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Rotes Band am Weißen Haus

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    "Red Ribbon"-Erfinder: Aids-Aktivist Patrick O'Connell gestorben

    Er lebte vierzig Jahre mit dem HI-Virus im Körper und gehörte zu den Gründern von "Visual Aids", der New Yorker Künstlergruppe, die die rote Solidaritäts-Schleife entwarf und populär machte. Jetzt ist O'Connell im Alter von 67 Jahren gestorben.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Sie ist seit Jahrzehnten das universale Zeichen der Solidarität mit allen Menschen, die von HIV betroffen sind: Die rote Schleife. Vor allem rund um den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember wird sie auf allen Kontinenten getragen. Ursprünglich für diesen Zweck eingesetzt hatte sie die New Yorker Künstlergruppe Visual Aids im Jahr 1991, damals nach dem Vorbild der gelben Schleifen, die in den USA Anfang der achtziger Jahre an die Geiselnahme von amerikanischen Staatsbürgern in der US-Botschaft in Teheran erinnert hatten und im Golfkrieg 1990/91 abermals populär wurden, als Zeichen der Verbundenheit mit den Truppen. Rote Schleifen waren zu der Zeit noch das Kennzeichen der "Red Ribbon Week" jeweils Ende Oktober und sollten an den Tod des US-Drogenfahnders Enrique "Kiki" Camarena erinnern, der 1985 in Mexiko ermordet wurde.

    Farbe des Blutes und der Leidenschaft

    Doch schnell prägte sich eine neue Bedeutung der roten Schleife ein, nachdem Patrick O'Connell und seine Mitstreiter im New Yorker Stadtteil Chelsea begannen, mit Konzept-Kunst die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Aids-Krise zu lenken. Aus roter, grob gerippter Seide, die ein örtlicher Großhändler gespendet hatte, bastelten sie tausende von Schleifen, um sie überall in der Ostküsten-Metropole zu verteilen. Rot, das war die Farbe des Blutes und der Leidenschaft, und die einfache Form der übereinandergelegten Enden eines wenige Zentimeter langen Ripsbandes sollte daran erinnern, dass die Krankheit Aids weitgehend ausgeblendet war aus der Berichterstattung der meisten Medien und der politischen Debatte.

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    Bildrechte: Picture Alliance

    Auch in China bekannt: Sportlerinnen stellen sich zum "Red Ribbon" auf

    Der Ehrgeiz von O'Connell und seinem Team richtete sich anfänglich auf die Übertragung der 45. Tony-Gala am 2. Juni 1991 im Fernsehen, wo die alljährlichen Theaterpreise vergeben wurden. Dort, so die Hoffnung, sollten Prominente erstmals das Solidaritätszeichen öffentlich tragen und dafür werben. Auf jedem Sitz im Minskoff-Theater waren Schleifen bereit gelegt worden. Die Aktivisten hatten sämtliche Teilnehmer der Gala, die sie kannten, im Vorfeld angerufen und auf das wichtige Requisit hingewiesen. Moderator Jeremy Irons heftete sich tatsächlich die Schleife ans Revers, die Veranstalter hatten ihn und andere Gäste jedoch gebeten, während der TV-Übertragung nicht über die Bedeutung des Zeichens zu sprechen. Die Medien wurden neugierig, fragten nach und machten mit ihrer Folge-Berichterstattung den Sinn der Schleife landesweit bekannt.

    1993 sogar auf einer US-Briefmarke

    Auf sogenannten "Bänder-Treffen" (Ribbon-Bees) kamen HIV-Infizierte und ihre Freunde zusammen, um massenhaft Abzeichen herzustellen und unters Volk zu bringen. Prompt waren sie überall zu sehen, bei den Emmys und Oscars, auf T-Shirts und 1993 sogar auf einer Briefmarke der US-Post. Hollywood-Prominenz wie Elizabeth Taylor und Paul Newman erschien kaum noch ohne Red Ribbon in der Öffentlichkeit. In Deutschland ist die rote Schleife seit 1995 als Bildmarke der Deutschen Aids-Stiftung geschützt.

    "Die Leute wollen etwas ausdrücken, aber nicht notwendiger Weise dauernd mit Wut und Aggression", so O'Connell 1992 in der "New York Times": "Mit der Schleife ist das möglich. Und auch wenn es nur ein einfacher erster Schritt ist, für mich ist das großartig. Es wird nicht der letzte sein."

    Dabei hatte O'Connell durchaus schon offensivere Zeichen gesetzt: Am 1. Dezember 1989 organisierte er mit Visual Aids erstmals den "Tag ohne Kunst", an dem zahlreiche New Yorker Museen wichtige Ausstellungsobjekte verhängten, um auf die Aids-Opfer hinzuweisen, die der Gemeinschaft fehlten. Bis heute wird die Aktion jährlich fortgesetzt, seit 1998 aber unter dem neuen Titel "Day with(out) Arts", was als Aufforderung verstanden werden soll, Kunstschaffenden mit HIV eine Bühne zu geben.

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    Bildrechte: Prabin Ranabhat/Picture Alliance

    Aids-Solidaritätszeichen in Nepal

    Patrick James O’Connell wurde am 12. April 1953 in Manhattan geboren. Sein Vater war Drahtzieher und Eisenflechter, seine Mutter Sekretärin. In seiner Jugend arbeitete Patrick auf den Baustellen, auf denen sein Vater tätig war, bevor er auf dem Trinity College in Hartford, Connecticut seinen Abschluss in Geschichte machte. In Buffalo, New York war er Direktor des Hallwalls Contemporary Arts Center. Später kehrte er nach New York City zurück, stieg bei einer Galerie ein und betreute dort so berühmte Künstler wie Cindy Sherman, Sherrie Levine und Robert Longo.

    "Schmerzlich, dass das alles vorbei ist"

    In den siebziger Jahren wurde O'Connell auf dem Nachhauseweg Opfer eines Überfalls, bei dem er verletzt wurde und eine zentimeterlange Narbe davontrug. Mitte der Achtziger wurde ihm seine HIV-Diagnose gestellt, zeitweise nahm er rund dreißig Tabletten am Tag, verfiel dem Alkohol und ging in den Entzug. Mit einer Mischung aus Bitterkeit und Wehmut bekannte er, kaum noch Freunde zu haben, nachdem ihn alle als "jung und hübsch und unternehmungslustig" in Erinnerung gehabt hätten: "Schmerzlich, dass das alles vorbei ist."

    Nach seinen Jahren bei Visual Aids musste O'Connell ab 1995 gesundheitlich bedingt kürzer treten. Sein langjähriger Partner James Morrow starb 2000 an einer Krebserkrankung. Wie die "New York Times" schreibt, war O'Connell zuletzt als Gehbehinderter an seine Sozialwohnung gefesselt, die er kaum noch verlassen konnte. Sein Bewegungsradius sei jährlich eingeschränkter gewesen. Der Vertraute Peter Hay Halpert wird mit den Worten zitiert: "Patricks Berufung im Leben wurzelte in einer Krise, aber deren Dringlichkeit nahm schließlich ab. So viele Menschen, die an seinem Kampf beteiligt waren, starben und ihm war es überlassen, allein mit der Krankheit weiterzuleben. Er wurde einer der letzten Überlebenden aus jener Zeit." Selten allerdings soll er ein T-Shirt oder Hemd ohne das Red Ribbon getragen haben.

    Patrick O'Connell starb nach Angaben seines Bruders Barry am 23. März an den Langzeitfolgen seiner HIV-Erkrankung, wie die "New York Times" berichtete. O'Connell wurde 67 Jahre alt.

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