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So finster ist Quentin Tarantinos Hollywoodmärchen | BR24

© Sony Pictures

Leonardo DiCaprio und Brad Pitt im neuen Tarantino-Film

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So finster ist Quentin Tarantinos Hollywoodmärchen

Ein abgehalfterter Schauspieler und sein Stuntdouble: Leonardo DiCaprio und Brad Pitt haben im neuen Tarantino einen großen Auftritt. "Once Upon a Time in Hollywood" ist ein Film über das Ende der goldenen Kino-Ära – und, typisch Tarantino, blutig.

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Dass Quentin Tarantino gerne mal die Geschichte umschreibt, ist spätestens seit "Inglourious Basterds" bekannt. Vor zehn Jahren ließ er Hitler und seine engsten Vertrauten in einem französischen Kino verbrennen. Ein maximal brutaler Tod. Und somit typisch Tarantino. Die Idee von in Flammen umkommenden Nazis findet er auch heute noch gut: In Tarantinos neuem Film "Once Upon a Time in Hollywood" darf Leonardo DiCaprio Nazis mit einem Flammenwerfer grillen. Wenn auch nur in einem Film im Film.

Hoffen auf Polanski

DiCaprio spielt den abgehalfterten Hollywoodschauspieler Rick Dalton. In den 50er-Jahren war er der Star einer TV-Westernserie, jetzt, 1969, bekommt er lediglich Nebenrollen oder billige B-Movies angeboten. Sein Ego ist am Boden, aber zum Glück ist da noch sein bester Quasi-Freund Cliff, oscarverdächtig wortkarg gespielt von Brad Pitt. Rick Dalton und sein Stuntdouble Cliff Booth sind die Protagonisten in "Once Upon a Time in Hollywood". Es sind fiktive Charaktere im ansonsten realen Los Angeles der ausgehenden 60er-Jahre.

An den drei Tagen, an denen die Handlung spielt – am 8. und 9. Februar 1969 sowie am schicksalsträchtigen 8. August desselben Jahres – treffen sie auf eine ganze Reihe von Personen, die wirklich gelebt haben: darunter das frisch verheiratete Ehepaar Sharon Tate und Roman Polanski, das das Anwesen neben Daltons Haus bezogen hat. Neue Hoffnung für den Schauspieler: "Hier bin ich, total in der Krise und wer wohnt nur eine Tür weiter? Polanski, der heißeste Regisseur in der Stadt, vermutlich auf der Welt! Das ist mein direkter Scheißnachbar! Nicht zu fassen, ich mein ... wer weiß, was passiert? Es fehlt vielleicht nur eine Poolparty, und ich bin der Star im neuen Polanski-Film."

Antihelden in glänzender Glamourwüste

Natürlich kommt es anders. Und wie so oft bei Tarantino: nicht so, wie man denkt. Dabei stecken bereits im Filmtitel einige Hinweise auf die Richtung. "Once Upon a Time..." ist die englische Variante des Märchenintros "Es war einmal ...". Gleichzeitig ist der Titel eine subtile Verbeugung vor Sergio Leone und dessen Klassiker "Once Upon a Time in the West", im deutschsprachigen Raum besser bekannt als "Spiel mir das Lied vom Tod".

Tarantino ist der Märchenonkel, der seine beiden Antihelden durch die glänzende Glamourwüste von L.A. streifen lässt. Sie reiten keinen Mustang, sondern einen cremefarbenen Cadillac. Der eine, Rick, trinkt und raucht zu viel und hat seine Emotionen nicht unter Kontrolle. Der andere, Cliff, ist der weitaus undurchsichtigere, aber loyale Typ. Einer, der töten würde, wenn es sein muss. Das Schicksal, oder besser gesagt das sich ändernde Studiosystem hat sie aneinandergebunden.

Sie sind Outlaws, zunehmend unerwünschte Relikte des rasant zu Ende gehenden Goldenen Zeitalters von Hollywood. Western und Abenteuerfilme sind Genres für die ergraute Nachkriegsgeneration, im Mai 1969 wird "Easy Rider" seine Premiere in Cannes feiern und endgültig die New-Hollywood-Ära einläuten. Während Rick und Cliff bei ihren unzähligen Fahrten über den Sunset Strip die Kinoreklamen passieren, die von dem nicht mehr aufzuhaltenden Veränderungsprozess künden, und "Mrs. Robinson" im Autoradio läuft, steuern sie, ebenfalls unaufhaltsam, auf ihre eigene Reifeprüfung zu, die gleichzeitig den Showdown von "Once Upon a Time in Hollywood" markiert.

© Sony Pictures

Rick und Cliff unterwegs in L.A.

Wie Sergio Leone auf LSD

In den zwei Stunden zuvor hat sich Tarantino alle Zeit der Welt genommen, um seine beiden Protagonisten mit all ihren guten wie schlechten Charaktereigenschaften vorzustellen. Er schwelgt in Nostalgie, ignoriert klassische Handlungsverläufe, springt in der Zeit zurück, montiert DiCaprio in den 60er-Jahre-Klassiker "Gesprengte Ketten" und gewährt Steve McQueen, Bruce Lee und Charles Manson kurze Auftritte, die mal mehr, mal weniger auf historischen Fakten basieren.

Nichts mit historischen Fakten hat hingegen das blutige Ende zu tun. Erneut schreibt Tarantino die Geschichte um, formt, als wäre er Leone auf LSD, aus DiCaprio und Pitt zwei glorreiche Halunken, die den Bösen Feuer unterm Hintern machen. Was lediglich ein Euphemismus für die exzessive und absurde Gewaltorgie ist, die – sonst wäre es ja kein Tarantino-Film – hochglanzpolierten Splatterappeal hat. Wer sich jetzt fragt, wo eigentlich Sharon Tate und die anderen tragischen Figuren der Nacht vom 8. August 1969 geblieben sind? Sagen wir mal so: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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