Der Präsident betrachtet Ausstellungsexponate, darunter eine Schädel-Replik

Putin und der Schädel: Besuch in Nowgorod

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    Putin-Rede über Russlands Historie: Bei Stalin ist er unsicher

    Putin-Rede über Russlands Historie: Bei Stalin ist er unsicher

    Zum 1160. Jahrestag der erstmaligen urkundlichen Erwähnung der späteren Hansestadt Nowgorod widmete sich der russische Präsident der Geschichte. Die sowjetischen Diktatoren klammerte er bei seiner Würdigung aus - dafür sei die Zeit noch nicht reif.

    Die Ursprünge der russischen Nationalgeschichte sind legendenhaft: Angeblich eroberten im Jahr 862 Wikinger die damals junge Siedlung Nowgorod, die später zum Kern der Staatlichkeit der Kiewer Rus und zur wichtigsten Handelsstadt der Region wurde. Aus diesem "unrunden" Anlass hielt Wladimir Putin vor Ort eine Rede über Geschichte und Gegenwart seines Landes, die voller "widersprüchlicher", aber wegweisender Persönlichkeiten sei. Bei seiner Aufzählung der Heldinnen und Helden erwähnte er neben vielen anderen die Zaren Iwan den Schrecklichen und den "Bauernbefreier" Alexander II., den Feldherrn Alexej Brussilow, den Dichter Alexander Puschkin und den Kosmonauten Juri Gagarin.

    "Noch nicht genug Zeit verflossen"

    Doch drei Namen hat Putin nach eigener Aussage auf seiner "Ruhmes"-Liste "gestrichen": den Zaren Nikolaus II., der Russland in den Ersten Weltkrieg führte und später von den Bolschewisten erschossen wurde, sowie die beiden kommunistischen Diktatoren Lenin und Stalin. Grund für Putins Unsicherheit sind aber nicht etwa die Schandtaten dieser Personen, die Millionen Tote auf dem Gewissen hatten, sondern einzig und allein der mangelnde zeitliche Abstand : "Allem Anschein nach ist aus historischer Sicht noch nicht genug Zeit verflossen, um [über diese Personen] objektive Einschätzungen zu geben, die nicht von der aktuellen politischen Konjunktur abhängen."

    Russland sei häufig von "grausamen Invasionen" und inneren Konflikten betroffen gewesen, so Putin: "Doch jede dieser schwierigen Perioden endete stets mit der Wiedergeburt des Vaterlandes. Die heldenhaften Generationen unseres Volkes überwanden Not und Widrigkeiten, überwanden alle Prüfungen, bauten die Größe unseres Vaterlandes auf und vervollkommneten sie, und ihre Namen wurden mit Ruhm bedeckt." Der Präsident wagte nicht nur wie Shakespeares Hamlet einen Blick auf ausgestellte Schädel-Repliken, sondern auch in die "Tiefe der Jahrhunderte", in denen Russland zur "Weltmacht" geworden sei.

    "Immer nur frei und unabhängig"

    "Patriotisch zu sein, gehört zum Wesen und Charakter des russischen Volkes", so Putin, der auch umgehend auf den Angriffskrieg zu sprechen kam, für den er neuerdings die "Reserven" mobilisierte: "Jetzt, im Verlauf der speziellen Militäroperation, zeigen unsere Helden, Soldaten und Offiziere, Freiwillige, genau diese höchsten menschlichen Qualitäten, sie kämpfen tapfer, Schulter an Schulter, wie Brüder, um die Menschen im Donbass zu retten, um einen friedlichen Himmel für unsere Kinder und Enkelkinder zu schaffen, um unser Heimatland zu schützen, das immer nur frei und unabhängig sein wird."

    Abermals zitierte Putin sein neues Lieblingswort "Souveränität", worunter er wohl vor allem die eigene Macht versteht, denn die Freiheit, die er ebenfalls gern im Munde führt, gilt in Russland ja nur noch für Menschen, die seine Politik gutheißen. So sagte Putin denn auch, er wolle das Land mit denen aufbauen, die seine "Vorstellungen von einer gleichberechtigten und für beide Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit" teilten: "Unsere Zivilisation ist einzigartig, sie ging ihren eigenen Weg, ohne jedwede Eitelkeit oder ein Gefühl der Überlegenheit. Diese Zivilisation gehört uns, das ist das Wichtigste für uns."

    "Alles beschlagnahmen"

    Kreml-Sprecher Dmitri Peskow beeilte sich mitzuteilen, dass Putin der Auftritt in Nowgorod wichtiger sei als die Rede von US-Präsident Joe Biden vor der UNO-Vollversammlung zu verfolgen. Über den Hang von Putin zur russischen Geschichtsdeutung wurde bereits viel spekuliert. Unbestritten ist, dass er sich lieber mit Zar Peter dem Großen vergleicht als mit den sowjetischen Führern und gern seinen Anteil zur "nationalen Wiedergeburt" beitragen würde, weil er den Untergang des damaligen Vielvölker-Imperiums 1991 als "große Katastrophe" sieht.

    Während des Treffens mit dem Präsidenten verwies der Gouverneur der Region Nowgorod, Andrej Nikitin, übrigens darauf, dass es in der Stadt viele Kulturdenkmäler gebe, die ausländischen Eigentümern gehörten: "Die halbe Stadt gehört Bürgern anderer Staaten. Warum tun Sie nichts dagegen?" Putin antwortete, es müssten gesetzliche Fristen eingehalten werden, aber wenn die abgelaufen seien, sei es "einfach", alles zu "beschlagnahmen".

    Den musikalischen Rahmen bildete Sergej Prokofjews siebenteilige Kantate "Alexander Newski", die für den gleichnamigen Film von Sergej Eisenstein entstand. Sie wurde im Mai 1939 erstmals in Moskau aufgeführt. Es geht darin um den Kampf der Russen gegen die Schweden und den Deutschen Orden zu Lebzeiten von Newski (1221 - 1263), als die Staufer in Deutschland tonangebend waren.

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