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Rainer Langhans wird 80: Auf der Suche nach der Super-Ekstase | BR24

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Er ist der bekannteste Kommunarde Deutschlands, lebt in München aber längst in seiner eigenen Wohnung. Gleichwohl umgibt sich Langhans erklärtermaßen mit einem "Harem" und sieht sich weiterhin als Außenseiter. Eifersüchtig will er nie gewesen sein.

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Rainer Langhans wird 80: Auf der Suche nach der Super-Ekstase

Er ist der bekannteste Kommunarde Deutschlands, lebt in München aber längst in seiner eigenen Wohnung. Gleichwohl umgibt sich Langhans erklärtermaßen mit einem "Harem" und sieht sich weiterhin als Außenseiter. Eifersüchtig will er nie gewesen sein.

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Er hat es wirklich gemacht. Rainer Langhans spendete zum 50. Jahrestag der 1968er Revolution ein Schamhaar, das von den beiden Künstlern Evelyn Möcking und Daniel Nehring vergoldet und im westfälischen Ahlen ausgestellt wurde. Titel: Die Suche nach der Revolution ("Searching for the revolution"). Und für diese Suche brauchten die Besucher natürlich besonders gute Augen oder eine Lupe. Dabei sind für die Revolution, wie sie Rainer Langhans verstand und versteht, weder Schamhaare, noch Lesebrillen nötig, sondern die Bereitschaft, sich selbst zu verändern, wie er dem BR verriet: "Was ich damals als Revolution angefangen habe, war vor allem, mich zu revolutionieren. Was dann nach draußen transportiert wurde an Körperlichkeit, an Kleidung, das ist nicht so wichtig. Aber diese innere Revolution, diese innere Arbeit, das habe ich eben seitdem weitergemacht. Ich lebe in einer Kommune, ich lebe wirklich anders. Ich bin deshalb in gewisser Weise auch ein Außenseiter der Gesellschaft, aber ich lebe, wie ich finde, relativ richtig."

Kommune heißt, sich zu verbessern

Und das war ein sehr langer Weg, denn Langhans war bereits als Kind recht verhaltensauffällig, seine Eltern gingen mit ihm sogar zum Therapeuten, was damals, in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, äußerst ungewöhnlich war. Helfen konnte der Psychologe nicht, denn Langhans fühlte sich vor allem fremd auf der Welt, einer Welt, in der damals die Nazis den Ton angaben. Der Vater war Ingenieur in einer Rüstungsfabrik. Nur nicht werden wie die Eltern, das wurde seitdem zum Lebensziel des wohl bekanntesten aller Kommunarden: "Kommune ist eigentlich eine Gemeinsamkeit, die in einem liebenden Miteinander aneinander arbeitet, sich spiegelt, und sich ständig zu verbessern versucht. Jeder für sich, aber mit Hilfe all derer, die das auch machen und wollen. Das ist die Kommune, das war die Kommune und ist sie immer noch in unserem Fall. In meinem Fall ist das mehr eine Frauenkommune im Gegensatz zu damals, wo es eher eine Männerkommune war."

© Felix Hörhager/Picture Alliance

Rainer Langhans und sein "Harem"

Langhans studierte in Berlin erst Jura, dann Psychologie und war von beidem enttäuscht, weil ihn beide Wissenschaften nicht weiterbrachten auf seinem Weg zu einem wirklich alternativen Leben, jenseits von Konsum- und Besitzdenken, von Hierarchien und Machtstreben. Letztlich interessierte Langhans nur das, was die "Doors" damals in ihrem fulminanten Song "Break on through (to the other side" besangen, der Durchbruch in eine andere Existenzform, irgendwo zwischen Rausch und Radau: "Nachdem wir aus unserer Super-Ekstase raus gefallen waren und wieder da hin zurück wollten mit den üblichen bürgerlichen Techniken wie Sex, Drugs & Rock'n'Roll, sind wir damit nicht dorthin gekommen. Und heute sitzen meine ganzen Leute traurigst rum und kommen da nicht mehr hin, die besonders Aktiven wollen mit der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben, wissen nicht, wie sie dahin kommen, wollen aber auch nicht hier sein und sind deswegen deprimiert."

Eifersüchtig wie die Hölle

Seine Freundschaft zum Fotomodell Uschi Obermaier wurde legendär, beide zu Pop-Art-Figuren, wenngleich ihre Meinungen über die "freie Liebe" dann doch sehr weit auseinander gingen. "Sie war ja immer eifersüchtig, und auch noch stolz darauf", erinnert sich Langhans. "Deshalb wusste ich nicht, ist das etwas, wodurch ich sie dann doch verliere, oder könnte sie diese erweiterte Liebesmöglichkeit auch wirklich mit mir leben." Obermaier fremdelte nach eigenen Worten von Anfang an mit dem "Loft", in dem die Kommune-Mitglieder keine privaten Rückzugsräume hatten und entschied sich dann doch für ein Leben an der Seite von Promis wie Mick Jagger und Jimi Hendrix, sowie eine Karriere als Schmuck-Designerin: "Klar, ich war auch verunsichert damals. Da wurde ja alles abgeschafft. Eifersucht gibt es nicht, einen Anspruch auf den Partner gibt es nicht. Und da habe ich mir gesagt, also, dass verstehe ich nicht, ich bin eifersüchtig wie die Hölle, ich kann mir nicht helfen."

© gbrci/Picture Alliance

Rainer Langhans als Talkshow-Gast

Erst in diesen Tagen irritierte Rainer Langhans mit der merkwürdigen Botschaft, Datenverkehr sei Liebe und er empfehle, alles miteinander zu teilen, eben auch sensible private Informationen. Verwunderlich ist das nicht, fordert er doch seit vielen Jahrzehnten, auch Intimes öffentlich zu machen: "Das Private ist politisch, das andere, sogenannte Politische ist gar nicht politisch, weil das nichts Gutes bringt. Das Private ist politisch, daran müssen wir arbeiten, das haben wir damals gemacht, das machen die Jungen heute. Wir haben uns dadurch wirklich ein Stück weit verändert, waren auch anders als die Studenten und haben mit dieser Kommune versucht zu zeigen, so könnten wir doch gut leben." Gut leben, aber auch äußerst bescheiden, denn außer einer sehr schmalen Rente aus seiner Bundeswehr-Zeit ist Langhans auf Honorare und Gelegenheitsjobs angewiesen: "Ich lebe sehr einfach. Ich halte diesen materiellen Teil sehr, sehr gering, aber ausreichend aufrecht." Die 50.000 Euro für seinen Auftritt im RTL-Dschungelcamp 2011 spendete Langhans jedenfalls.

"Mein Körper tritt langsam zurück"

Warum er eigentlich in München lebt und nicht in Berlin, darauf hat Langhans eine klare Antwort: "Das habe ich mich natürlich auch gefragt. Zunächst mal kam ich nach Bayern, weil Uschi daher kam, weil hier die Frauenkommune war und weil wir aus Berlin raus mussten, weil die wollten unbedingt Krieg führen und das wollte ich nun wirklich nicht, ich wollte mich mehr mit den Frauen beschäftigen."

Den Krieg, den er hier anspricht, das ist der Krieg der RAF-Terroristen, mit dem er von Anfang nichts zu tun haben wollte. Inzwischen versucht er, seine Ängste unter Kontrolle zu bringen, auch die vor dem Tod, und kann sich sogar vorstellen, dass irgendwann eine mögliche Demenz ein Weg in eine andere geistige Existenzform sein könnte: "Mein Körper tritt langsam zurück, und das ist hoch erfreulich, weil ich dadurch meinen Geist mehr entfalten kann."

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