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"Kosovos Töchter" von Ralph Hammerthaler: Hoffen auf die Frauen | BR24

© Bild: Hilde Stadler/ BR | Audio: BR

Kosovo war lange umkämpft von Serben und Albanern. Im Roman "Kosovos Töchter" geht es um die Frontlinie zwischen Frauen und Männern in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft.

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"Kosovos Töchter" von Ralph Hammerthaler: Hoffen auf die Frauen

Viele Frauen im Kosovo werden unterdrückt, weil sie über ihre Rechte nicht Bescheid wissen. Das schildert Ralph Hammerthaler in seinem neuen Roman "Kosovos Töchter". Im Interview erzählt er, wie das mit #MeToo und Fridays for Future zusammenhängt.

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Von
  • Christoph Leibold

Die Regierung in Belgrad betrachtet Kosovo noch immer als serbische Provinz. Das Land selbst erklärte bereits 2008 seine Unabhängigkeit. Noch länger liegt der Unabhängigkeitskrieg von 1998/99 zurück. Damals beherrschte das Land auch bei uns die Nachrichten. Inzwischen hört man eher selten etwas von dort – obwohl es brodelt, und zwar vor allem im Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Letztere werden oft unterdrückt, weil die von der Verfassung garantierten Rechte von Frauen im Alltag noch immer kaum eine Rolle spielen. Der Schriftsteller Ralph Hammerthaler hat für seinen jüngsten Roman "Kosovos Töchter" ausführlich vor Ort recherchiert. Christoph Leibold hat mit ihm über die zugespitzte Lage im Land gesprochen, über sein Buch und was es über den Kosovo hinaus zu sagen hat.

Christoph Leibold: Sie waren zu Recherchen mehrfach im Kosovo. Wie war Ihr Eindruck? Wie gut – oder eben noch nicht gut – sind die Wunden, die der Krieg damals gerissen hat, verheilt?

Ralph Hammerthaler: Das ist eine komplizierte Frage. Es ist ja ein kleines Land, nicht mal so groß wie Thüringen, aber auch ein sehr kompliziertes Land. Hoffnung im Kosovo macht die junge Generation, die ja auch in Gestalt der Frauen in meinen Roman Eingang gefunden hat. Die wollen eine moderne Gesellschaft, während Kosovo noch ein bisschen darunter leidet, dass die alten UÇK-Kämpfer sozusagen den Reichtum des Landes unter sich aufgeteilt haben. Da hat sich aber eine junge Partei gegründet, die viele Anhänger hat bei Künstlerinnen und Künstlern, bei jungen Menschen – "Vetevendosje!" – das heißt übersetzt in etwa: "Selbstbestimmung". Und da hofft man jetzt, allmählich auf ein anderes Niveau zu kommen. Also die junge Generation ist sehr drängend und agil und hofft auf ein anderes Land.

Um diese junge Generation, Sie haben es angedeutet, geht es auch in Ihrem Roman; und auch um eine andere Frontlinie, als die zwischen Kosovaren und Serben, nämlich um die Frontlinie zwischen den Geschlechtern. Der Titel verrät es schon: "Kosovos Töchter". Es geht um die Frauen in diesem sehr stark patriarchalisch geprägten Land und um den so genannten "Kanun", eine Art Gewohnheitsrecht, das im Kosovo herrscht. Was hat es damit auf sich?

Naja, man muss sagen, Kosovo hat eine der modernsten Verfassungen der Welt, zumindest auf dem Papier. Aber das wird nicht alles umgesetzt. Nach wie vor sehr einflussreich ist dieses albanische Gewohnheitsrecht, der sogenannte "Kanun", den Sie erwähnen. Der stammt aus dem Mittelalter. So ganz genau lässt sich das gar nicht datieren. Der "Kanun" ist für die Frauen in Kosovo eine bittere Pille, denn er erkennt die Frau nicht an. Sie hat keine Rechte, also etwa in Erbschaftsfragen. Töchter dürfen nichts erben. Das passt natürlich nicht zusammen mit der modernsten Verfassung der Welt. Aber das alte Denken ist doch noch so weit verbreitet, dass sich der amerikanische Botschafter aufgerufen fühlte in einer Provinzstadt, Vitia – ich bin da selbst dabei gewesen – die Frauen auf dem Land über ihre tatsächlichen Rechte aufzuklären.

© BR Bild / Besnik Hamiti

Blick auf die kosovarische Stadt Prizren mit Moschee im Hintergrund

Ihr Roman dreht sich um einen feministischen Aufbruch gegen dieses Gewohnheitsrecht. Und Sie haben schon angedeutet, dass der tatsächlich zu beobachten ist. Auch in diesem Maße, so mächtig wie in Ihrem Roman?

Da muss ich natürlich schon sagen, ich spitze ein bisschen zu. Aber Indizien gibt es eine ganze Menge. Das reicht von einzelnen Familien, wo die Frauen aufbegehren, bis hin zu Künstlerinnen, Studentinnen, Dozentinnen. Es gibt das sogenannte "Kosovo Women's Network", eine NGO, die zu aktuellen Fragen – sei es häusliche Gewalt, seien es patriarchale Hindernisse, die sie nicht vorankommen lassen – regelmäßig Schriften publiziert. Da deutet sich einiges an, und ich habe das alles zusammengenommen, mich davon inspirieren lassen, auch durch viele Gespräche, die ich dort geführt habe. Und dann ist daraus dieser – ich muss ja sagen anarchisch-feministische – Roman geworden.

Die Frauen in ihrem Roman wollen eine junge Partei kapern, um ihr Anliegen voranzutreiben. Sie tragen als Erkennungszeichen Dolche am Gürtel und sie haben magische Kräfte. Da kommt es dann schon mal vor, dass ein Auto Flügel kriegt und abhebt. Und Sie heben damit ja auch gewissermaßen ab in die Fiktion. Wieso war es Ihnen bei dieser Geschichte wichtig, die ja eigentlich einen handfesten realen Hintergrund hat, in die Fiktion zu gehen?

Ich bin ja jemand, der von außen drauf guckt, und es sollte jetzt kein Buch werden, das erklärt, was in Kosovo gerade los ist. Da kann ich bei aller Recherche natürlich immer nur sagen: Dafür weiß ich dann doch letztlich zu wenig. Deshalb kamen diese magischen Momente mit rein. Die Fiktion war mir sehr, sehr wichtig. Ich würde sogar sagen, das Ganze ist eine wilde Fantasie, die allerdings auf einer ganzen Reihe von Tatsachen beruht.

© Quintus-Verlag

Hat im Kosovo viel vor Ort recherchiert: Autor Ralph Hammerthaler

Geschlechtergerechtigkeit ist ein Thema, das auch bei uns zuletzt nochmal einen sehr starken Schub bekommen hat. Man denke an #MeToo, man denke an die gendergerechte Sprache, die sich immer mehr durchsetzt. Inwiefern ist Ihr Buch nicht nur eins über Kosovos Töchter?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es geht nicht nur um den anarchischen Feminismus, es geht ja auch um die Auslandseinsätze deutscher Soldaten. Es geht um die APO, die außerparlamentarische Opposition, die sich dann auch schnell in Flügel spaltet – die einen werden radikaler, die anderen sind eher reformorientiert. Das Buch wurde zum Beispiel schon vor der #MeToo-Debatte geschrieben. Und ich finde tatsächlich, dass die wesentlichen Veränderungen momentan von Frauen angestoßen werden. Also nicht nur, was den Balkan betrifft, sondern auch wenn man die junge Bewegung Fridays for Future betrachtet: da sind überwiegend Frauen aktiv. Oder Black Lives Matter: gegründet von drei schwarzen Frauen! Oder wenn sie nach Belarus schauen, die Gallionsfiguren sind allesamt Frauen. Die Hoffnung oder auch die Utopie ist, dass das Ganze vielleicht mit einem anderen Politikstil, einem verständigungs-orientierten Politikstil verbunden ist. Dazu müssen die Frauen nicht gleich zu Dolchen greifen.

© Quintus Verlag

Buchcover zu "Kosovos Töchter" von Ralph Hammerthaler

"Kosovos Töchter" von Ralph Hammerthaler ist im Quintus Verlag erschienen.

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