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"Queer": 150 Jahre Kampf um Emanzipation in Deutschland

Männer lieben Männer. Frauen lieben Frauen. Und andere ganz anders. Der Historiker Benno Gammerl hat erstmals und umfassend die queere Geschichte Deutschlands aufgeschrieben.

Über dieses Thema berichtet: Capriccio am .

Eines der bedeutendsten Ereignisse zu Beginn der Schwulen- und Lesbenbewegung fand 1867 in München statt. Auf dem Juristentag forderte Karl Heinrich Ulrichs erstmals Straffreiheit für gleichgeschlechtlichen Sex. Doch Ulrichs, der heute als Urvater der Queer-Bewegung gilt, wurde von den Zuhörern unterbrochen und von der Bühne runter geprügelt, beschreibt der Historiker Benno Gammerl die Szene in seinem neuen Buch. Auch andere Versuche, seine Thesen vorzutragen, scheiterten. "Eine Idee war, er sagt's auf Latein, damit's noch weniger Leute verstehen. Aber auch das war nicht gut genug", so Gammerl im Interview mit dem BR.

Ausgrenzung von Anfang an

Benno Gammerl unterstreicht, welchen enormen Mut es damals erforderte, den Wunsch nach Straffreiheit einfach mal so in den Raum zu stellen, wie das Karl Heinrich Ulrichs tat. Von Anfang an hatten gleichgeschlechtlich liebende und gender-non-konforme Menschen mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung durch das Strafgesetz zu kämpfen. Gammerls populär geschriebenes Buch "Queer – eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute" spürt den Entwicklungen der letzten 150 Jahre bis zur Ehe für alle nach.

Homosexualität war lange (k)ein Verbrechen

Dabei war Homosexualität zum Beispiel im Königreich Hannover, im Rheinland oder auch in Bayern lange kein Verbrechen. In diesen Ländern, die Anfang des 19. Jahrhunderts Bündnisse mit Napoleon eingegangen waren, orientierte man sich am französischen Recht, wo männliche Homosexualität nicht strafbar war. Im preußischen Recht dagegen galt gleichgeschlechtlicher, männlicher Sex unter dem Paragrafen 175 als Straftat. Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde der Paragraf in allen deutschen Ländern gültig. "Durch die Expansion Preußens schritt auch die Kriminalisierung der Homosexualität in Deutschland immer weiter voran", kommentiert Gammerl diese geschichtliche Entwicklung.

Homosexualität und Wissenschaft

Doch trotz des Verbots: Homosexualität wurde immer offener gelebt. Vor allem in den 20er-Jahren etablierten sich in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Köln einschlägige Lokale und eine Fülle von Zeitschriften, die sich gezielt an gleichgeschlechtlich begehrende Menschen richteten. Manche Frauen und Männer, die das Gefühl hatten, im falschen Körper geboren zu sein, suchten Hilfe am neu errichteten Institut für Sexualwissenschaften in Berlin. Dort führte der renommierte Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld seine Studien durch und nahm auch erstmals geschlechtsangleichende Operationen vor. Hirschfelds zentrales Argument war dabei, dass Homosexualität angeboren sei, erklärt Gammerl, von daher ergebe es keinen Sinn, die Leute als Sünder zu verteufeln oder als Verbrecher zu verurteilen.

Erster großer Medienskandal

Im Jahr 1908 fand am Amtsgericht München ein spektakulärer Prozess statt. Der preußische Adelige Philipp zu Eulenburg soll mit zwei jungen Fischern vom Starnberger See Sex gehabt haben. Eulenburg, ein enger Vertrauter Kaiser Wilhelm II. wurde vom homophoben Journalisten Maximilian Harden vor Gericht gezerrt. Der Prozess ging auch als Harden-Eulenburg Affäre in die Geschichte ein und war der erste große Medienskandal, in dem es um gleichgeschlechtliches Begehren ging.

In den Zeitungen wurde ausführlich darüber berichtet. "Das hatte etwas extrem Homofeindliches", bemerkt Benno Gammerl, "aber auf der anderen Seite haben sich bestimmt auch viele junge Leute gedacht, ah das gibt’s also auch. Diese Worte stehen plötzlich in der Zeitung. Und insofern hat das alles auch einen ermöglichenden Effekt."

Verfolgung in Nationalsozialismus und Nachkriegszeit

1933 kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Queere Menschen sind nun schlimmsten Repressalien ausgesetzt. Hitler, dessen NS-Bewegung anfangs selbst oft vorgeworfen wurde, männerbündisch und homoerotisch zu sein, verschärft den Paragrafen 175 massiv. Jetzt konnte eine Berührung oder ein Kuss reichen, um jemand ins Gefängnis zu bringen. Menschen,m die zweimal im Gefängnis waren, wurden danach oft ins KZ gesteckt. Viele starben im Konzentrationslager. Auch nach dem zweiten Weltkrieg bleibt der Paragraf 175 in Kraft. Er wird 1957 sogar vom Bundesverfassungsgericht geprüft und für rechtens erklärt. Auch in der Bevölkerung überwiegen lange Zeit Ablehnung und Vorurteile.

Aufbruch in den 70er und 80er Jahren

Anfang der 70er Jahre schlossen sich in vielen Städten Queer-Aktivisten zusammen. Der Protest - unter anderem gegen den Paragrafen 175, der homosexuellen Sex noch immer unter Strafe stellte - wurde immer lauter. "Man wollte die Sexualität befreien" erklärt Benno Gammerl, "auch mit der Frauenbewegung zusammen, mit der 68er-Bewegung zusammen, Kinderladen-Bewegung, antiautoritäre Bewegung. Das war so ein ganz breites gesellschaftliches Projekt, das sexuelle Begehren aus diesen engen Zwängen zu befreien".

1971 gründete sich die Homosexuelle Aktionsgruppe München HAM im Hotel Deutsche Eiche. Dort verkehrten auch Rainer Werner Fassbinder und seine Filmleute, die relativ offen ihre Bisexualität auslebten. 1985 konnte Queen Sänger Freddy Mercury, der damals in München lebte, in einem Schwulenlokal ungezwungen mit vielen homosexuellen Freunden seinen Geburtstag feiern und diesen in einem Musikvideo dokumentieren.

Strenge Restriktionen in Bayern nach AIDS

Doch dann kam Aids. Die Krankheit löste Panik aus. Auch in der Politik. In Bayern versuchte Staatssekretär Peter Gauweiler die Seuche unter anderem durch Zwangstests von Risikogruppen wie Homosexuellen und durch Quarantänepflicht in den Griff zu bekommen, womit er auf breiten Widerstand stieß. "Da gab's in München riesengroße Proteste am Marienplatz," erinnert sich Benno Gammerl, "letztendlich ist ja auch nichts draus geworden. Aber für eine Zeitlang war die bayerischen Polizei und Justiz sehr hart."

Und heute?

"Vieles ist besser geworden", sagt Benno Gammerl, "aber noch lange nicht alles." Es gebe einerseits die Ehe für alle, andererseits verweist er auf die Attacke letztes Jahr beim Christopher Street Day in Münster auf einen Transmann oder auf die Diskussionen wie offen Kinder über sexuelle Ausrichtungen im Unterricht informiert werden sollten. Immer noch gäbe es da Proteste aus religiösen Milieus, aber auch aus konservativen und rechtsextremen Kreisen. Immerhin in Bayern konnte vor ein paar Wochen der Urenkel des letzten Bayerischen Königs endlich seine Liebe zu einem Mann öffentlich machen. Nach 40 Jahren Geheimhaltung. Das ist auf jeden Fall ein gutes Zeichen. Gammerls Buch spannt erstmals gut lesbar einen Bogen über die Entwicklungsgeschichte der Queer-Bewegung der letzten 150 Jahre.

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