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Rauch über Bayreuth: Wagner-"Ring" als turbulente Kettenreaktion | BR24

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Der dänische Komponist und Performance-Künstler Simon Steen-Andersen schnappte sich ein Mikrofon und ging damit auf die Pirsch durchs Bayreuther Festspielhaus, immer auf der Suche nach Wagners tragischen Helden: "The Loop of the Nibelung".

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Rauch über Bayreuth: Wagner-"Ring" als turbulente Kettenreaktion

Der dänische Komponist und Performance-Künstler Simon Steen-Andersen schnappte sich ein Mikrofon und ging damit auf die Pirsch durchs Bayreuther Festspielhaus, immer auf der Suche nach Wagners tragischen Helden: "The Loop of the Nibelung".

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Endlich steht Rauch über dem Bayreuther Festspielhaus, davon hat der revolutionäre Richard Wagner ja immer geträumt: Einmal ganz groß aufspielen und danach alles abfackeln, damit die Kunst blühe und die Welt besser werde. Jetzt hat es der dänische Komponist, Regisseur und Installationskünstler Simon Steen-Andersen tatsächlich wahr gemacht, wenn auch nur symbolisch. Er lässt es in seinem Netz-Video mit dem leider etwas harmlosen und wenig aussagekräftigen Titel "Loop of the Nibelung" am Ende ordentlich qualmen, auf dass die Feuermelder im Festspielhaus Alarm schlagen und weiße Schwaden aus den Lüftungs-Ritzen in den Himmel steigen, als ob in Bayreuth soeben ein neuer Papst gewählt wurde.

Reise durch die Wagner-Scheune

Passt ja irgendwie zur Kunstreligion, die Richard Wagner einst ausgerufen hat und die bekanntlich zahlreiche Anhänger fand, um nicht zu sagen: Gläubige. Hoffentlich war die örtliche Feuerwehr vor den Dreharbeiten informiert. Ja, es ist ausgesprochen unterhaltsam, was Simon Steen-Andersen und sein Team da in knapp 37 Minuten inszeniert haben, eine total verrückte Reise durch die Bayreuther Wagner-"Scheune" vom Keller bis zum Dach.

© Jungblut/BR

Simon Steen-Andersen am Regiepult

Vor drei Jahren bekam der energiegeladene dänische Tonkünstler den Förderpreis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung, die auch diesen Kompositionsauftrag finanzierte. Und wie es sich für ernsthafte Künstler gehört, zieht Steen-Andersen sein Ding durch – egal, ob es anderen passt oder nicht, wie er damals dem Klassik-Magazin "Crescendo" in einem Interview verriet: "Provokation als solche finde ich nicht so interessant, aber bis zur Grenze zu gehen, das finde ich ganz gut. Also, wenn die Sache dann doch widersprüchlich bleibt, wenn man nicht weiß, soll das so oder so sein. Auf der anderen Seite ist mir klar, dass das, was ich mache, nicht für alle ist. Wenn die Leute rausgehen, ist das halt so. Man freut sich nicht, aber man gewöhnt sich daran."

Skurrile Hammer-Maschine legt los

In diesem Fall freilich überwiegt ganz eindeutig die Freude an einer rasanten und witzigen Performance. Diesen "Nibelungen-Loop", diese Wagner-Schleife, dürften kundige Opernfreunde ganz besonders genießen, weil sie alle Anspielungen verstehen. Alle anderen dürfen sich entspannt zurücklehnen und dabei sein, wenn sich ein Tennisball ins Festspielhaus verirrt und dort eine bizarre Kettenreaktion auslöst – die tollste Domino-Show, die in Walhall jemals aufgeführt wurde! Es geht in die Kostümabteilung, wo in den alten Fotos der ausgesprochen schüchternen norwegischen Wagner-Heroine Kirsten Flagstad (1895-1962) geblättert wird, es werden Frösche zum Quietschen gebracht, die bekanntlich im "Rheingold" ihren Kurz-Auftritt haben. Die Ventilatoren dürfen Sturmwind vorführen, der wird bei Wagner ja ständig benötigt, und eine skurrile Hammer-Maschine darf mal richtig loslegen und das Meißeln der fleißigen Nibelungen in ihrer Goldmine zu Gehör bringen.

© Jungblut/BR

Bühneneingang: Ist da wer?

Unterwegs als "Ghostbuster"

Mit einem Mikrofon in der Hand eilt Simon Steen-Andersen durchs Festspielhaus wie ein "Ghostbuster", startet eine Art Lauschangriff auf den Wagner-Mythos, auf all die Gespenster, die zwischen Schnürboden und Untermaschinerie ihr Wesen und Unwesen treiben. Mal wabern Götterdämmerungs-Motive aus Lautsprechern, mal zwitschern Vögel munter zu Blechbläsern, die ihrem Wagner buchstäblich aufs Dach steigen. Fulminant, wie der böse Alberich die Domino-Show kurzzeitig zum Halten zwingt, wie der Performer fast über Blockflöten stolpert, einem aufblasbaren Folien-Drachen ausweichen muss und wie auf der Flucht durch die Werkstätten rennt. Hier wird deutlich, was alle Bayreuth-Pilger wissen: Die Anreise lohnt sich weniger wegen der Aufführungen als wegen der Aura des Ortes – und dieser Ort wird in diesem Video mit satirischem Biss und viel Tempo bis unter die Planken auseinandergenommen.

© Jungblut/BR

Blechbläser auf dem Dach des Festspielhauses

Der berühmte Bayreuther Vorhang geht hier niemals richtig auf, er wird nur leicht gelupft, gerade so viel, dass ein gleißendes Licht durch den Spalt fällt, verheißungs- und geheimnisvoll. Die Zuschauer sind geblendet, natürlich, das gehört ja zu dieser Art Überwältigungskunst. Einmal mehr wird deutlich: Die Fantasie zu kitzeln, die Einbildungskraft zu mobilisieren, das ist im Musiktheater die dankbarste, aber auch schwerste Aufgabe. Es sind starke, unverbrauchte Bilder, die Simon Steen-Andersen sich einfallen ließ, Bilder, die allemal eine schicke Inszenierung tragen würden. Und Künstlerinnen und Künstler wie die Altistin Wiebke Lehmkuhl, die Mezzosopranistin Nadine Weissmann, der Bariton Olafur Sigurdarson und die beteiligten Musiker machen da mit Wonne mit. Eine herrliche Online-Sause, die die Pilgerfahrt zum Hügel zwar nicht ersetzen kann, aber doch eine ziemlich wirksame Prise Erlösung enthält.

"The Loop of the Nibelung" in der BR Mediathek, 37 Minuten.

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