Der Priester vor der Dreifaltigkeits-Ikone
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Rauswurf als Kunstexperte: Leonid Kalinin

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"Putin fühlt sich gesalbt": Russland streitet über Ikone

Gegen den Widerstand von Kunstexperten sorgte Putin dafür, dass die wertvollste russische Ikone aus der Tretjakow-Galerie in eine Kirche überführt wurde: Setzt der russische Präsident inzwischen auf "Magie"? Politologen halten das für möglich.

Über dieses Thema berichtete BR24 am .

"Anscheinend habe ich einen Fehler gemacht", sagte der Priester und Kunstexperte Leonid Kalinin der russischen Nachrichtenagentur TASS nach seinem Rauswurf als Vorsitzender des Expertenrats der Russisch-Orthodoxen Kirche für Kirchenkunst, Architektur und Restaurierung. Patriarch Kyrill, das Kirchenoberhaupt, hatte ihn entlassen, weil er angeblich die vom Kreml erzwungene Überführung einer wertvollen Ikone aus der Tretjakow-Galerie in eine Kirche "behindert" habe: "Ich kommentiere die Entscheidungen meiner Führung nicht. Wenn eine solche Entscheidung getroffen wurde, bedeutet das, dass sie durchdacht war. Deshalb nehme ich es ruhig hin und bitte um die Gebete aller, die mich lieben und kennen. Ich versuche es immer so zu halten", so Kalinin.

"Alle notwenigen Maßnahmen erarbeitet"

Die Ikone "Dreifaltigkeit" von Andrej Rublew (1360 - 1430) aus dem 15. Jahrhundert gilt wegen ihres schlechten Zustandes als hochgradig gefährdet. Kunstexperten hatten dringend davon abgeraten, die kostbare Pretiose aus ihrem derzeitigen Aufbewahrungsort in der Tretjakow-Galerie zu entfernen. Sie drohe auseinanderzufallen, die Farben seien teilweise bereits abgeplatzt. Das beeindruckte den Kreml allerdings nicht: Er setzte durch, dass das Werk zum 4. Juni "auf Drängen zahlreicher Gläubiger" pünktlich zum orthodoxen Dreifaltigkeitsfest in die "Christ-Erlöser-Kathedrale" in Moskau überführt wird. Patriarch Kyrill hatte erklärt, die Ikone nur für "zwei Wochen" ausleihen zu wollen, doch laut Kreml soll sie dauerhaft im Kirchenraum bleiben.

Das russische Kulturministerium stellte klar, dass angeblich "alle notwendigen Maßnahmen erarbeitet" worden seien, "um die Sicherheit des alten und besonders wertvollen historischen und kulturellen Denkmals zu gewährleisten". Nach der Ausstellung in der Christ-Erlöser-Kathedrale werde die Ikone einem "geplanten Restaurierungs- und Konservierungsprozess unterzogen".

"Das ist eine magische Anrufung"

Der massive Streit zwischen Restauratoren und Kirche machte in Russland jede Menge Schlagzeilen. Propagandisten wie der kremlnahe Politologe Sergej Markow witterten "Westler, Atheisten und Protestanten", die versuchten, die von Putin gewünschte Überführung zu hintertreiben. Mit Blick auf den entlassenen Kalinin bemerkte Markow, der "Verrat" sei mittlerweile auch in den Klerus eingedrungen. Auch im Kulturministerium seien "überwiegend ausländische Agenten" an der Macht.

Es kam zu einem Tauziehen zwischen Museumsleuten, dem Kreml, dem Patriarchen und den russischen Medien, das sie Frage aufwarf, warum Putin persönlich die Überführung der Ikone in einen sakralen Raum derart wichtig ist. Sergej Tschapnin, Experte für orthodoxe Kirchenkunst in New York, sprach in einem Interview von einem "Drama in fünf Akten". Die Ikone sei überhaupt erst seit der Jugendstil-Ära, also seit dem frühen 20. Jahrhundert derart berühmt. Der zweite Aspekt sei eine Art "Sühneopfer", das Putin erbringen wolle, damit "Gott ihm helfe": "Das ist eine magische Anrufung, die mit der höchsten politischen Macht verbunden ist."

"Putin fühlt sich auserwählt"

Im "symbolischen Raum", in dem Putin lebe, sei eine "magische Vorstellung vom Wesen der Macht als solcher" entstanden: "Er fühlte sich auserwählt, gesalbt, es regte sich in ihm ein Gefühl für seine Mission. Er reiste zu 'Kraftorten'. Bei Putin geht es nicht um Religion, sondern um absolute Macht, die über allen religiösen Traditionen steht. Gleichzeitig ist er aber auch ein Staatsmann, und er braucht verschiedene Konzerne, die für alle wichtigen Arbeitsbereiche verantwortlich sind. Es gibt Rosatom, [den Ölkonzern] Rosneft und es gibt RosPTs, ein Unternehmen, das für das Spirituelle, für die richtigen Gebete verantwortlich ist. Und wenn es darum geht, die Götter im großen Stil zu besänftigen, kann das nicht außerhalb des Rahmens der entsprechenden Körperschaft geschehen, es ist unmöglich, die Russisch-Orthodoxe Kirche und den Patriarchen nicht einzubeziehen."

"Patriarch kommt auf den Geschmack"

Patriarch Kyrill habe Putins Neigung zur Magie ausgenutzt und den "Feuervogel beim Schwanz" gepackt, also die günstige Gelegenheit genutzt, so Tschapnin, ungeachtet der Bedenken der Restauratoren und seines eigenen Fachmanns Kalinin: "Kyrill kopiert ständig – freiwillig oder unfreiwillig – den Staat. Er sieht, dass sich im Staat das Schwungrad der Repression dreht. So sollte es seiner Meinung nach auch in der Kirche sein. Schon früher war bekannt, dass der Patriarch in seiner Wut schrecklich ist. Und jetzt hat er aufgehört, sich irgendwie zurückzuhalten und will willkürlich bestrafen und verzeihen. Ich denke, die Priester und sogar die Bischöfe der Russisch-Orthodoxen Kirche sollten sich darauf vorbereiten – der Patriarch kommt offensichtlich auf den Geschmack."

"Möglicherweise ist Feind mystisch stärker"

Ähnlich sieht es der Kunstexperte Andrej Kurajew in einem Gespräch mit dem "Insider", einem russischsprachigen Exil-Medium. Er verwies darauf, dass viele Diktatoren, einst auch Adolf Hitler, empfänglich seien für "magische" Rituale und Objekte, die sie vermeintlich "unbesiegbar" machten: "Am Ende werden wir in die Zeit des Zaren Alexander zurückversetzt, der aufrichtig davon überzeugt war, dass die militärische Macht des Moskauer Staates davon abhing, wie viele Reliquien er auf seinem Territorium anhäufen konnte."

Es sei so weit gekommen, dass er den Eid gebrochen habe, den er den Mönchen vom Berg Athos geleistet hatte: "Er bat sie, ihm einen Splitter vom Kreuz des Herrn zur vorübergehenden Aufbewahrung zu geben. Die Mönche gaben es ihm, und dann weigerte sich der König, es zurückzugeben, und brach damit sein Wort. Denn seiner Meinung nach ging es um die nationale Sicherheit. Wenn es in Moskau keinen solchen Schrein gibt, bedeutet dies, dass der Feind möglicherweise mystisch stärker ist."

"Patriarch gibt Erzengel Michael Anweisungen"

Womöglich hätten Kirchenmänner Putin an solche Aspekte der russischen Geschichte "erinnert": "Daher die Idee, die Hauptkirche der russischen Armee mit sehr seltsamen Symbolen und seltsamen Relikten wie Hitlers angeblicher Uniformmütze und vielem mehr auszustaffieren. Und die Heiligen, die zu Schutzpatronen verschiedener Militäreinheiten und Militärzweige ernannt werden. Außerdem klingt es so lustig, wenn der Patriarch dem Erzengel Michael vorgibt, welche Truppen der erleuchten soll. In patriarchalen Predigten ist auch immer wieder zu hören, dass diese oder jene Ikone der russischen Armee in dieser oder jener Schlacht den Sieg bescherte."

Putin habe in gewisser Weise den Appetit der Kirche angeregt, meint Andrej Kurajew: "Es ist klar, dass in dieser Hinsicht die Begierden der Kirche und des Patriarchats grenzenlos sind. Nach dem Motto: Alles, was jemals irgendwie als unser Eigentum galt, nehmen wir uns jetzt. Die große Frage ist, was 'unser' bedeutet, denn es gab Zeiten, in denen die Kirche staatlich war und es daher im Großen und Ganzen keinen Unterschied zwischen Staatseigentum und Kircheneigentum gab. All das wurde mit Staatsgeldern, königlichen und fürstlichen Spenden geschaffen." Allerdings hätten Klöster und Kirchen in alter Zeit eher als russische "Spardosen" gegolten, aus denen die Mächtigen bei Bedarf, etwa in Kriegszeiten oder bei Hungersnöten, beliebig Kostbarkeiten wie Edelmetalle entwendeten, um sich über Wasser zu halten.

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