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Rechtsextremismus auch Thema auf dem Kirchentag | BR24

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Kirchentag beschäftigt sich auch mit zunehmendem Rechtsextremismus

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Rechtsextremismus auch Thema auf dem Kirchentag

Die evangelische Großveranstaltung versteht sich seit je her als ein Frühwarnsystem, das auch wichtige Impulse für die Politik setzen will. Ein Thema wird darum auf dem Kirchentag in Dortmund besonders viel diskutiert: Rechtsextremismus.

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Seit Mittwochabend läuft in Dortmund der 37. Deutsche Evangelische Kirchentag. Fünf Tage lang kommen über 100.000 Christen zusammen, um über Glaubensthemen zu sprechen, aber auch über die Verantwortung von Christen in der Welt. Gerade vor dem Hintergrund des Mordes am Regierungspräsidenten von Kassel, Walter Lübcke, ist es die neue Dimension des Rechtextremismus, die Kirchentagsbesucher aufwühlt.

Gedenkveranstaltung vor ehemaligem Gestapogefängnis zum Auftakt

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem ehemaligen Gestapo-Gefängnis an der Steinwache. Hier in der Dortmunder Nordstadt ist die Neonaziszene stark. Ganz in der Nähe wurde der Dortmunder mit türkischen Wurzeln, Mehmet Kubasik, von der rechtsradikalen Terrorzelle NSU ermordet. Auch an ihn erinnert das Gedenken gleich zum Auftakt des Kirchentags, der noch bis Sonntag in der Ruhrmetropole stattfindet. Haltung zeigen gegen rechts, für viele Kirchentagsbesucher ist das ein wichtiges Thema.

"Ich finde es wichtig, dass wir unsere Vergangenheit nicht vergessen und es gibt genug Grund, jetzt besorgt zu sein. Die Kirche selbst hat ja nun auch eine Geschichte in Punkto Judenverfolgung und es ist gut, dass man das hier thematisiert. Es ist ein guter Spiegel für das, was die Menschen bewegt: Rechtsextremismus, aber auch Klima, Seenotrettung, Europa, es sind ganz viele Themen." Umfrage unter Kirchentagsbesuchern

Gleichschaltung der Evangelischen Kirche im Dritten Reich wirkt nach

Seit seiner Gründung als Laienbewegung in Nachkriegsdeutschland versteht sich der Deutsche Evangelische Kirchentag als verantwortlich dafür, dass Kirche sich nie mehr politisch gleichschalten lässt, wie mit den Deutschen Christen im Dritten Reich geschehen. Der Kirchentag war darum in seiner 70jährigen Geschichte immer schon eine Art Frühwarnsystem, ein Ort der Auseinandersetzung mit rechten Tendenzen in Politik und Gesellschaft. Vor dem jüngsten Hintergrund des Mordes am CDU-Politiker Walter Lübcke, mutmaßlich rechtsradikal motiviert, gewinnt der Kirchentag eine neue Dringlichkeit, sagt Kirchentagspräsident Hans Leyendecker, es brauche einen Zusammenschluss der Aufrichtigen.

"Wir haben beim Fremdenhass wieder zu lange weggeschaut. Das Attentat auf einen Staatsdiener muss uns alarmieren. Das kennen wir aus den 20er Jahren, dass ein Politiker, weil er Engagement für andere Menschen zeigt, hingerichtet wird. Und die Patrioten, die Demokraten, die Starken, die müssen jetzt aufstehen und sagen: Da machen wir was. Wohin führt denn Rassismus? Rassismus führt nach Auschwitz. Das muss immer wieder gesagt werden." Hans Leyendecker, Kirchentagspräsident

Rechtsradikalismus, Antisemitismus, populistische Spaltungstendenzen, das wird auch in den kommenden Tagen immer wieder ein Thema sein auf dem 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag. In Dortmund hat sich bereits 2005 der "Arbeitskreis Christen gegen Rechtsextremismus" gegründet.

Arbeitskreis Christen gegen Rechtsextremismus

Der evangelische Pfarrer Friedrich Stiller leitet den Arbeitskreis. Mit eigenen Stadtführungen während der christlichen Großveranstaltung will er in den nächsten Tagen das Augenmerk der Kirchentagsbesucher auf Schauplätze rechter Gesinnung aufmerksam machen und auf diejenigen, die dagegen halten.

"Wir beginnen auf dem Platz der alten Synagoge und erinnern damit eben auch an das Vermächtnis der NS-Zeit, wir gehen aber auch an einen Ort, wo Nazis mal bei einer Stadtwache standen, wir gehen zum Rathaus, um zu erklären, was die Stadt tut, was die Rechten im Stadtrat tun und wir gehen natürlich auch am Schluss an das Mahnmal für die Opfer der NSU-Morde." Pfarrer Friedrich Stiller

Rechtsextreme Hooligans beim BVB - eine verschwindend kleine Minderheit?

Als BVB-Hochburg ist Dortmund eine Fußballstadt durch und durch, weithin sichtbar thront das schwarzgelbe Fußballstadion über der City. Leider gibt es in der Hooliganszene viele Rechtsradikale, aber ebenso viele engagierte Aktivisten gegen Rechte Gesinnung, betont der Dortmunder Pfarrer.

"Die Geschichte einer Verbindung zur Fußballszene ist in Dortmund immer wieder Thema, weil das mal vor 40 Jahren so war. Es gibt immer wieder Versuche von Rechtsextremisten, aber wirklichen Einfluss haben sie meiner Meinung nach nicht. Es gibt eine rechte Hooliganszene, aber man darf die Größe nicht überschätzen. Selbst wenn es 20 sind – im Stadion sind 85.000.“

Etwa 80.000 Dauerteilnehmer erwartet der Kirchentag in der Ruhrmetropole in den nächsten Tagen, dazu mehrere zehntausend Tagesgäste. Außerdem sind erstmals vier Bundespräsidenten zu Gast: Heute diskutiert Frank Walter Steinmeier über Digitalisierung. Seinie Vorgänger Horst Köhler, Christian Wulff und Joachim Gauck sind ebenfalls in Dortmund zu Gast.

© BR / Friederike Weede

Pfarrrer Friedrich Stiller in der Gestapo-Gedenkstätte in Dortmund