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"Rausschmeißen kann mich nur das Publikum": Gottschalk ist 70 | BR24

© BR/Philipp Kimmelzwinger

Moderator Thomas Gottschalk bei der BR-Literatursendung "Gottschalk liest" (Archivbild: 06.03.2019)

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    "Rausschmeißen kann mich nur das Publikum": Gottschalk ist 70

    Heute feiert Thomas Gottschalk seinen 70. Geburtstag. Lange vor "Wetten, dass..?" begann Deutschlands bekanntester Entertainer seine Karriere als Radiosprecher beim BR. Erinnerungen an Gottschalks Anfänge im BR von Ulli Wenger.

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    "Man merkt es Euren Diskjockeys an, dass Ihr sie per Fragebogen sucht!" So frech bewirbt sich der Kulmbacher Schüler Thomas Gottschalk im Sommer 1970 als Sprecher beim Bayerischen Rundfunk. 20 Jahre zuvor wird er an Christi Himmelfahrt in Bamberg geboren, weil sein Vater unbedingt im Kreißsaal dabei sein will. In Kulmbach, dem Wohnsitz von Rechtsanwalt Gottschalk, ist das damals noch nicht erlaubt.

    Deutschlehrer inspiriert ihn ungewollt

    Auf dem Weg zum Abitur am Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium bleibt Thomas zweimal sitzen. "Du bist stinkfaul“, schimpft Mutter Rutila, doch sein Deutschlehrer merkt schon sehr früh, dass Thomas es meisterhaft verstehe, "eine weitgehende Leere durch sprachlich hohes Niveau zu überdecken". So inspiriert er ihn ungewollt fürs restliche Leben: "Dieser Satz brachte mich auf die Idee für mein späteres Berufsmodell." Das Abi besteht Gottschalk mit Hängen und Würgen, obwohl er bei der Mathematik-Klausur mehrere leere Blätter abgab, nur auf einem stand in lupenreinem Latein "Quod erat expectandum (Was zu erwarten war)!"

    Kurz darauf zieht er nach München und wird Stationssprecher bei Bayern 3. Nicht unbedingt zur Freude der Wellenleitung, weil er ziemlich respektlos mit den Verkehrsmeldungen umgeht: "A9 von München in Richtung Nürnberg fünf Kilometer Stau vor der Abfahrt Eching. Wegen Ikea dort, wird sicher bald Elching heißen!" Durch solche lockeren Sprüche wird Bayern 2 auf ihn aufmerksam und lässt ihn auch dort ans Mikrofon: "Frisch aus der Presse" und "Disco 2" heißen die Sendungen, in denen er Platten auflegen und sich freischwimmen kann.

    Star der bayerischen Jugend

    Seine erste eigene Sendung, "Pop nach acht" in Bayern 3, startet am 2. Mai 1977: "Die Verantwortlichen werden sich gedacht haben: Nach 20.00 Uhr kann er keinen großen Schaden anrichten", vermutet sein langjähriger Freund Fritz Egner. Binnen kürzester Zeit hängt die bayerische Jugend an Gottschalks Lippen. Er braucht kein Manuskript, plaudert fröhlich vor sich hin, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist, erfüllt Musikwünsche und hilft sogar bei Liebeskummer.

    Fauxpas beim Talk empört Rundfunkrat

    Nur einmal vergaloppiert er sich beim Talk mit dem Klassensprecher des Münchner Sophie-Scholl-Gymnasiums und erklärt die Namensgeberin spaßeshalber zur Erfinderin der Gesundheitsschuhe von Dr. Scholl's Fußpflege. Prompt meldet sich ein empörter Rundfunkrat im Studio und spricht von einem Skandal, der diesem Moderator "den Kragen kosten" müsse.

    Um einer offiziellen Beschwerde zuvorzukommen, schreibt Gottschalk sofort eine Entschuldigung an den Intendanten: "Eine bewusste Verblödelung oder gar Diffamierung der Widerstandskämpferin" habe nicht in seiner Absicht gelegen. Zudem weist er darauf hin, dass ihm die Formulierung "den Kragen kosten" zur Ehrenrettung von Sophie Scholl "sicher nicht geeignet" erscheint.

    Schnodderschnauze kommt in höheren BR-Etagen gut an

    Dass er ein Ausnahmetalent ist, wird auch offiziell gewürdigt: 1978 erhält Gottschalk den Kurt-Magnus-Preis als "überdurchschnittlich befähigter Mitarbeiter des Hörfunks". Klingt holprig, bestätigt ihn aber in seinen Kurs: "Jetzt hab ich’s amtlich, dass ich am Mikro ungewohnte, lockere Töne anschlagen darf!" Spätestens jetzt verstummen die Kritiker in den höheren BR-Etagen und sehen ein, dass seine Schnodderschnauze gut ankommt.

    1979 startet Gottschalk mit Jauch

    Im April 1979 startet das legendäre "B3-Morgentelegramm". Einer der Gründer ist der damals 23-jährige Günther Jauch. Er interviewt Politiker und spricht mit Korrespondenten, zwischendurch läuft Musik. Für die ist Gottschalk zuständig, "weil seine Kollegen zu faul waren", erinnert sich Jauch. So steht also ein vom Vorabend völlig übermüdeter Gottschalk in der Senderegie und legt die passenden Platten auf, während der junge Jauch drinnen am Studiomikrofon sitzt. "Damit war er praktisch zu meinem Redaktionsassistenten degradiert!"

    Gottschalk gehört auch zu Deutschlands ersten Rappern, als er mit seinen Radiokollegen Frank Laufenberg (SWF 3) und Manfred Sexauer (Europawelle Saar) die deutsche Version von "Rapper’s Delight" aufnimmt und damit just an seinem 30. Geburtstag in der deutschen Hitparade landet.

    Nach dreieinhalb Jahren täglich auf Sendung legt er "Pop nach acht" an Silvester 1980 in die Hände seiner Nachfolger, weil "Wetten, dass..?"-Erfinder Frank Elstner ihn nach Luxemburg lockt: "Mir war völlig klar, dass der Thomas eine große Karriere machen würde. Als ich Direktor bei Radio Luxemburg wurde, da wollte ich eben die besten Leute um mich scharen." 18 Monate dauert dieses "Fremdgehen". Im Januar 1983 sitzt Gottschalk mit "Thommys Radio-Show" wieder am BAYERN 3-Mikrofon, diesmal um die Mittagszeit. Er plaudert über Prominente und kommentiert die wöchentlichen Soap-Folgen aus "Dallas" und vom "Denver-Clan".

    Gottschalk soll Konkurrenz vom Privatradio in Schach halten

    1985 starten in München die ersten Privatsender, diese Konkurrenz für Bayern 3 soll Gottschalk mit seinem Charme in Schach halten. Sein Konzept für den Nachmittag gefällt den BR-Oberen: "Ich mach die Betreuung der schlichteren Gemüter" - gemeint sind die Frauen, die da ihren Abwasch machen. "Dann lasst ihr den Jauch einmarschieren für die politisch Interessierten." Sein Freund arbeitet gerade als politischer BR-Korrespondent in Bonn, lässt sich aber gerne "in die Unterhaltung reinquatschen" und kehrt zurück in die Zentrale.

    Am 7. Oktober um 14.00 Uhr hat die legendäre "B3-Radioshow“ ihre Premiere: Gottschalk bestreitet die ersten beiden Stunden locker wie gehabt und Jauch lässt ab 16.00 Uhr den Tag journalistisch-seriös Revue passieren. Weil er stets gut vorbereitet ist, taucht er schon früher im Studio auf, zu einem spontanen Schlagabtausch: "Dieses unbekümmerte einfach Drauflosreden und Dummes-Zeug-Erzählen war herrlich", schwärmt Gottschalk noch heute.

    Gottschalk-Jauch-Gespräche bis heute Radiokult

    Die improvisierten Übergaben sorgen für Gesprächsstoff in ganz Bayern und sind bis heute Radiokult. Auf vielen Autos klebt damals ein Affe mit gefletschten Zähnen und dem Motto "Die affengeile Dauerwelle". Der Intendant höchstpersönlich musste diesen Aufkleber genehmigen - wegen des Wortes "geil".

    In seiner Funktion als Musik-Koordinator nimmt Gottschalk auch an Sitzungen des Rundfunkrates teil. Dieses Gremium beschreibt er tags drauf im Radio als "Mischung aus Elferrat und Zentralkomitee". Hörfunkdirektor Udo Reiter, später einer seiner ganz engen Freunde, denkt sich insgeheim: "Die beste Charakterisierung, die man überhaupt finden kann", muss ihn offiziell aber trotzdem abmahnen. So etwas nimmt der selbstbewusste Oberfranke lächelnd "wie Steuerbescheide zur Kenntnis", weil er seine Fans hinter sich weiß: "Ich habe einen großen Papierkorb. Rausschmeißen kann mich nur das Publikum!" Im Herbst 1989 verabschiedet sich die "Radiorampensau", wie Jauch ihn mal genannt hat, freiwillig vom Mikrofon und konzentriert sich ganz auf seine Fernsehkarriere bei "Wetten, dass?" und "Gottschalks Late Night".

    BR-Comeback für knapp sieben Jahre

    Sein Radio-Comeback im Frühjahr 2013 im Rahmen des "Bayern 3-Kultabends" bezeichnet Gottschalk ironisch als "Rückkehr der reitenden Leichen". Anschließend moderiert er drei Jahre lang am Sonntagabend seine "Radioshow" auf Bayern 1. Dann wohnt er immer im "Bayerischen Hof" in einer selbst eingerichteten Luxussuite, die aussieht wie eine Mischung aus Kunstmuseum und Dominastudio. Dort war auch Til Schweiger mal abgestiegen, aber nach drei Minuten wieder ausgezogen, als er das riesige Bett mit Gottschalks Konterfei sah. Der vermutet, dass der Schauspieler dort nicht schlafen wollte, weil "seine junge Freundin nur zu mir geguckt hätte".

    Als er sich im Dezember 2019 vom BR-Mikro verabschiedet, witzelt er noch, dass sein Arzt es für hochriskant halte, "wenn ich wie bisher einmal im Monat das Bett verlasse". Sprach's und spielte den Song, mit dem er 42 Jahre vorher seine Karriere begonnen hatte: "Wild West Hero" vom Electric Light Orchestra. Der klinge immer noch gut, nur er selbst sähe nicht mehr ganz so gut aus: "Ich habe doch viele Kräfte in diesem Haus gelassen!"

    © BR/Wenger

    Thomas Gottschalk mit BR-Kollege Ulli Wenger (Archivbild 2019)

    Zum 70 . Geburtstag von Thomas Gottschalk zeigt das BR Fernsehen in der Sendereihe "Lebenslinien" ein Porträt über Kulmbachs berühmtesten Sohn. In der BR Mediathek ist "Der Thommy von nebenan" zu sehen.

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