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Rechte Künstler und Hetzer in Uwe Tellkamps neuem Buch | BR24

© Bayern 2/ Bild: picture alliance/AP Photo

Neo Rauch vor seinem Gemälde "Kollegium". In "Das Atelier" von Uwe Tellkamp spielt der Rauch in Gestalt des Malers Martin Rahe eine wichtige Rolle.

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Rechte Künstler und Hetzer in Uwe Tellkamps neuem Buch

Eine poetische Verklärung von Pegida und rechter Propaganda? Die neue Erzählung von Uwe Tellkamp ist in der "Edition Buchhaus Loschwitz" von der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen erschienen. Das sagt schon alles.

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Ist das nun "hochtoxische Materie", um es mit einem Wort aus diesem Büchlein zu fragen? Das bängliche Begutachten jeder einzelnen Publikation Uwe Tellkamps auf politische Ausfälligkeiten hin hat auch seine komischen Seiten: Was wird er wohl jetzt schreiben, nach der zuletzt veröffentlichten Erzählung "Die Carus-Sachen", 2017 in der kleinen "Edition Eichthal", und vor der seit Jahren angekündigten Fortsetzung seines preisgekrönten Romans "Der Turm"?

Die Antwort findet sich bereits im Titel "Das Atelier": Tellkamp schreibt erneut, wie schon in "Die Carus-Sachen", die sich um den Dresdner Maler und Arzt Carl Gustav Carus drehten, über bildende Künstler, allerdings über solche, die voller Verachtung sind für alle "Gefälligkeitsschnitzer" und "Harmonie-Harfner", "hübsch artig in der Prosa, nett in den Pinseln", nach dem Motto: "ja nichts riskieren, ja nicht aufs Große Ganze, und ja kein Pathos, da kriegst du Dresche von denen, die bei allem, was nicht durchironisiert ist, gleich den gereckten Arm sehen". Kurzum: Uwe Tellkamp schreibt in dem ihm eigenen raunenden Tonfall über Neo Rauch, der bei ihm den Namen "Martin Rahe" trägt, der eine Frau hat, die ebenfalls Malerin ist, überdies einen "reinrassigen Mops" und der weltweit erfolgreich ist mit der Darstellung "merkwürdiger Menschen in merkwürdigen, nie ganz deutbaren Verrichtungen" auf großformatigen Leinwänden. In seinem Atelier in der Leipziger Baumwollspinnerei hängen neben einem Boxsack auch Zielscheiben mit den Gesichtern seiner "Lieblingsfeinde" an der Wand, auf die er ab und an mit der Luftdruckpistole schießt.

© Susanne Degen

Uwe Tellkamp

Neo Rauch und der AfD-Sympatisant Axel Krause erkennbar

"In effigie erledigen" nennt er das. So kennt man das alles schon aus etlichen kniefälligen Homestorys über Neo Rauch, der seinerseits bereits 2018 zu Protokoll gegeben hat, Uwe Tellkamp sei für ihn ein "Wiedergänger Stauffenbergs". Ein wackerer Widerstandskämpfer in der "Meinungsdiktatur" im so genannten "Gesinnungskorridor". Von "Gesinnungsschnüfflern" sieht sich auch Neo Rauch, ein Kind der DDR wie Uwe Tellkamp, umzingelt, sie wecken seinen Zorn.

Aber nicht nur über seinen Bruder im Geiste Neo Rauch schreibt Tellkamp in "Das Atelier", sondern auch über einen Freund und einstigen Kommilitonen Rauchs an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, den Tellkamp "Thomas Vogelstrom" nennt und hinter dem man den Maler Axel Krause vermuten darf. Jenen Vertreter der Neuen Leipziger Schule, der sich 2018 als Sympathisant der AfD zu erkennen gab. Mit diesem palavert Tellkamps Erzähler allerdings erst mal nicht über Politik, sondern über die Dresdner Romantik und Max Beckmanns Formel von der "Wut der Sinne". Und dann wird, nach Verweisen auf Ernst Jünger und Botho Strauß, auch noch die Geschichte Ernst Barlachs mit hineingerührt – schließlich habe sich der Schöpfer der Skulptur "Wanderer im Wind" sowie der Romanfigur "Seespeck" auch von nichts und niemand "auf Linie" bringen lassen, so steht es in "Das Atelier".

Poetische Verklärung der Pegida-Bewegung

Ein ungefüges Amalgam ist dieser Text, eine unter ihrer Schwere und ihrem Ernst ächzende Kunstanstrengung, so bildungsprahlend wie ressentimentgeladen. Sie lässt Schlimmstes für Tellkamps "Turm"- Fortsetzung "Lava" befürchten. In vulkanischer Metaphorik heißt es in "Das Atelier" mit Blick auf das Jahr der Flüchtlingskrise 2015: "Im Jahr Fünfzehn habe es gerumst, das Dunkelding sei ausgebrochen, mit Folgen für die ganze Republik, vielleicht der Vesuv von Dresden nur ein gerade offener Schlot, einer von vielen im ganzen scheinbar so beruhigten Land, doch anderswo womöglich das Deckgebirge über den Schloten stärker, der Unmut als Magma weniger druckvoll, wer wisse das schon." Puh, die Pegida-Bewegung poetisch derart zu verklären, das ist ein starkes, nein, ein perfides Stück. "Eines der größten Reiche der Weltgeschichte, das Römische Reich, ist an der Dekadenz zugrunde gegangen", erklärt der reichlich untergangsselige Maler Thomas Vogelstrom Uwe Tellkamps literarischem alter Ego Fabian Hoffmann und fährt fort: "So ist es auch heute, auch wir werden zugrunde gehen".

Der Stil sei Schicksal, wird der Kunstkritiker Theodor Däubler mal zitiert. Das Schicksal von Uwe Tellkamps Stil ist es, immer verquaster zu werden: "Ding wird Findling in den Prozessen der Farbe"? – "Phantasie: der Netzwurf ins Meer der Fakten"? Man möchte sich in derlei lieber nicht verheddern. Aber gut, das sagt nur einer dieser "Mattschädel" aus der "Sekundärindustrie", wie es in diesem schmalen Büchlein heißt, eine "Beschränkt-Pflaume", ein "Schmierant", vulgo: ein Kritiker.

"Das Atelier" von Uwe Tellkamp erscheint bei Edition Buchhaus Loschwitz und wird vom rechten Antaios Verlag beworben.

© Edition Buchhaus Loschwitz/ Montage BR

Uwe Tellkamp

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