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Ramadan unter Corona: Der Fastenmonat nur im engsten Kreis | BR24

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Ramadan in Zeiten von Corona

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Ramadan unter Corona: Der Fastenmonat nur im engsten Kreis

16 Stunden Fasten heißt es ab Freitag für viele Muslime. Genauso wie an Ostern oder dem jüdischen Pessach, stellt sich auch hier die Frage: wie den Ramadan gestalten in Zeiten von Corona?

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"Fehlen wird dieses Jahr einiges. Die großen Iftare in der Moschee, aber auch, dass man mit der großen Familie nicht zusammenkommen kann", sagt Bettina Mehic. Sie ist Deutschlehrerin und Mutter von drei Kindern. Wie viele andere wird auch sie dieses Jahr am Ramadan zuhause bleiben.

Gemeinsam mit ihrem Sohn und ihren Töchtern haben sie bereits wie jedes Jahr einen Ramadan-Kalender gebastelt, die Wohnung aufgeräumt und dekoriert – sonst wird aber vieles anders sein als in den Jahren zuvor.

Der Ramadan ist auch eine Zeit der Gemeinsamkeit

Das erzählt der junge Münchner Imam Ahmad Popal. Vor etwa einem Jahr hat er eine kleine unabhängige Moschee in München gegründet. Schon vor Monaten haben sie Aktivitäten für den diesjährigen Ramadan geplant: jeden Abend Vorträge mit wechselnden Gästen, Rezitationen des Korans, gemeinsames Kochen und besonders wichtig – das Tarawihgebet, das sonst jede Nacht im Ramadan verrichtet wird.

Ahmad Popal beschreibt den Ramadan als eine Zeit, in der beides, die Gemeinschaft, aber auch die Innerlichkeit eine wichtige Rolle spielen: "Der Ramadan ist einerseits Askese, Verzicht, Meditation und Gebet, aber genauso auch Gemeinschaft. Dieser Aspekt wird uns dieses Jahr schmerzlich fehlen."

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Heute nach Sonnenuntergang beginnt für die Muslime der Fastenmonat Ramadan. Alleine beim allabendlichen Fastenbrechen kommen normalerweise viele Menschen zusammen, essen und beten. Doch heuer ist wegen Corona alles anders.

Auch allein zu fasten ist theologisch zulässig

Allerdings ändert das nichts an der religions-rechtlichen Gültigkeit des Ramadans oder des Fastens, sagt Popal. Das Zusammen-Sein mit der Gemeinde sei zwar überall auf der Welt fester Bestandteil der Ramadan-Tradition, aber kein theologisches Muss, genauso wenig wie das Gemeinschaftsgebet. Deswegen gebe es seit Wochen auf der ganzen Welt schon keine Gebete in den Moscheen mehr. Von Saudi-Arabien bis Marokko sind die Gebetshäuser geschlossen.

Ahmad Popal erklärt, es gebe traditionell vier grundlegende Ziele des religiösen Rechts und eines davon sei die Bewahrung des Lebens. Deswegen sei es islamisch unzulässig, die Gesundheit der Gemeinde zu riskieren und trotz der Beschränkungen zusammen zu kommen.

Alle öffentlichen Veranstaltungen sind abgesagt

Auch alle öffentlichen Veranstaltungen wurden abgesagt. Viele muslimische Gemeinden hätten deswegen schon vor den offiziellen Ausgangssperren ihre Moscheen geschlossen, betont Eren Güvercin. Er ist Publizist und Mitglied der deutschen Islamkonferenz. In den letzten Wochen habe es auf rechten Seiten im Internet Berichte darüber gegeben, Zehntausende Muslime hätten geplant, sich während des Ramadans in Dortmund zu versammeln. Die Veranstaltung Festi Ramazan, die jedes Jahr im Ramadan bei Dortmund stattfindet, wurde allerdings frühzeitig abgesagt.

"Rechte Akteure streuen diese Fake News, um Ressentiments zu schüren. Auch die Bildzeitung irritierte ihre Leser mit der Schlagzeile ‚Kirchen aus Sorge vor Ramadan-Chaos geschlossen‘. Das entsprach allerdings nie der Realität. Alle Moscheen hatten frühzeitig geschlossen." Eren Güvercin, Mitglied der deutschen Islamkonferenz

Dringend benötigte Spenden fallen weg

Obwohl diese im Ramadan auch für das finanzielle Überleben der Gemeinden wichtig sind. Denn: Im Ramadan werden normalerweise viele Spenden gesammelt und die fallen dieses Jahr weg, sagt Eren Güvercin: "Viele Moscheegemeinden decken ihre laufenden Kosten über die Spenden während des Fastenmonats Ramadan, da die Moscheen häufiger besucht werden als im Rest des Jahres. Diese fehlenden Spenden stellen insbesondere die kleineren Gemeinden vor existenzielle Probleme.“ Aktuell ist noch nicht abzusehen, wie das die Moscheenlandschaft in Deutschland verändern wird.

Vor allem sozial schwächer Gestellte leiden unter der Einsamkeit

Unter einem veränderten Ramadan leiden generell die am meisten, die auch sonst in Corona-Zeiten besonders verletzlich sind: Alleinstehende, ältere Menschen, aber auch Geflüchtete und sozial schwächer gestellte Menschen. Das ist vor allem in ärmeren Ländern wie Ägypten oder Indien der Fall. Dort werden im Ramadan üblicherweise täglich Tafeln für die Armen aufgebaut. Dieses Jahr haben Freiwillige zwar geplant verpackte Mahlzeiten zu verteilen, das gemeinsame Essen fällt aber aus.

Auch in vielen deutschen Gemeinden wird sonst jeden Tag gekocht. Menschen haben so jeden Tag Zugang zu Gemeinschaft und einer warmen Mahlzeit. Genauso in der Sufi-Gemeinde der Tariqa Burhaniya in München. Maria Zepter ist Diplompsychologin und Mitglied der Gemeinde: "Sonst kochen wir bei uns für etwa 30 Menschen und man versammelt sich zum gemeinsamen Essen im Garten. Danach setzen wir uns zum Koran-Rezitieren zusammen und diskutieren darüber. Schließlich wird das Tarawih-Gebet bis in die Nacht verrichtet.“

Das wird dieses Jahr alles nicht stattfinden. Doch genauso, wie es inzwischen viele christliche Angebote online gibt, werden auch immer mehr muslimische Riten und Gebete ins Digitale verlegt. Auch bei der Sufi-Gruppe, zu der Maria Zepter gehört: "Seit ein paar Wochen treffen wir uns jeden Donnerstag online, um gemeinsam zu beten und Lieder zu singen. Dabei entsteht auch eine ganz besinnliche Atmosphäre."

Das muslimische Leben verlegt sich ins Digitale

Überhaupt hat die Corona-Krise dazu geführt, dass sich viel muslimisches Leben ins Digitale verlegt hat. Muslimische Gelehrte, Männer und Frauen, halten online Vorträge und vernetzen sich mit Muslimen weltweit. Besonders in England und den USA sind in den letzten Monaten viele Angebote entstanden: von Onlinekursen bis zur Seelsorge. Eren Güvercin sagt, er sehe die Situation in der Corona-Krise auch als eine Chance, mehr positive digitale Angebote für junge Muslime zu schaffen. Bis jetzt hätten vor allem Akteure des politischen Islam die Sozialen Medien dominiert. Das könne sich jetzt ändern.

Die Vorteile des Internets sind auch ein kleiner Trost für Bettina Mehic, wenn auch kein echter Ersatz: "Als Alternativen gibt es verschiedene Online-Angebote und man versucht so ein gemeinsames Erleben zu ermöglichen. Allerdings muss einem klar sein, dass man eben nicht alles ersetzen kann."

Ein entschleunigter Ramadan

Auch wenn sie bedauert, dass die traditionellen gemeinsamen Gebete in der Moschee und die Freitagsgebete ausfallen - sie kann der Veränderung sogar etwas Positives abgewinnen: "Für uns jetzt als Familie sehe ich auch die Chance näher zusammenzurücken. Also in diesem negativen auch die Chance das ganz anders zu erleben." Sie spricht von einem "entschleunigten" Ramadan. Er birgt für sie die Chance, den Ramadan noch einmal intensiver zu erleben.

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Am Abend beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan. Auf das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang mit Freunden müssen die Gläubigen wegen der Corona-Einschränkungen verzichten. Auch die Moscheen bleiben weiterhin geschlossen.