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Rachel Kushners neuer Roman spielt in einem Frauengefängnis | BR24

© Bayern 2

Zweimal lebenslänglich bekommt Romy. Obwohl sie sich unschuldig fühlt, wird die junge Stripperin wohl nicht mehr aus dem Frauenknast heraus kommen. Rachel Kushner erzählt von horrenden Zuständen im sonnigen Kalifornien.

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Rachel Kushners neuer Roman spielt in einem Frauengefängnis

Wie überlebt eine junge Frau den Alltag im Knast - wenn sie zweimal lebenslänglich hat, sich unschuldig fühlt und draußen ein fünfjähriges Kind hat? Rachel Kushner erzählt von horrenden Zuständen im sonnigen Kalifornien.

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Die junge Romy hat ihren Stalker erschlagen, sie war Stripperin in einem Nachtclub, das Opfer einer ihrer Stammkunden. Aber ohne guten Strafverteidiger gibt es keine mildernden Umstände trotz der Tatsache, dass der Mann ihr das Leben zur Hölle gemacht hat. Dass sie ihre Tat als Notwehr empfindet. Zweimal lebenslänglich, das bedeutet sie kommt nie mehr raus. "Ich habe nicht vor, lange zu leben. Auch nicht unbedingt kurz. Ich habe gar nichts vor. Die Sache ist bloß die, man existiert ja weiter, ob man es nun vorhat oder nicht, bis man irgendwann nicht mehr existiert und dann sind alle Vorhaben bedeutungslos. Aber dass ich nichts vorhabe, heißt nicht, dass ich nichts bereue. Hätte ich doch nie im Mars Room gearbeitet. Hätte ich doch nie den Widerling Kennedy kennengelernt. Hätte Widerling Kennedy doch nicht beschlossen, mich zu stalken. Wenn nichts von alledem passiert wäre, säße ich nicht in einem Bus mit Kurs auf ein Leben im Betonloch." (Aus: "Ich bin ein Schicksal")

Gefangene Frauen kommen zu Wort

Was macht ein Leben aus, das so früh eigentlich schon am Ende angelangt ist? Romy versucht im Knastalltag zu überleben, weil sie einen fünfjährigen Sohn hat, den sie an den wenigen Besuchstagen zu sehen hofft. Doch dann stirbt ihre Mutter, die den Jungen betreut und das Kind kommt in staatliche Fürsorge.

In ihrem komplexen Roman "Ich bin ein Schicksal" lässt Rachel Kushner nicht nur ihre Protagonistin Romy zu Wort kommen, sondern begleitet ein Stück weit auch die anderen inhaftierten Frauen: eine geschwätzige Kindsmörderin, eine Dealerin, die mit dem Leben draußen nicht mehr zurecht kommt, eine Jugendliche, die mit Freunden jemanden zu Tode geprügelt hat.

Zum Teil kommt man den Figuren sogar unangenehm nah, wie dem ehemaligen Polizisten Doc zum Beispiel, der sich im Knast an die vielen Menschen erinnert, die er umgebracht hat: an den jungen schwarzen Einbrecher, den er erschossen hat, einfach weil er wusste, dass die Tat für ihn keinerlei Konsequenzen haben würde.

© dpa/ picture-alliance / Rolf Vennenbernd

Die US-amerikanische Schriftstellerin Rachel Kushner

Eigene Knasterlebnisse reflektiert mit Literatur

Ein Rettungsanker ist für Romy der gutmütige Sozialarbeiter Gordon, der den inhaftierten Frauen lesen und schreiben beibringen soll und Romy mit Lektüre versorgt. Über diesen Sozialarbeiter bringt Rachel Kushner den Blick von außen in ihren Roman. Gordon Hauser ist ein Einzelgänger, der sich in der Welt der Literaturwissenschaftler, aus der er eigentlich stammt der in der Nähe des Gefängnisses eine Holzhütte bewohnt und in seiner Freizeit das Tagebuch des sogenannten Una-Bombers Ted Kaschinksky liest - aus denen Rachel Kushner im Roman immer wieder zitiert.

Auch Dostojewski, und Henry David Thoreau sind über die Figur des literaturbeflissenen Knast-Lehrers sehr präsent und man erfährt Rachel Kushners Faszination für Außenseiter, für den fließenden Übergang zwischen normal und wahnhaft, zwischen Gutmütigkeit und krassen Gewaltausbrüchen.

Gewalt ist nicht nur nackte körperliche Gewalt

Einerseits merkt Gordon nicht, wie sehr die Frauen im Gefängnis versuchen, ihn für ihre Zwecke zu manipulieren, andererseits ist sein Blick auf die Gesellschaft geschärft durch den Umgang mit den Inhaftierten. "Das Wort Gewalt war durch übermäßigen Gebrauch stumpf und unspezifisch geworden, und doch hatte es noch Kraft, bedeutete noch etwas, wenn auch mehreres. Es gab krasse Gewaltakte: jemanden zu Tode zu prügeln, zum Beispiel. Und abstraktere Formen, wenn Leuten Jobs, sicheres Wohnen, adäquate Schulen vorenthalten wurden. Und Gewalttaten im großen Maßstab, Zehntausende zivile Opfer im Irak innerhalb eines einzigen Jahres, in einem fadenscheinigen Krieg der Lügen und Stümperei, einem Krieg, der vielleicht kein Ende finden würde, doch die Staatsanwälte meinten, die wahren Monster seien Teenager wie Button Sanchez."

Gefängnisse: die Schattenseiten des sonnigen Kalifornien

Rachel Kushner ist wie ihre Hauptfigur Romy in einem wenig schönen Stadtteil von San Francisco aufgewachsen und als Erwachsene hat sie in der Nähe eines Gefängnisses gelebt. Dass sie sich schon lange ehrenamtlich für Gefangene engagiert und dadurch viele Einblicke in den Gefängnis-Alltag bekommt hat , ist in ihrem Roman spürbar. “Ich bin ein Schicksal” beschreibt die wenig glamouröse Realität des angeblich so liberalen "sunshine-state" Kalifornien:

Das Land ist voller Gefängniskomplexe, die oft in einer menschenfeindlichen Landschaft zu finden sind. Kushners kunstvolle Beschreibungen der industriellen Landwirtschaft, rund um die isolierten Gefängnisbauten wirken beim Lesen noch lange nach. "Ich bin ein Schicksal" ist ein niederschmetterndes Buch, gerade weil die Beschreibungen des Knast-Alltags so glaubwürdig sind. Trost bietet der subtile Humor, mit dem Rachel Kushner über den Erfindungsreichtum der Inhaftierten schreibt – über Punsch aus Eistee und "Psychopillen". Und die Schönheit der Sprache.

Rachel Kushners "Ich bin ein Schicksal" ist übersetzt von Bettina Abarbanell bei Rowohlt erschienen.

© Rowohlt/ Montage BR

Cover: Ich bin ein Schicksal von Rachel Kushner

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