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Der Film "Push" stellt die Frage nach dem Grundrecht auf Wohnen | BR24

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Wohnraum ist zum Luxusgut geworden. "Push" begleitet eine UN-Sonderberichterstatterin, die weltweit den krassesten Fällen von Wohnraum-Spekulation und Raubtier-Kapitalismus nachspürt.

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Der Film "Push" stellt die Frage nach dem Grundrecht auf Wohnen

Die Mieten werden immer unerschwinglicher - und das global. Dabei gibt es ein Menschenrecht auf Wohnen, festgeschrieben in Artikel 11 des UN-Sozialpakts. Dem geht der Filmemacher Fredrik Gertten nach - sein Dokumentarfilm läuft jetzt im Kino.

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24 Etagen, knapp 70 Meter brannten am 14. Juni 2017 in London ab. Wenige Minuten reichten aus, dann waren die Flammen von einem Stockwerk zum nächsten geklettert und bald stand der gesamte Grenfell Tower in Flammen. Die Bilder der brennenden Sozialwohnungen gingen damals um die Welt und mit ihnen die Frage, ob dieser Brand nicht hätte verhindert werden können, wenn, ja wenn nur etwas mehr Geld ausgegeben worden wäre für die Ärmeren in diesem reichen Viertel Londons. Für Leilani Farha ist der brennende Tower ein Symbol unserer Zeit. Sie ist UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen. Sie ist die Identifikationsfigur im Dokumentarfilm "Push" – denn der Zuschauer folgt nicht etwa denen, die auf der ganzen Welt aus ihrem Zuhause, ihrem Stadtteil verdrängt werden, sondern ihr.

Veränderung von Städten und Vierteln

Man sieht, wie sie um die Welt reist und Städte besucht, deren Gesicht sich gerade radikal verändert: In Toronto zum Beispiel steht sie neben Menschen, die sich ihre Wohnungen mit Mäusen und Kakerlaken teilen. In Notting Hill lässt sie sich erzählen, wie familiär das Viertel einmal gewesen sei, jeder habe jeden gekannt. Heute flanieren hier vor allem Touristen – posieren vor der blauen Tür aus "Notting Hill", dieser romantischen Komödie, die wohl nur ein Grund dafür ist, dass Investoren das Viertel für sich entdeckten. Dann steht sie in Valparaíso, Chile, wo gerade ein Krankenhaus abgerissen wurde, man brauchte schließlich Platz für Luxuswohnungen.

Die Reise einer Einzelkämpferin

Gegen diese Entwicklungen – Entwicklungen überall auf der Welt – kämpft die Anwältin. Und sie weiß, dass es mehr als Fakten, mehr als juristisches Geschick braucht, um den Kampf zu gewinnen: Es braucht Emotionen. Wie also, fragt sie einen Kollegen vor einem ihrer vielen Vorträge, wie könne sie sich Gehör verschaffen? Regisseur Fredrik Gertten lässt den Zuschauer an einer Heldenreise teilnehmen: An der Reise einer mutigen Anwältin, die für das Gute kämpft und dabei ausgesprochen einnehmend und rhetorisch gewandt ist. An der Reise einer Einzelkämpferin, die sich mit gesichtslosen Immobilienhaien anlegt, die Staaten an ihre Verpflichtungen erinnert und hin und wieder – auch das: perfekt für jeden Identifikationswilligen – vor der Größe der eigenen Mission erschrickt.

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Die Mieten werden immer unerschwinglicher - und das global. Dabei gibt es ein Menschenrecht auf Wohnen, festgeschrieben in Artikel 11 des UN-Sozialpakts. Dem geht der Filmemacher Fredrik Gertten nach - sein Dokumentarfilm läuft jetzt im Kino.

Emotion als Werkzeug

Vielleicht ist dieses die wahre Lektion dieses aufschlussreichen und ja, emotional packenden Filmes: Es ist nicht nur an der Zeit, ernsthaft für die Stadt und ihre Bewohner zu kämpfen. Es ist auch an der Zeit, sich wieder mit Fakten zu beschäftigen: mit unspektakulär aussehenden Grafiken über die Entwicklung der Mietpreise zum Beispiel. Mit der Analyse einer US-amerikanischen Soziologin, die daran erinnert, dass die Wut auf hippe Cafés, die traditionelle Kieze verändern, fehlgeleitet ist, weil das Problem viel tiefer liegt. Oder mit den Zielen von Investmentgesellschaften, die Wohnungen im Stadtraum leer stehen lassen. All das sollte uns wachrütteln – nicht weniger als Bilder von brennenden Towern, die so gut passen in eine über-emotionalisierte Gesellschaft.

"Push - das Grundrecht auf Wohnen" des schwedischen Regisseurs Fredrik Gertten läuft ab 6. Juni in den deutschen Kinos.

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