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Rätselhafte Wundmale – ein umstrittenes Phänomen | BR24

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Es ist ein ebenso umstrittenes wie faszinierendes Phänomen: die Stigmatisation - Wundmale, die am Körper eines Menschen sichtbar werden. Die bekannteste Stigmatisierte in Bayern ist Resl von Konnersreuth. Ihre Anhänger fordern die Seligsprechung.

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Rätselhafte Wundmale – ein umstrittenes Phänomen

Es ist ein ebenso umstrittenes wie faszinierendes Phänomen: die Stigmatisation – Wundmale, die am Körper eines Menschen sichtbar werden.

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Die bekannteste Stigmatisierte in Bayern ist Resl von Konnersreuth. Ihre Anhänger fordern die Seligsprechung.

Sie galt als einfache und bodenständige Frau, ihr bürgerlicher Name: Therese Neumann, besser bekannt als "Resl von Konnersreuth". In der kleinen Marktgemeinde in der Oberpfalz wird sie im Jahr 1898 geboren, als Älteste von elf Geschwistern. Wie alle in ihrer Familie arbeitet Therese auf einem Bauernhof, bis sie als 20-jährige Lähmungen bekommt und bettlägerig wird. Sieben Jahre später, am Tag der Heiligsprechung der Therese von Lisieux, sei sie plötzlich genesen, heißt es. In der Fastenzeit vor Ostern 1926 bei einer Vision wurden bei ihr zum ersten mal die Stigmata sichtbar. Vor allem an den Kartagen soll Resl von Konnersreuth aus den Augen geblutet haben.

Eine echte Mystikerin

Therese Neumann könne als echte Mystikerin bezeichnet werden, urteilt Theologie-Professor Wolfgang Vogl von der Universität Augsburg. Er gehört dem Expertenteam an, das Gutachten für den Seligsprechungsprozess erstellt. Die Biographie der Therese Neumann wird mit allen weltweit zur Verfügung stehenden Quellen untersucht. Eine gewaltige Aufgabe. Neue Erkenntnisse belegen etwa, dass Therese Neumann einen Widerstandskreis im Nationalsozialismus inspiriert hat, erklärt Professor Vogl. Außerdem hat sie ihre Mitmenschen in Lebenskrisen beraten, ein Kloster und eine Spätberufenenschule gegründet.

Autosuggestion oder Berufung?

Mediziner und Psychologen befassen sich immer wieder mit dem Phänomen der blutenden Wundmale. Eine Theorie besagt, dass sie auf Autosuggestion zurück gehen, bedingt durch den Glauben an Jesus. Sie könnten aber auch als „Berufung“ verstanden werden, um durch die Wundmale ein besonderes Zeugnis zu geben. Sicher aber sei es ein psychosomatisches Phänomen, so Theologe Wolfgang Vogl. Und die Kirche sei dankbar für jede wissenschaftliche Erkenntnis, die als Grundlage dienen könne, um dieses Phänomen der Mystik richtig zu deuten.

350 "Stigmatisierte"

Je nach Quelle gibt es in der Geschichte etwa 350 „anerkannte“ Stigmatisierte. 2019 ist eine solche Mystikerin sogar heiliggesprochen worden, Marguerite Bays, eine 1897 verstorbene Schweizer Franziskanerin. Auf ihre Fürsprache sollen zwei Menschen auf wundersame Weise dem Tode entkommen sein.

In Umbrien lebt der italienische Mönch Fra Elia, der die Leiden Jesu angeblich regelmäßig erlebt. Seine Wundmale sollen angeblich einen himmlischen Duft verbreiten. Fast jede Nacht von Donnerstag auf Freitag, vor allem aber in der Karwoche, bluten seine Wundmale, heißt es. Er erlebe Ekstasen, spreche mit Engeln und erhalte Botschaften von Jesus. Der 58-jährige selbst kann sich danach an nichts erinnern. Doch es wenden sich viele Hilfesuchende an ihn.

Kirche ist zurückhaltend

Rom ist zurückhaltend in der Bewertung des Phänomens der Stigmatisationen und nennt klare Kriterien. Die Wunden müssen zum Beispiel nachweislich von selbst blutend, nicht eiternd und nicht heilbar sein. Hinzu kommt das psychologische Kriterium: Hier sei zu prüfen, ob der Mystiker eine ausgeglichene Persönlichkeit, ohne neurotische oder krankhafte Zustände sei, erklärt Professor Vogl. Und nicht zuletzt gehe es darum, ob der Mystiker auch eine geistliche Persönlichkeit ist, die die christlichen Tugenden in besonderer Weise lebt.

Stigmata sind ein religiöses Geheimnis, das bis heute weder Mediziner noch Theologen eindeutig erklären können. Umso größer die Faszination, die die Wundmale und ihre Träger ausstrahlen. So pilgerten zur Beerdigung von Therese Neumann 1962 tausende Menschen nach Konnersreuth.