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Rapid-Rabbit: So zerlegte Böhmermann die Frontex-Grenztruppe | BR24

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Bildrechte: Jesus Merida/Picture Alliance

Abweisung oder Asyl: Polizisten mit einem Flüchtling

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    Rapid-Rabbit: So zerlegte Böhmermann die Frontex-Grenztruppe

    Mit Mut zum Sarkasmus nahm der ZDF-Satiriker die Flüchtlingspolitik der EU auseinander: Vor allem die Grenztruppe Frontex wurde als "aufgeblähte" Agentur kritisiert, die lieber Drohnen als Rettungsboote kauft und mit Kriegsverbrechern paktiert.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Mit Mundharmonika und einem Stapel Papier ging Jan Böhmermann diesmal auf die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache Frontex los. Der Name klinge "ein bisschen wie Zahnpasta": "Dafür werden Politiker in Europa gewählt, um die Grenzen zu schließen, und dafür brauchen sie die Polizei."

    Logo wie aus Game of Thrones

    Die angesprochene Behörde sei allerdings eine "überteuerte Fantasy-Polizei", was erkläre, "warum das Logo von Frontex so aussieht wie aus dem Game of Thrones-Vorspann". Vor allem der französische Direktor Fabrice Leggeri bekam sein Fett weg, durfte neue Geländewagen seiner Truppe anpreisen und wurde als "Shopping-Queen" bezeichnet, weil er bis 2027 die Polizeitruppe mit elf Milliarden Euro aufrüstet, vor allem mit Drohnen und rollenden Büros zur Abschiebung von Migranten: "Wenn europäische Länder ihre Grenzen schließen, kommt der niedliche Frontex-Rapid-Rabbit und hilft, aber das kostet!"

    "Weil Europa für Menschenwürde und Menschenrechte steht, wollen Menschen zu uns“, so der ZDF-Moderator. Überhaupt gehe es um Ideale, "sonst hätte Ursula von der Leyen doch niemals ihren Traumjob aufgegeben, als Sonderpädagogin beim bewaffneten Fähnlein Fieselschweif". Und um das falsche Pathos perfekt zu machen, durfte der frühere slowenische Ministerpräsident Alojz Peterle auftreten, wie er zur allseitigen Rührung der Anwesenden im April 2019 als EU-Parlamentarier mit seiner Mundharmonika die "Ode an die Freude" zum Besten gab.

    "Libysche Kriegsverbrecher sind unsere Vertragspartner"

    Die Europäische Union lagere die Menschenrechte jedoch tatsächlich quasi aus, so Böhmermann: "Die EU und Frontex sind nach Libyen gefahren und haben den erstbesten Bürgerkriegern Speedboote spendiert." Wenn dann allerdings Menschen auf dem Mittelmeer in Gefahr seien, "gehe die libysche Küstenwache nicht ans Telefon": "Libysche Kriegsverbrecher mit gebrauchten italienischen Speedbooten sind also unsere Vertragspartner beim migration flow-Management." Die Hälfte aller im Mittelmeer aufgegriffenen Menschen sei in Libyen "verschwunden", so Böhmermann unter Berufung auf EU-Unterlagen.

    © Michael Varaklas/Picture Alliance
    Bildrechte: Michael Varaklas/Picture Alliance

    Flüchtlinge im Schlauchboot

    Nach Böhmermanns Ansicht ist Frontex eine "riesige, aufgeblähte" europäische Agentur, die außer Kontrolle geraten sei, denn juristisch gegen sie vorzugehen, sei äußerst schwierig. Im Übrigen gelte: "Wir Deutschen interessieren uns eigentlich nicht mehr so sehr dafür, was in nordafrikanischen Ländern passiert, wenn kein kultiger Panzergeneral für unseren Endsieg da durchrollt."

    Die Bilder eines Uniformierten, der behutsam über seine Krawatte streichelt, kommentierte der Satiriker: "Michaels feste, aber einfühlsame Hände fühlen sich bestimmt ganz toll an, mit einem naturbelassenen Ayurveda-Öl treffen sie bestimmt immer die richtigen Stellen im Nacken, und am nächsten Morgen zaubert er uns bestimmt eine herrliche Açai-Bowle mit Granatapfel und Dattelsirup."

    "Hätte nie gedacht, dass so etwas im Rechtsstaat möglich ist"

    Böhmermann legte nahe, dass die Polizeitruppe nicht davor zurückschreckt, Flüchtlinge gewaltsam aufzuhalten, etwa, in dem Patrouillenboote absichtlich hohe Wellen erzeugen, die Schlauchboote zur Umkehr zwingen. Ein anonymer Bundespolizist berichtete von seinen persönlichen Erfahrungen an der EU-Außengrenze: "Frontex und die anderen Behörden vor Ort wissen von den Pushbacks und es ist ein offenes Geheimnis, dass Menschen ohne Zugang zu Asylverfahren mit Gewalt zurückgebracht werden. Die Behörden und Frontex stellen sich damit über Recht und Gesetz. Ich hätte nie gedacht, dass sowas in Europa in einem Rechtsstaat möglich ist."

    Bei einem Abendessen in Warschau im dortigen Belvedere-Restaurant, das nach Angaben des "euobserver" vom 18. Januar 2020 94.000 Euro gekostet haben soll und weiteren Gelegenheiten habe sich Frontex nicht nur mit dem angolanischen Innenministerium, sondern auch mit Rüstungsbetrieben wie Glock, Heckler & Koch, SigSauer und Airbus getroffen, wobei Airbus vorgeschlagen habe, zur Beobachtung von Migrationsströmen Zeppeline einzusetzen – das "Faxgerät der Lüfte", so Böhmermann. Zwar könne sich Frontex an solche Meetings "nicht mehr erinnern" und streite ab, mit "Lobbyisten" zu verkehren, doch vom Gegenteil könne sich jetzt jeder Interessierte selbst überzeugen, und zwar unter frontexfiles.eu, wo mehrere hundert Dokumente abrufbar sind: "Das können jetzt alle nachlesen, die auf Handfeuerwaffen, schmutzige Deals und Zeppeline stehen."

    Heckler & Koch: "Powerpoint-Präsentation für Pistolen"

    Gegenüber dem BR teilte der Pressesprecher von Heckler & Koch, Marco Seliger, zu Böhmermanns Darstellung mit: "Sofern es ein 'teures Abendessen' gegeben haben sollte, so waren Vertreter von Heckler & Koch dort nicht anwesend. Sofern es 'ein teures Abendessen mit dem angolanischen Innenministerium' gegeben haben sollte, waren Heckler & Koch-Vertreter dort ebenfalls nicht anwesend. Heckler & Koch-Vertreter haben an keinem von Frontex organisierten oder auf Einladung von Frontex veranstaltetem Essen, zu welcher Tageszeit auch immer, teilgenommen. Heckler & Koch war lediglich mit zwei Vertriebsmitarbeitern am 8. Dezember 2019 bei einem Industrietag von Frontex in Warschau und hat dort im Rahmen einer von Frontex avisierten Ausschreibung für die Beschaffung von Pistolen eine Powerpoint-Präsentation über die Pistolen-Produkte von Heckler & Koch gehalten, so wie dies auch die Vertreter anderer Waffenhersteller getan haben. Dies ist auch bei anderen Polizeibehörden üblich, wenn sie sich im Vorfeld oder im Zusammenhang mit Ausschreibungen über die auf dem Markt befindlichen Produkte informieren wollen."

    © Sven Hoppe/Picture Alliance
    Bildrechte: Sven Hoppe/Picture Alliance

    Jan Böhmermann

    Und natürlich bilanzierte Böhmermann auch wieder die Woche, kam auf den aktuellen Rheinpegel bei Köln von 8,45 Meter zu sprechen, behauptete, seine Edel-Krawatte habe niemand Geringerer als der Influencer Joe Laschet, der Sohn des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten nach "Erfolg und Fame" ausgewählt und beteuerte: "Nüchterne, sachliche Informationen sind so wichtig in Corona-Zeiten, wo jeder als Experte gilt, der weiß, dass man Virologie mit W schreibt."

    In Österreich sei demnächst "alles vorbei", ab Montag öffneten dort die Schulen, die Bürger hätten die "Vierfachbelastung nicht ausgehalten aus Après Ski, Job, Familie, Kellerfamilie": "Der Stress und Homeschooling im Dunkeln bei so schlechter Luft, das nervt einfach.“ Da gebe es "miese Laune bei der Zweitfamilie im Keller".

    Podcast vom "Trenchcoat bis zum Kaschmirkonflikt"

    Und für alle Homeoffice-Geplagten empfahl Böhmermann einige fiktive Podcasts, "diese Schellack-Platten unter den neuen Medien", etwa "Was war was wird" mit Wolfgang Bosbach und Christian Rach, "der gut gebräunte Talkshow-Hopper und der leicht blanchierte Fernsehkoch". Auch "Speck Pflaume" sei denkbar, ein Angebot von Karsten Speck und Kai Pflaume, mit dem einzigen Thema "Der Seinsbegriff im Spätwerk Heideggers".

    Und für Bildungsbürger gab es "Zeit Gebrechen" mit Marcel Reif und Harald Schmidt als denkbares Promi-Gespann, "mit dem ungetrübten Blick für alles das, was draußen vor ihrem Fenster passiert". Außenpolitisch Versierte könnten es mit "Hey Hey Joe" probieren, einer Podcast-Partnerschaft von Joe Biden und Joe Laschet, "besprochen wird alles vom Trenchcoat bis zum Kaschmirkonflikt".

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