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Bildrechte: Marie-Laure Briane/Gärtnerplatztheater München

Mit einem "Kammer-Musical" startete Münchens zweitgrößtes Staatstheater in die Nach-Lockdown-Premierensaison. Steppende und singende Ordensschwestern sind beim Satire-Benefiz zu erleben - das ist flott gemacht, allerdings zu wenig frech und intim.

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Putten unter Discokugeln: "Non(n)sens" am Gärtnerplatztheater

Mit einem "Kammer-Musical" startete Münchens zweitgrößtes Staatstheater in die Nach-Lockdown-Premierensaison. Steppende und singende Ordensschwestern sind beim Satire-Benefiz zu erleben - das ist flott gemacht, allerdings zu wenig frech und intim.

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Von
  • Peter Jungblut

Das Publikum braucht ja gerade jetzt ganz viel Platz, wegen der Abstände, der Hygienekonzepte, der frei bleibenden Sitzreihen. Da kann der Saal gar nicht groß genug sein, um ein paar hundert Zuschauer unterzubringen. Und auch die Darsteller, die Musiker sind froh, wenn sie etwas Auslauf haben, vor allem dann, wenn sie ohne Maske auftreten. Doch es gibt Stücke, die brauchen eigentlich das gerade Gegenteil, nämlich möglichst wenig Luft drum herum, einen intimen Raum, eine kleine Off-Bühne, wo das Publikum direkt am Podium sitzt, um mit fiebern, mit schunkeln, mit klatschen, mit lachen zu können.

Frech, anarchisch, spontan müsste es sein

Das Musical "Non(n)sens", uraufgeführt im Dezember 1985 in New York, ist so ein Fall: Mit nur fünf Sängerinnen und einer Band besetzt, wäre es auf einer Studiobühne mit 99 Plätzen am besten aufgehoben. Da darf es dann ruhig frech, anarchisch, spontan sein und sich nicht um den Mehrheitsgeschmack scheren. Doch das Gärtnerplatztheater in München ist eben ein ziemlich großes Haus, und deshalb hatte es diese Premiere schwer, den Anwesenden wirklich einzuheizen, Stimmung zu machen. Das Problem werden noch viele Intendanten haben, die auf Chor und große Besetzung noch eine ganze Weile verzichten müssen, und natürlich dennoch ihre Häuser bespielen wollen, notgedrungen mit Kammerstücken.

© Marie-Laure Briane/Gärtnerplatztheater München
Bildrechte: Marie-Laure Briane/Gärtnerplatztheater München

Halleluja: Die Schwestern erinnern sich

Intendant und Regisseur Josef Köpplinger kämpfte am Gärtnerplatztheater besonders eifrig für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, erfolgreich, und er probte den ganzen Lockdown über tapfer weiter, brachte auch manche Produktion online heraus. Mit dem weltweit erfolgreichen Off-Broadway-Musical "Non(n)sens" von Dan Goggin ist ihm ein durchaus flotter Abend mit einigen skurrilen Lachern gelungen, aber dennoch reagierte das Publikum über weite Strecken im wahrsten Sinn des Wortes distanziert. Der Hauptgrund wurde genannt. Köpplinger ließ den Abend auch betont amateurhaft beginnen: Das Mikrofon fiept, die Oberin verhaspelt sich, die Mitwirkenden huschen nervös durch die Kulisse, alles volle Absicht natürlich, weil hier ein so laienhaftes wie unterfinanziertes Benefiz vorgeführt werden soll - das ganze Geld hat die Äbtissin nämlich für einen überdimensionalen Flatscreen verpulvert.

Äbtissin schnüffelt am Aufputschmittel

Die fünf Nonnen, die hier eine Show hinlegen, um die fehlenden Mittel für teure Bestattungen ihrer vergifteten Mitschwestern zu sammeln, ihre Lebensläufe zu beichten und mal mit Bananenröckchen, mal mit Kochmützen aufzutreten, müssten eigentlich total durchgeknallte Performer sein, mit dem Mut zur Unverschämtheit, dazu jedoch waren die Gags zu brav und die Laufwege zu weit. Ausnahmen allerdings gab es: Herrlich, wie die Äbtissin Maria Regina am Fläschchen mit dem Aufputschmittel schnüffelt und abhebt, bis sie als gackerndes Huhn glatt ein Ei legt. Dagmar Hellberg spielt das mit Wucht und Wonne. Weniger gut klappte die vom Komponisten eigentlich sehr gewünschte Interaktion der Nonnen mit dem Publikum, etwa bei den eingestreuten bizarren Quizfragen - solche Direktansprachen funktionieren eben in Zimmertheatern am Besten, schon deshalb, weil sich dort keiner auf der Galerie verstecken kann.

Die Bühnenbildner Judith Leikauf und Karl Fehringer hatten einen Barockaltar zum Ausgangspunkt ihrer Inspiration gewählt und allerdings mit reichlich Trash behängt: Der einst sehr bekannte Muskelmann und Sandalenfilm-Held Steves Reeves ("Herkules") durfte auf einem Poster posen, der Heilige Sebastian sehr spärlich bekleidet ebenfalls. Die hier natürlich anzüglich gemeinte Bildunterschrift kam aus dem Johannes-Evangelium: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben." Putten schwebten unter Discokugeln, Halleluja!

© Marie-Laure Briane/Gärtnerplatztheater München
Bildrechte: Marie-Laure Briane/Gärtnerplatztheater München

Unter den Hauben: Die Nonnen

Für dieses Stück muss keiner katholisch sein, heißt es im Programmheft vom Komponisten persönlich. Überhaupt sei das Musical weder religiös, noch politisch, sondern nur komisch gemeint. Das alles stimmt zweifellos, doch dafür hätte die Fischsuppe, die hier eine so große Rolle spielt, weil sie fast das ganze Kloster dahingerafft hat, noch deutlich schärfer gewürzt sein müssen. Auch musikalisch hätten Andreas Partilla und seine Band ruhig noch etwas schräger ans Werk gehen können. So kam doch etwas Wehmut auf nach dem Schwung der "Sister Act", die ja von der Kinoversion her sehr bekannt ist und als kommerzielles Musical seit Jahren die Massen begeistert.

Dan Goggin übrigens wurde mal eine Nonnentracht geschenkt, deshalb kam er überhaupt auf die Idee für sein Singspiel, und er hat bereits etliche klein besetzte Fortsetzungen geschrieben. Irgendwann werden solche Stücke auch wieder den nötigen Rahmen finden, das intime Off-Theater, wo es auch mal zotig werden kann, wo geschmackliche Grenzen ausgelotet werden. Bis dahin müssen Kompromisse gemacht werden - und Regisseur und Intendant Josef Köpplinger ist das am Gärtnerplatztheater ganz gut gelungen.

Wieder am 23., 28. und 29. Mai 2021 am Gärtnerplatztheater München.

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