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Was sich wirklich hinter rechtem Denken verbirgt | BR24

© picture alliance/Ralf Hirschberger/dpa

Teilnehmer der Demonstration von AfD und Pegida am 01.09.2018 in Chemnitz ziehen mit Mitgliedern von Pro Chemnitz durch die sächsische Stadt.

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Was sich wirklich hinter rechtem Denken verbirgt

Alle reden über rechts und darüber, ob man mit Rechten reden soll. Dabei wissen die wenigsten, was sie meinen, wenn sie reflexhaft "rechts" sagen. Denn rechte Denker wähnen sich längst in einem "Vorbürgerkrieg" – in einem existentiellen Kampf.

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Wer oder was ist eigentlich 'rechts'? Rechtssein beginnt mit einer Erweckung. Rechts ist man nicht, man wird es. Und man wird rechts nicht allein dadurch, dass man nicht links ist. Es ist weit komplexer. Rechts wird man durch die explizite Reaktion auf eine als falsch empfundene Realität, eine Art zweite Geburt. Wer rechts wird, empfindet die Realität als geradezu unrealistisch: dekadent, skrupellos, lebensfern, unernst. So zumindest haben es rechte Denker wie Armin Mohler oder Götz Kubitschek beschrieben.

Diese zweite Geburt sei eine Erweckung des Geistes aus Enttäuschung über die Schwäche und Korrumpierbarkeit der menschlichen Seele, aus Enttäuschung über die Gleichgültigkeit des totalen Marktes, aus Enttäuschung über die Preisgabe dessen, was dem Menschen vermeintlich Stolz und Selbstwert ermögliche und bei allen Flüchtigkeiten verlässlich sei: die Tradition des Gewachsenen und Beglaubigten.

Der Feind des Rechten ist der Liberale

Rechtem Denken ist von der Wurzel an individueller Widerstand gegen die Realität eingeschrieben. Dieser instinktive Widerstand gegen die "falsche", sprich: liberale Realität formatiert ein Weltbild, das sich durch Ablehnung jenes Fortschritts definiert, der aus Sicht der Rechten alles Bewährte und Bewahrenswerte mit allzu leichter Hand aufgibt. Aus dem Geist des Widerstands heraus, im Kampf gegen die Fliehkräfte einer für ihn bedrohlich instabilen Gegenwart, kürt der Rechte seinen eindeutigen Feind. Es ist nicht der Linke. Es ist der Liberale.

Der Widerstand gegen den Liberalismus und seine angebliche Bilderbuchwelt der immer glatten Lösungen, der pluralistischen Lebensentwürfe und konstruierten Wirklichkeiten ist eines der zentralen Leitmotive aller rechten Vordenker, Philosophen, Publizisten und Politiker seit dem 19. Jahrhundert. Und der Kampf gegen die Eliten der liberalen Demokratie zieht sich durch die Geschichte rechter aktivistischer Arbeit von der Konservativen Revolution der 1920er-Jahre über die Neue Rechte der 1970er bis zu den AfD-Politikern, Jungen Nationalisten oder Anhängern der 'Identitären Bewegung' heute.

Wer rechts denkt, wirft den Liberalen vor, den einzelnen Menschen auf fahrlässige Weise zu überschätzen, auf dass sich der Mensch letztlich selbst überschätzt. Wer rechts denkt, hält dem Liberalismus vor, das in einem geschichtlichen Zusammenhang stehende Individuum in seinem Wesen verändern und nach den Vorstellungen einer rein ökonomischen Nützlichkeit fremdbestimmen zu wollen. Das Aufbegehren des rechten Denkens gegen diese ökonomische Zurichtung des Menschen als gesichtsloses Individuum und willfährigen Konsumenten klingt erstaunlich vertraut: nach linker Kritik an Kapitalismus und neoliberaler Ökonomie.

Kampf gegen eine vermeintliche Invasion

Geschichtlich betrachtet waren der Konservatismus wie Sozialismus tatsächlich gleichermaßen antikapitalistisch. Beide Ideologien verfügten und verfügen über revolutionäre wie über ausgeprägt antiliberale Tendenzen, und beider Feind war und ist der ökonomische Liberalismus, der vor allem aus Sicht des rechten Denkens zum Schlimmsten überhaupt führt: zu Zersetzung und Auflösung dessen, was rechte Denker als 'eigenes Volk' bezeichnen.

Aus ihrer Sicht resultiert daraus ein in die Anarchie führender Pluralismus, dessen Folge wiederum Formlosigkeit und Chaos sei. Der Mensch: aller Überlieferungsbindungen enthoben. Die Ursprünge: ausgelöscht. Die Herkunft: getilgt. Das kulturelle Erbe: verraten. Der Verlust der eigenen Identität im formlosen Chaos des Pluralismus schmerzt den Rechten – für ihn ist Identität eine Frage auf Leben und Tod. Er pocht auf die aus einer Gemeinschaft heraus gebildete Identität des Eigenen, ohne genau begründen zu können, was genau dieses Eigene ist. Und er kämpft gegen die Vernichtung dieser Identität durch den politischen Willen zur Gleichheit. Rechts ist also, wer in einen doppelten Kampf verstrickt ist und dafür immerzu eindeutige Feinde braucht. Für Rechte ist es ein existentieller Kampf: Es geht um alles oder nichts. Die Rechten, schreibt und sagt Götz Kubitschek, der maßgebliche Vordenker der deutschen Neuen Rechten, seien im Krieg. Man fahre im Verband, man verfüge über unterschiedliche Divisionen, man habe gezückte Schwerter. Der Kampf um die "Vorherrschaft im eigenen Raum" sei keine Diskussion – es sei der Kampf um alles.

© picture alliance / Sven Simon

Götz Kubitschek, Vordenker der Neuen Rechten

Reduziert man diese Denkfiguren und Leitmotive auf ein unhintergehbares Fundament, steht ein Begriff zur Verfügung, in dem das gesamte rechte Denken der vergangenen Jahrzehnte gipfelt: Der "große Austausch". Mit der Annahme eines umfassenden "Bevölkerungstransfers" beschreiben rechte Denker den aus ihrer Sicht gezielten, bewussten und also gewollten Austausch der europäischen "Stammbevölkerung" durch kulturfremde "Invasoren" aus wahlweise Afrika oder dem Nahen Osten. In den Migrationsbewegungen afrikanischer oder nahöstlicher Migranten und Flüchtlinge erkennen sie eine Invasion Europas mit der Absicht, eine der großartigsten Zivilisationen zu unterwerfen, die es jemals gegeben habe: Europa – womit wahlweise Frankreich oder Deutschland gemeint ist. Die Bühne dieses "großen Austauschs" der Bevölkerung sei das Mittelmeer.

Freund-Feind Entgegensetzung

Dabei operieren rechte Denker mit zwei Leitmotiven, die sie aus den unveränderlichen Gegebenheiten der Natur ableiten. Das erste ist der Territorialismus: das um- und begrenzte Territorium einer als homogen gedachten Gemeinschaft ermöglicht dem Rechten, im 'Wir' zu denken und es einem 'Ihr', einem Feind, entgegenzusetzen. Das zweite Leitmotiv ist der Glaube an die Höherwertigkeit und Höherrangigkeit des Eigenen, die der universellen Ethik einer Gleichheit der Menschen im Sinne ihrer Gleichwertigkeit strikt zuwider läuft. Je rechter es zugeht, desto klarer wird diese Hierarchie biologisch gedacht. Je rechtsradikaler es wird, desto fundamentaler wird die vermeintliche Höherwertigkeit des eigenen 'Wir' genetisch begründet: Die große Zivilisation des Deutschen (oder Französischen) entfaltet sich durch die höhere Intelligenz des deutschen (oder französischen) Volks.

'Volk' ist ein problematischer, kaum begründbarer Begriff. Wer rechts wird, setzt Volk intuitiv gegen das weit komplexere Wort 'Bevölkerung', die widerstreitende Elemente, so unversöhnlich sie auch sein mögen, in sich vereint. Rechts wird also, wer gerade dort biologisch begründete Rang-Unterschiede einzieht, wo der Liberale sie auflösen will. Die für rechts denkende Menschen feststehende naturgemäße Vererbbarkeit von höherer Intelligenz wird als biologisches Faktum innerhalb eines bestimmten, begrenzten Territoriums betrachtet. So entsteht die Idee einer "biologischen Nation". Nation und Volk werden nicht sozial verstanden, etwa als Bevölkerung mit unterschiedlichen Gruppen unterschiedlicher Herkunft, sondern als homogene Gemeinschaft, die durch die Geburt in einem ganz bestimmten Territorium mit klaren kulturellen und geschichtlichen Traditionen definiert ist. Kurz: durch Abstammung von einer Überlieferungsgemeinschaft, die es nach außen abzugrenzen gilt.

Unverhohlene Bedrohung der Demokratie

Für eine liberale, parlamentarische und repräsentative Demokratie ist das antiliberale Denken und die biologische Begründung der Nation eine unverhohlene Bedrohung. Noch gibt es nur eine intellektuelle (oder wie rechte Vordenker sagen "metapolitische", das heißt im Rückraum vorbereitete) Revolte, seit aber in Deutschland Schüsse fallen, Politiker ermordet und Juden wie Muslime gejagt werden, scheint sich das zu bewahrheiten, was Götz Kubitschek bereits 2007 in seinem Buch "Provokation" prophezeite: "Wir bewegen uns auf das zu, was wir den Vorbürgerkrieg nennen sollten. […] Wem sein Vaterland lieb ist, muss den Vorbürgerkrieg gewinnen, bevor er unbeherrschbar wird."

Die angekündigte Wiedereroberung des eigenen Territoriums, die geforderte geistige Umerziehung, die beabsichtigte Umwertung der Werte, ja der vorhergesagte Bürgerkrieg und die womöglich offene Gewalt bei der Umsetzung dieser Ziele sind nicht mehr unrealistisch. Ohne hysterisch oder naiv zu sein, könnte man aus all dem schließen: Die große Gefahr unserer Tage besteht darin, dass Deutschland den Kipp-Punkt schon überschritten hat und die Demokratie bereits ausgehöhlt wird.

Jetzt anhören: Die Nachtstudio Sendung: Das ist rechts! Ein Versuch, das "rechte Denken" zu sezieren

Wissen wir eigentlich, worüber wir reden, wenn wir "rechts" sagen? Was exakt charakterisiert rechtes Denken? Um das zu verstehen und dagegen argumentieren zu können, müssen wir seine Leitmotive und Quellen kennen.

© Bayern 2

Nachtstudio Sendung: Das ist rechts!

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