Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Rammstein in München: pünktlich und zuverlässig | BR24

© picture alliance/Photoshot

Rammstein bei einem Konzert in Kopenhagen.

Per Mail sharen
Teilen

    Rammstein in München: pünktlich und zuverlässig

    Auf ihrer Tour durch Europa lassen Rammstein auch durch das Olympiastadion in München ihre Flammen schlagen. Die Show ist solide, aber wenig überraschend. Nur der Song "Deutschland" entfaltet eine seltsame Wirkung.

    Per Mail sharen
    Teilen

    Nach zwei Stunden, wenn gefühlt schon alles in Schutt und Asche liegt, beim besten Willen keiner mehr weiß, was man noch zerstören könnte, spielen sie ein Lied, das so heißt wie sie selbst - und ihr neues Album: Rammstein. Dabei findet man den Song auf ihrer allerersten Platte "Herzeleid" von 1995.

    Er erzählt vom Flugschauunglück auf Ramstein - wohlgemerkt mit einem M, der Bandname geht auf einen Schreibfehler zurück. Auf der amerikanischen Air Base kollidierten in den 80er Jahren zwei Kunstflugmaschinen in der Luft und stürzten brennend in das Publikum. "Rammstein - ein Flammenmeer, Rammstein - Fleischgeruch in der Luft, Rammstein - ein Mensch brennt".

    Die Zeilen nahm Frontmann Till Lindemann früher gerne zum Anlass, sich bei Live-Shows einen Eisenmantel überzuziehen aus dem ein paar zahme Flämmchen schlugen. So wie etwa beim Bizarre-Festival 1996. Die Bilder von damals machen einen schmunzeln, sind Rammstein doch längst zu einem Inferno ausgewachsen.

    Wie ein Ufo steht die gewaltige Rammstein-Bühne auf dem Rasen des Münchner Olympiastadions. Stählern, kühl und irgendwie futuristisch. Wie eine gut geölte, megalomane Maschine, die raucht, blinkt und Feuer speit. Darin sechs Punks aus dem Osten, heute Männer im mittleren Alter mit Stahl im Gesicht, Tattoos und rotem Irokesen. Männer, die so wirken, als möchten sie einmal mehr vom Krieg erzählen und viele sind gekommen um ihnen zuzuhören. So etwas braucht Kulissen, auf Knopfdruck ist die Spielstätte mit roten Rammstein-Fahnen beflaggt. Es ist angerichtet und Rammstein bereit, ihr Liedgut unangespitzt in den Boden - nun ja - zu rammen.

    "Das Herz schlägt links"

    Sie eröffnen den Abend mit "Was ich liebe", einem Song vom neuen Album, der gerade nicht besonders geliebt wird von der Fanschaft. Zu plump, keine Raffinesse, weder musikalisch noch textlich. Aber zum Vorglühen reicht es allemal. Wer wird denn gleich das ganze Pulver verschießen, immerhin ist der sommerliche Abend noch taghell, und es wäre schade um den schönen Feuerregen, der doch in Finsternis noch mehr zu überwältigen weiß.

    Den eigentlichen Auftakt macht dann "Links, zwo, drei, vier" – er gibt die Marschroute vor. Ein Song wie eine Pressemitteilung, die verlautbaren lässt, dass Rammstein keine Rechtsrockband ist, sondern eine Kameradschaft linker Provokateure, die sich Nazikitsch und faschistischen Fetisch ungefragt angeeignet haben, um diese lustvoll durch den diskursiven Fleischwolf zu kurbeln: "Das Herz schlägt links".

    Der Song steht nicht zufällig am Anfang. Hagelte es doch im Vorhinein Vorwürfe und Kritik wegen ihres umstrittenen Musikvideos zu der Single "Deutschland". Die Bandmitglieder waren darin unter anderem als KZ-Häftlinge und Nazi-Schergen zu sehen. Dazu die Zeilen: "Wer hoch steigt, der wird tief fallen - Deutschland, Deutschland über allen".

    Für viele war die Vorstellung unerträglich, dass Rammstein auf ihrer ersten Stadiontour durch Europa, wo sie also auch an historisch besetzten Orten wie etwa dem Berliner oder Münchner Olympiastadion spielen, an ihrer Bühne ungewollt Neo-Nazis versammeln könnten, die mit einer Stimme "Deutschland" skandieren.

    Ein Vorspiel, das irritiert

    Aber Rammstein überlassen nichts dem Zufall. Deshalb bekommt "Deutschland" bei der Live-Show ein eigenes Vorspiel, das ziemlich irritiert. Die ersten Klänge sind ein Schlüsselreiz für die Masse, alle zücken ihre Handys, um die Nummer digital ins Smartphone zu bannen. Doch was da aus den Lautsprechern dröhnt ist nur ein Elektro-Remix der Single, die Rammstein-Gitarrist Richard Z. Kruspe zusammengemischt hat. Die Instrumente dagegen schweigen, die Bühne bleibt leer und nach zwei Minuten packen die meisten ihre Handys wieder weg.

    Ätsch - aber dann geht es wirklich los: Handys wieder raus. Solide und ohne extra Ornament performen die Rammsteiner den Song, der in der Tat eine seltsame Wirkmacht entfaltet. In einer Mischung aus Überwältigung und Scham gehen einige, die zuvor ekstatisch aufgesprungen waren, in ihre Sitzschalen zurück und betrachten von dort das dann doch erstaunlich nüchterne Spektakel. Überheblich? Überflüssig? Überraschend? Überdrüssig?

    Die große Rammstein-Stadiontour überrascht nicht, aber sie unterhält auf alt bewährte Art und Weise. Kaum neue Szenen. Allein zum neuen Song "Puppe" steht ein übergroßer Kinderwagen auf der Bühne und natürlich in Flammen, so wie später Keyboarder Flake bei "Mein Teil".

    Rammstein ist deutsch – pünktlich und zuverlässig. Und immer wieder ein Ereignis. Warum? Weil es manche Menschenkinder einfach freut wenn's zu lauter Krachmusik auch noch raucht, lodert und blinkt. Dazu das "Wir-Gefühl", dass sich herzerwärmend über die Hitzewelle der Flammenfontainen wie eine Laola im Publikum ausbreitet, bevor es dann als schwarze Rauchwolke über allen verpufft. Ein finsteres Kasperletheater. Zutritt erst ab 6 Jahre!

    [Aktuelle Fotos des Auftritts in München waren für den BR nicht verfügbar, Anm.d.Red.]

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!