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Raubkunst-Notizen von Hitler-Sonderbeauftragtem analysiert | BR24

© Audio BR/ Bild: Daniel Karmann

Die Notizen von Hans Posse liefern neue Hinweise für die Forschung und bieten einen einzigartigen Einblick in die NS-Museumspolitik.

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Raubkunst-Notizen von Hitler-Sonderbeauftragtem analysiert

Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg hat Tagebücher von Hitlers wichtigstem Kunstraubmanager digitalisiert: Die Notizen von Hans Posse liefern neue Hinweise für die Forschung und bieten einen einzigartigen Einblick in die NS-Museumspolitik.

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Von
  • Dirk Kruse

Hans Posse war einer der bekanntesten Kunsthistoriker seiner Zeit. Seit 1910 leitete er die Dresdener Gemäldegalerie. Bei den Nationalsozialisten war er unbeliebt, weil er der größte Förderer von Oskar Kokoschka war, dessen Kunst als entartet galt, und weil er zweimal den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig mit avantgardistischer Kunst bestückt hatte. Doch am 1. Juli 1939 machte Adolf Hitler Posse zum Sonderbeauftragten für sein in Linz geplantes Führermuseum. Er brauchte den erfahrenen Museumsmann mit seinen vielen internationalen Kontakten.

Hans Posse ganz Adolf Hitler zu Diensten

Und Posse konnte nicht widerstehen. Seine Hauptaufgabe war zum einen, eine Kunstsammlung zusammenzutragen und er sollte zum anderen auch ein Verteilungsprogramm entwickeln für NS-Raubkunst. Mit Feuereifer stürzte sich Posse in seine Aufgabe. Dreieinhalb Jahre lang, bis zu seinem Krebstod am 7. Dezember 1942 in Berlin, besuchte er Privatsammlungen, Kunsthändler sowie Museen und Sammlungen in Ländern, in denen die deutsche Armee einmarschiert war.

Festgehalten hat Posse das alles in fünf abgegriffenen Notizbüchern. "Es waren Dokumente, die Posse immer bei sich hatte", sagt Frederike Uhl, Kunsthistorikerin und Projektmitarbeiterin. "Es waren seine persönlichen Notizbücher für seine Arbeit als Sonderbeauftragter." Das heißt, Posse hatte sie dabei, wenn er Kunstwerke ausgesucht hat. Er sei also wirklich in die Depots gegangen, so Uhl, und habe sich die Kunstwerke angeschaut, habe sich Listen gemacht, hauptsächlich von den Werken, die ihn interessiert hätten, und habe dann meistens mit Kreuzchen versehen, was er dann gekauft habe oder was er unbedingt haben wollte. "Also wir können sehr gut die Auswahlprozesse nachvollziehen," sagt Uhl.

© Daniel Karmann / picture-alliance

Notizen von Hans Posse – verfasst in krakeliger Handschrift.

Als Chefankäufer für das Führermuseum gab Posse schon mal 1,5 Millionen Reichsmark für einen Vermeer aus einer privaten Sammlung aus. Vieles aber beschlagnahmte er einfach in Polen, Holland oder Frankreich und wurde bald zu Hitlers wichtigstem Kunstraubmanager. "Das ist so erschütternd, weil gerade dieser Museumsbereich mit den sogenannten schönen Künsten ganz lange ein solches Image nicht haben wollte", sagt Susanna Brogi, die Leiterin des Deutschen Kunstarchivs am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. "Die Museen haben von sich gesagt, sie seien die ersten Opfer gewesen, weil ja aus ihren Beständen, die als "entartet" klassifizierte Kunst herausgenommen wurde. So sind viele Museen durch die 50er-, 60er-, teilweise 70er-Jahre und länger gegangen, dass sie sich als Opfer darstellen konnten." Aber die Museumswelt und der Kunstmarkt seien unmittelbar auf die Wehrmacht gefolgt. Das könne man an den Einträgen und an den Daten, die in diesen Kalendern festgehalten werden, sehen.

Fünf wichtige Quellen für die Forschung

Brogi verwahrt diese fünf Reisekladden von Hans Posse. Es sind wichtige Quellen zum Kunstraub der Nationalsozialisten, zur Provenienzforschung einzelner Kunstwerke und zur NS-Museumspolitik. Nur sind sie sehr schwer lesbar. Posses Schrift ist krakelig, teilweise verblasst und voller Abkürzungen. In den letzten drei Jahren wurden die Notizbücher mühsam transkribiert, ausführlich kommentiert und stehen der Forschung nun in einer Online-Edition zur Verfügung. "Es erhellt die Zusammenhänge der Museumslandschaft. Es zeigt die Involviertheit von Personen. Es zeigt die Bedeutung, die der Kunst im Nationalsozialismus zukam", sagt Susanna Brogi. Also nicht nur der Kunst, die erstellt worden ist nach 1933 einer bestimmten Ästhetik gemäß, sondern auch die Frage, mit welcher Kunst sich das Deutsche Reich identifizieren sollte, oder was als wichtig, was als gültig, was kanonisch betrachtet wurde.

Private Eindrücke Posses oder gar Nachdenken über das eigene Tun, enthalten diese Kladden nicht. Es waren reine Arbeitsnotizbücher. Auch Posses Treffen mit Adolf Hitler sind dort notiert, zu denen sonst keine Protokolle existieren. Zum Beispiel das vom 1. Februar 1940 in Berlin, das eine gute Stunde dauerte. "Wenn man eine Seite weiterblättert, sieht man Gesprächsnotizen von ihm", sagt Kunsthistorikerin Frederike Uhl. Zum Beispiel: "Führer einverstanden, das baldmöglichst die Linzer Bestände [also die schon für das Führermuseum ausgewählten Bestände] zurückgezogen werden. Frage der Unterbringung: Keller München."

"Die Frage war natürlich, wo diese ganzen Sachen gelagert werden sollten und darüber haben sie sich ausgetauscht. Zum Beispiel sie erstmal im Führerbau im Keller unten zu lagern", sagt Kunsthistorikerin Uhl. Gezeigt wurde Hans Posses Raubkunst-Sammlung nie.

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