Der russische Präsident am Rednerpult
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Wladimir Putin beim Unternehmerkongress

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Putin über Deutschland: "Habe dort keine Freunde verloren"

Mit einem skurrilen Auftritt vor russischen Wirtschaftsführern sorgte Putin abermals für wenig schmeichelhafte Schlagzeilen. Es ging um Rüben-Export und Humor, der bei Deutschen und Russen ähnlich sei - jedenfalls, wenn es um Kakerlaken gehe.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

"Alle meine echten deutschen Freunde sind mir geblieben, wir machen ständig Witze", so Wladimir Putin vor russischen Unternehmensführern: "Wir nennen diese großen roten Kakerlaken bekanntlich 'Preußen', dort werden sie als 'Russen' bezeichnet. Das bestätigt den Witz, dass alles, was Russen gut finden, die Deutschen auf den Tod nicht ausstehen können." Das würden die Deutschen hoffentlich nicht "anstößig" finden, ergänzte Putin. Anlass für seine "Abschweifung" waren Bemerkungen eines Vertreters der russischen Automobilindustrie, der sich über die angeblich weitgehend überwundenen Schwierigkeiten mit den zerrissenen Lieferketten ausgelassen hatte.

"Vielleicht ist Gewissheit doch besser"

"Sie haben mir erzählt, dass Ihre Hauptpartner, bekannte deutsche Unternehmen, dauernd ängstlich auf den berühmten 'Prinzen' jenseits des Ozeans starrten", so Putin in seiner Antwort mit Blick auf die USA. "Verstehen Sie, das haben Sie mir selbst erzählt. Die ganze Zeit sorgten wir uns um die Reaktionen aus Washington und hatten Angst davor, den nächsten Schritt zu tun, und überlegten, wie wir irgendeine Lösung dafür finden, wie wir diesen Schritt gemeinsam tun könnten. Am Ende ging es so aus, wie es jetzt ist. Vielleicht ist eine solche Gewissheit doch besser."

In Aying auf der ersten Seite

Im bayerischen Aying allerdings hat Putin doch wohl Image-Probleme. Die "Deutsche Welle" hatte herausgefunden, dass sich der russische Präsident dort am 11. Oktober 2006 in das Goldene Buch der Gemeinde eingetragen hatte und wollte von Bürgermeister Peter Wagner (CSU) wissen, wie er heute dazu steht. Rückblickend sei der Eintrag zu bedauern, so der Kommunalpolitiker, noch dazu, weil das Buch seinerzeit extra für den Putin-Besuch angeschafft worden sei und sich der Präsident daher auf der ersten Seite verewigt habe.

Entfernen will Wagner den Eintrag allerdings nicht: "Die bayerische Staatsregierung suchte nach einem geeigneten Ort, um einen traditionellen bayerischen Abend für den russischen Präsidenten zu gestalten. Sie wollten nicht in München bleiben und beschlossen, etwas im Hinterland zu finden, aber nicht zu weit von der Hauptstadt entfernt. Bis Aying sind es etwa 25 Kilometer. Wir haben eine gute Gastronomie. Dieser Besuch wurde damals etwa ein Jahr lang vorbereitet."

"Rüben sind ein gutes Produkt"

In Dresden, wo Putin bekanntlich für den sowjetischen Geheimdienst KGB tätig war, hat er sich übrigens nicht ins Goldene Buch eingetragen, weil er bei seinem dortigen Aufenthalt als Staatsgast keinen Termin im Rathaus absolvierte. "Wenn es so einen Eintrag gäbe, wäre es nur ein historischer Beleg dafür, dass er hier war. Die Kategorien 'schlecht' oder 'gut' funktionieren hier nicht", wird der zuständige städtische Beschäftigte Kai Schulze von der "Deutschen Welle" zitiert.

Auf dem Unternehmerkongress irritierte Putin übrigens nicht nur mit seinen Bemerkungen zu deutschen Freunden. So behauptete er, westliche Politiker hätten den Konsumenten den Verzehr von Rüben statt Tomaten empfohlen: "Rüben sind ein gutes Produkt, aber für Rüben müssen Sie wahrscheinlich zu uns kommen, weil unser Ernteniveau das unserer Nachbarn in Europa deutlich übersteigt." Putin zitierte dabei laut offiziellem Text das Sprichwort: "Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein."

"Deshalb scherzte Putin fröhlich"

Mit solchen Bonmots habe Putin gewiss nicht die Gemütslage der Oligarchen getroffen, so das Exil-Portal "Agents", schließlich zitterten die Milliardäre um ihre Investments im Westen und wollten wissen, wie es mit den Sanktionen weitergehe. Es sei auch kaum einer von ihnen im Publikum gewesen. Außerdem brenne der Wirtschaft der Personalmangel auf den Nägeln: Viele Fachkräfte wurden einberufen. Putin sagte auch nichts zu den stark rückläufigen Öl- und Gaseinnahmen und schwieg sich auch darüber aus, dass die EU Grauimporte über die Türkei stoppen will.

Dagegen lobte der kremlnahe Politologe Sergej Markow die vermeintlich "heitere" Atmosphäre auf dem Kongress: "Die Geschäftsleute haben dem Sanktionsdruck standgehalten und warten jetzt auf Großaufträge des Staates im Bereich der Rüstungsindustrie und auf den Gebieten, in denen westliche Technologien ersetzt werden müssen. Deshalb scherzte Putin so entspannt. Und so lachten auch die Milliardäre fröhlich. Sie haben es überstanden."

"Sie können nur auf Putin setzen"

Der Publizist Leonid Wolkow hatte in der "Moscow Times" gefordert, die bisherige Sanktionspolitik zu überdenken, um russischen Oligarchen einen "Ausweg" zu ermöglichen: "Keiner aus Putins engstem Kreis hat Grund, ihm für den Krieg dankbar zu sein. Putins Freunde verloren Milliarden; ihre gewohnte Lebensweise wurde zerstört. Ihre Loyalität wird nur aus Angst und vor allem aus Mangel an Alternativen aufrechterhalten. Sie können nur auf Putin setzen: mit ihm gewinnen oder mit ihm verlieren. Eine Alternative dazu könnte das Regime destabilisieren. Darauf sollten die Sanktionen abzielen."

"Bisher sind Sanktionen One-Way-Ticket"

Die Sanktionen gegen rund 1.400 Personen hätten die Kreml-Elite bisher jedenfalls nicht "gespalten": "Denn der Eintrag in die Sanktionsliste ist bisher ein One-Way-Ticket. Jeder, der drauf steht, weiß, dass der einzige garantierte Weg, um wieder gestrichen werden, der Tod ist. Infolgedessen haben sanktionierte Personen das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, als an Bord von Putins Schiff zu bleiben, selbst wenn es sinkt." Ziel dürfe es jedoch nicht sein, "Menschen zu bestrafen", sondern es gelte, Putin zu schwächen. Ein "rechtlich und politisch" akzeptables Ausstiegsangebot sei daher nötig.

Putin hatte die Oligarchen bereits in seiner Rede zur Lage der Nation im Februar "mitfühlend" vor den angeblich "wölfischen" Verhaltensregeln des Westens in Schutz genommen und gesagt: "Der Versuch, mit ausgestreckten Händen abzuhauen, sich demütigen zu lassen, um Ihr eigenes Geld zu betteln, ist sinnlos und vor allem nutzlos, besonders jetzt." Auf dem Wirtschaftskongress wiederholt der Präsident diese Aussage. Alle Manager, die im Lande geblieben seien, lobte er als "klüger, energischer und effizienter" als die Emigranten: "Wissen Sie, ich kenne hier zahlreiche Leute seit vielen Jahren und habe von ihnen sehr oft gehört, im Ausland seien die Rahmbedingungen verlässlicher. Und jetzt?"

"Ja, eine solche Gefahr besteht"

Als er nach der Zahl der Berufsausbilder in Russland gefragt wurde, erwies sich Putin als nicht ganz "sattelfest" und nannte 500.000, wurde jedoch korrigiert, dass es nur rund 40.000 Pädagogen seien. Seine Reaktion: "Also sollte von der Summe, die ich genannt habe, eine Null weggestrichen werden. Es schien mir eine Dimension irgendwo unterhalb einer halben Million Menschen zu sein, die irgendwie an dieser Tätigkeit beteiligt sind."

Zu möglichen mittelfristigen Risiken für die Wirtschaft sagte er: "Ja, eine solche Gefahr besteht, wir müssen sie im Auge behalten. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir sie überwinden werden, denn das ist eine mittelfristige Perspektive, und ich fordere Sie dazu auf, nicht auf die negativen Folgen dieser mittelfristigen Perspektive zu warten: Um das zu verhindern, müssen Sie jetzt handeln." Dazu gehört für Putin offenbar, neue Nord-Süd-Verkehrsachsen in Richtung Iran zu schaffen, um die dortigen Hafenstädte erreichen zu können.

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