wo der Regisseur als autonomer Künstler dem Dichter gegenübertritt und sich mit dem dramatischen Text eben künstlerisch auseinandersetzt und einen Dialog beginnt."

Generationenkonflikte und Vatermorde

Otto Brahm und seinen Schüler Max Reinhardt sieht Claudia Blank als die Initialzünder für das, was heute noch als Regietheater gilt – wie auch den Konflikt zwischen den beiden. Und so wie sich Max Reinhardt zu Beginn des 20. Jahrhunderts von seinem Mentor lösen muss, so tut dies auch der Schauspieler Fritz Kortner, der zunächst bei Max Reinhardt spielt, um dann selbst zum Regisseur zu mutieren. Und von Kortner wiederum wird sich später Peter Stein distanzieren – und so ist diese Geschichte des Regietheaters auch eine der Generationenkonflikte und der Vatermorde.

© Johannes Grützke / Deutsches Theatermuseum München / Roswitha Hecke

"Lulu" von Franz Wedekind in der Inszenierung von Peter Zadek, 1988

Regietheater: Was für die einen eine Selbstverständlichkeit ist, ist für die anderen noch immer ein Verrat am eigentlichen Werk, ein Verrat an der Dichtung, wobei immer gern mit dem Begriff der Werktreue herumgefuchtelt wird, ohne dass irgendjemand wirklich sagen kann, wie diese Treue auszusehen hätte. Und so machte schon Max Reinhardt lieber Theater von Zeitgenossen für Zeitgenossen und spielte die Texte der Alten so, als seien sie Leute von heute und hätten für dieses heute geschrieben, sagt Claudia Blank: "Der Werktreue-Diskurs ist ja auch schon sehr alt, der hat schon sehr heftig stattgefunden 1919 in der Premiere des Wilhelm Tell von Leopold Jessner."

Das war damals ein Skandal, der ganze Zuschauerraum tobte und setzte sich damit auseinander: Was darf ein Regisseur? Wie werktreu muss er sein? Und wie werktreu letztlich muss auch eine Dekoration aussehen, muss da die Alpenkulisse stehen oder darf es auch eine Stufenbühne sein? Eine Diskussion, die sich letztlich nicht erschöpft. "Es wird immer wieder die konservativen Kreise geben, die Werktreue einfordern", sagt Blank.

Miniaturmodelle und Theaterwelten

Und auch, wenn diese Werktreue so namhafte Befürworter hatte wie Gustav Gründgens, so hat Claudia Blank in ihrem Buch doch lieber über das Jahrhundert des Regietheaters geschrieben. Dabei hat sie mit bewunderungswürdiger Detailgenauigkeit die Geschichte bis zu den sogenannten 68ern wie Peter Stein, Peter Zadek und Claus Peymann verfolgt. Und während ein Ausblick auf die Regiegeneration von heute auch die Gegenwart in den Blick nimmt, bekommt man mal wieder eine Ahnung davon, welchen Reichtum das deutschsprachige Theater darstellt.

Wer will, kann sich davon nun auch noch in der gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Theatermuseum in München überzeugen, die vor allem anhand von grafischen Bühnenbildentwürfen und Miniaturmodellen einen sehenswerten Parcours durch diese Welt des Regietheaters entwirft.

Die Ausstellung: REGIETHEATER EINE DEUTSCH-ÖSTERREICHISCHE GESCHICHTE ist bis 11. April 2021 im Deutschen Theatermuseum zu sehen.

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