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Raoul de Keysers Oeuvre ist eine Schule des Sehens | BR24

© BR/ Familiy Raoul De Keyser

Der belgische Maler Raoul de Keyser war kein Shooting-Star der Kunst, inspirierte aber mit seiner reflektierten aber immer sinnlichen Malerei viele Kollegen. Jetzt widmet ihm die Pinakothek der Moderne eine umfangreiche Retrospektive.

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Raoul de Keysers Oeuvre ist eine Schule des Sehens

Der belgische Maler Raoul de Keyser war kein Shooting-Star der Kunst, mit seiner reflektierten und doch sinnlichen Malerei inspirierte er aber viele Künstler. Jetzt widmet ihm die Pinakothek der Moderne eine umfangreiche Retrospektive.

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Als Raoul de Keyser einmal von einem Journalisten nach dem Spektrum seiner Motive gefragt wurde, antwortete er: Im Prinzip sollte es nicht unmöglich sein, dass ich morgen einen Kanarienvogel male. Dazu ist es nicht gekommen, aber dafür sieht man den Bademantelgürtel des Malers, wie er ins Bild hineinhängt, den Knauf eines Spazierstocks, den Hund der Familie oder einen Türpfosten. Die Sensation ist ja nicht das Motiv, sondern die Malerei. Zu Beginn seines Schaffens setzt sich der Künstler, dem die Münchener Pinakothek der Moderne jetzt eine große Retrospektive widmet, mit seiner unmittelbaren Umgebung auseinander. Bildanlass sind Türklinken, Fenstergriffe, die Ecke des Wohnzimmers oder der Blick in den Garten und die langen Zweige der Tanne vor dem Atelierfenster. Raoul de Keyser malt all diese alltäglichen Dinge leicht expressiv, gestisch, ganz hingegeben an den sinnlichen Akt des Malens und den Zusammenhängen von Farbe, Fläche und Raum auf der Spur. Die Schau ist denn auch eine Schule des Sehens, wie der Kurator Bernhard Schwenk erklärt: "De Keyser hat im Grunde das, was er gesehen hat und das war oft auch einfach nur die Wirkung eines Raumes, umgesetzt auf seine Weise. Es gibt übrigens auch Raum zwischen den Werken, das ist auch sehr wichtig, wie Bilder im Raum zu sehen sind und so ist auch unsere Ausstellung am schönsten zu erleben, indem man umherwandert und plötzlich bemerkt, das und das habe ich schon mal gesehen, da gibt es Verbindungen, alle Bilder hängen mit einem oder mehreren Bildern zusammen. Deswegen haben wir die Ausstellung auch ‚Oeuvre‘ genannt, denn Oeuvre kann ein einzelnes Bild sein oder eben auch das Gesamtwerk."

Kein Shooting-Star sondern ein Maler-Maler

Raoul de Keyser war kein Shooting-Star der Kunst, er gilt vielmehr als Insider, als "Maler-Maler", der sich mit Fragen auseinandersetzt, was ein Bild ausmacht, wo es anfängt und aufhört, wo die Wand anfängt und wo der Raum beginnt und wie man mit Farbe umgeht, mit Licht und dem Weltwiedererschaffungsprojekt des Malens. Ein Test der Leistungsfähigkeit von Malerei. Und um der lästigen, einengenden Stilfrage zu entgehen, weicht der Künstler gleich in eine Vielzahl von Stilen aus. Jedes Bild habe eine eigene Atmosphäre und einen eigenen Charakter, sagt Bernhard Schwenk. "Es gibt ganz durchsichtige Bilder, ganz zurückgenommene und dann gibt es auf der anderen Seite ganz kräftig leuchtende Bilder. Aber der rote Faden und das eigentlich, worum es ihm ging, nämlich Assoziationsräume zu schaffen und dazu die Malerei einzusetzen, das ist davon unberührt, der geht durch, auch wenn die Stile sich ändern."

Malerische Spiele mit doppelten Böden

In den 60er Jahren gibt es einen Ausflug in die Pop-Art. "Camping" ist eine Arbeit aus zwei Teilen: Einem Wandbild mit einem graphisch gemalten blauen Zelt, das von einem schwarzen Seil in der grün-weißen Fläche gehalten wird. Den Raum lagert der Maler gewissermaßen aus, nämlich mit einer freistehenden, dreidimensionalen sogenannten Leinwandbox, die das Blau des Zeltes und das Weiß und Grün der Campingfläche wiederaufnimmt. Zu diesem Spiel mit doppeltem Boden gesellt sich in Raoul de Keysers Werk auch Humor. "Clochard" heißt eine Arbeit abstrakter, schwarz, roter Malerei. Rechts oben reichte die Leinwand aber nicht mehr ganz, um den Bildrahmen auszufüllen – ein Loch. Und schlampig geht es auch zu, mit den heraushängenden Fransen. So einfach ist das? Ja, nein. Es bleibt schließlich die Frage, ob der Titel oder das Bild den Sinn stiftet.

Linien, Netze, Kontrapunkte

Ein immer wiederkehrendes Element bei Raoul de Keyser ist die Linie. Der Maler war ganz verliebt in sie. Er hatte lange als Sportreporter neben seiner Malerei gearbeitet und war fasziniert von der Linienführung auf dem Fußballfeld, wie Bernhard Schwenk an einem Exemplar in der Ausstellung deutlich macht: Was typisch ist, ist diese Überschreitungen, wir haben hier das Bild eines Fußballnetzes, das was ihn natürlich auch interessiert, gerade weil es sich bewegt hat, und diese Bewegung scheint hier auch festgehalten zu sein. Denn anders als die minimalistischen Gitter-Maler der 70er Jahre, hat er hier das so verzerrt dargestellt, dass einem fast schwindelig wird. Die Kraft sinnlicher Malerei. Die Linien, Netze, Knotenpunkte und Verweise Raoul de Keysers Kunst führen denn auch über diese Schau weit hinaus – mitten hinein in die eigene Vorstellungswelt und poetische Fantasie.

Die Ausstellung "Raoul de Keyser - Oeuvre" ist vom 05.04.2019 bis zum 08.09.2019 in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen.

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