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Franz Doblers zweiter Fall für die Münchner Kommissare Hosnicz und Rosenberg: Der ARD Radio Tatort "Bankraub und Gerechtigkeit"

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    Radio Tatort von Franz Dobler: So wie einst der Räuber Kneißl

    Es ist ein altmodisches Verbrechen: Im neuen Radio Tatort "Bankraub und Gerechtigkeit" lässt Autor Franz Dobler eine Bank ausrauben. Im Interview erzählt er, was die Diebe mit bayerischen Delinquenten wie dem Räuber Kneißl oder Theo Berger verbindet.

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    Von
    • Thomas Kretschmer

    Sie werden nur dort eingesetzt, wo sie keinen Schaden anrichten können: Das Münchner Ermittler-Duo Jaqueline Hosnicz und Jakob Rosenberg. Im vom BR produzierten ARD Radio Tatort "Bankraub und Gerechtigkeit" müssen sie Bankräuber stellen, die natürlich bei ihrem Coup eine Maske getragen haben – wie fast alle zu Corona Zeiten. In seinem zweiten Radio Tatort nimmt Autor Franz Dobler Bezug auf einen historischen Bankräuber aus Bayern: Theo Berger, den "Al Capone vom Donaumoos". Thomas Kretschmer hat mit Franz Dobler über anachronistische Verbrechen und alte bayerische Gesetzesbrecher mit Volkshelden-Status gesprochen.

    Thomas Kretschmer: Franz Dobler, womit begann ihre Arbeit an dem zweiten Fall für den ARD-Radio Tatort?

    Franz Dobler: Was mich schon länger interessiert hat, ist, dass Bankraub mittlerweile als anachronistisches Verbrechen gilt. Ich hatte dazu ein sehr langes Gespräch mit einem Polizeibeamten. Mittlerweile gilt Bankraub als zu riskant – Bankraub hat eine ganz hohe Aufklärungsquote. Und mittlerweile liegt auch nicht mehr viel Bargeld in den Banken. Der Polizeibeamte meinte, es ist mittlerweile viel einfacher, irgendwelche Verbrechen digital zu machen, da irgendwie Geld raus zu holen, mit welchen Methoden auch immer. Das ist viel weniger Risiko und die Strafen sind auch nicht so hoch. Bankraub, das machen nur noch ganz verzweifelte Leute. Das hat mich als Plot für den Radio Tatort interessiert.

    Ist so ein enger Rahmen wie bei einem Radio-Tatort – die Länge steht fest, es steht fest, dass es ermittelnde Hauptfiguren gibt, er muss bestimmten Genre Regeln folgen – ist das eine Hilfe beim Schreiben, oder eher das Gegenteil?

    Ich bewege mich gern im Krimi-Genre. Mir macht das Spaß, weil ich die Genre-Grenzen nicht so eng sehe. Also, auch beim Radio-Tatort kann ich viel machen. Da fühle ich mich nicht eingeschränkt. Ja gut, die Länge von knapp 54 Minuten – ich muss am Ende immer einiges im Skript kürzen, das ist brutal. Aber damit muss man klar kommen.

    Im ersten Fall von Hosnicz und Rosenberg ging es in der Stadt zur Sache. Jetzt muss Jaqueline Hosnicz raus aufs Land, in den Norden von München, irgendwo hinter Dachau, so ein Landstrich ohne Lüftlmalerei und Wellness-Tempel. Wieso haben Sie sie gerade dorthin geschickt?

    Naja, das hat auch wieder mit dem Bankraub zu tun. Es hat mit Vorgehensweisen zu tun, die diese Tätergruppe hat. Sie sagen, wir gehen nicht nach München, weil dort ist die Polizei, sagen wir mal, etwas erfahrener mit solchen Sachen. Wir bleiben in Kleinstädten in kleinen Ortschaften und holen uns da das Geld. Und weil ich generell versuche, immer so wenig wie möglich zu erfinden, sondern mit dem zu arbeiten, was ich kenne, bin ich dann in dieser Gegend gelandet. Das Dachauer Umland kenne ich einfach ein bisschen besser, das habe ich auch schon in einem Roman beschrieben und auf dieses Wissen habe ich dann aufgebaut.

    Der Roman heißt "Tollwut", aus dem Jahr 1991. Da geistert auch schon eine Figur durch die Geschichte, die auch jetzt durch das Hörspiel geistert, nämlich Theodor Berger. Geistern insofern, weil er schon lange nicht mehr am Leben ist. Der aber ein Mann war, der wohl immer noch bekannt ist in dieser Gegend, unter anderem unter seinem Spitznamen "Al Capone vom Donaumoos". Er war ein häufig verurteilter Bankräuber, der mehr Zeit im Knast verbracht hat als in der Freiheit und trotzdem einen gewissen Ruf hatte. Wie hat sich der reale Theo Berger diesen Ruf erarbeitet?

    Berger war lange Zeit sehr beliebt bei den Leuten, ähnlich wie sein Vorgänger Mathias Kneißl 70 Jahre vorher. Und das hatte wohl vor allem damit zu tun: Der ist nicht in die Banken reingegangen, hat um sich geschossen und Leute zu Tode erschreckt, sondern Theo Berger hatte sozusagen Gentleman-Manieren. Der hat sich als Profi verstanden, der einfach nur das Geld abholen will, aber jetzt niemandem irgendetwas antun will. Und außerdem hatte er einen gewissen Witz, er hat die Polizei immer wieder an der Nase herumgeführt. Also, es war wenig Brutalität im Spiel, abgesehen davon, dass man natürlich eine gewisse Härte und Brutalität braucht, um sowas überhaupt durchziehen zu können.

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    Franz Dobler

    Sie haben Mathias Kneißl erwähnt, bekannt als Räuber Kneißl. In weiterer geistiger Verwandtschaft würde mir auch der bayerische Wilderer Georg Jennerwein einfallen. Alles Figuren, die in Bayern ein gewisses Renommee haben, weil sie sich auf jeweils eigene Weise gegen die Obrigkeit aufgelehnt haben. Würden Sie sagen, das ist der Grund, warum die so beliebt sind oder so verehrt wurden und vielleicht immer noch werden?

    Damit hat es stark zu tun. Und das ist auch die Verbindung, die ich jetzt gezogen habe, diese, wenn man so will, Traditionslinie der sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe, sowohl bei Kneißl als auch bei Berger. Im Grunde geht es um einen Konflikt zwischen Arm und Reich, und dass Leute, die genug kriminelle Energie haben, sagen "bevor wir jetzt verhungern, gehen wir los und holen uns das Geld, von denen, die es haben". Das ist die Linie, die aus meiner Sicht gleichbleibend aktuell ist. Darauf bezieht sich die Tätergruppe im Hörspiel. Und daher kommt auch der Titel "Bankraub und Gerechtigkeit". Also, dass diese Leute sagen, wir kümmern uns jetzt selber um diese Gerechtigkeit!

    Dabei muss ich natürlich an Bertolt Brecht denken, an Mackie Messer und dessen schönen Spruch: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?". Im Hörspiel kommt der Satz nicht vor, aber könnte er als Motto darüber stehen?

    Ja, über den Spruch kann man immer noch nachdenken.

    Sie haben zahlreiche Romane geschrieben, Musikbücher, Gedichtbände und jetzt den zweiten Radiokrimi. Würden Sie sagen, Sie sind angekommen im Hörspiel?

    Ich habe ja schon mal eine Zeitlang mehrere Sachen fürs Radio gemacht, für den Südwestfunk, wie er damals hieß – und den Bayerischen Rundfunk. Dann gab es eine Pause, weil ich gut zu tun hatte mit anderen Sachen. Aber ich habe es vermisst, weil ich die akustische Form immer toll fand. Und daher hat es mich sehr gefreut, als die Anfrage kam vom Hörspiel, ob ich beim Radio Tatort einsteigen will. Mein schlauer Spruch dazu heißt: Man kann niemals ankommen, hoffentlich nicht. Es muss weitergehen.

    Jetzt anhören: Der ARD Radio Tatort "Bankraub und Gerechtigkeit" von Franz Dobler

    Die Bankräuber tragen Masken, wie alle zu Corona-Zeiten. Eine Herausforderung für das Münchner Ermittler-Duo, das nur dort eingesetzt wird, wo es keinen Schaden anrichten kann. Mit Bibiana Beglau, Johannes Silberschneider, Judith Toth, Johanna Bittenbinder u.a. Musik: Das Hobos. Regie: Ulrich Lampen. Die Folge "Bankraub und Gerechtigkeit" gibt es ab sofort zum Anhören als Podcast.

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