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Der dichtende Anarch: Warum Pumuckl beliebt ist wie eh und je | BR24

© Audio: BR / Bild: Ellis Kaut - Barbara von Johnson/Infafilm GmbH Manfred Korytowski, Pumuckl Media GmbH & BR/dpa

Der dichtende Anarch: Pumuckl

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Der dichtende Anarch: Warum Pumuckl beliebt ist wie eh und je

Heute wäre Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut 100 Jahre alt geworden, der Kobold hat auch schon 58 Jahre auf dem Buckel. Warum er trotzdem von Kindern noch immer geliebt wird, erklärt die Literaturwissenschaftlerin Susanne Helene Becker im Gespräch.

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Wäre Pumuckl ein Wirtschaftswunder-Käfer, müsste man sagen, er läuft und läuft und läuft: im Hörfunk, im Fernsehen, restauriert und digitalisiert auch in der ARD Media- und Audiothek. Ein kleines Wunder, denn eigentlich verändern sich die Gesellschaften – und mit ihr die Kinder – doch laufend. Barbara Knopf hat mit der Literaturwissenschaftlerin Susanne Helene Becker von der Humboldt-Universität in Berlin, lange Jahre auch Jury-Vorsitzende des Deutschen Jugendliteraturpreises, über den Reiz der Anarchie gesprochen.

Barbara Knopf: "Geistwesen altern nicht, sie bleiben ewig jung." Das hat die Illustratorin des Pumuckl gesagt, Barbara von Johnson. Stimmt das denn? Gilt auch heute noch, dass Kinder Botschaften vom Pumuckl aufgreifen?

Susanne Helene Becker: Naja, Botschaften sind eigentlich nicht so sein Ding, es sei denn er predigte Anarchie. Er ist eigentlich das personifizierte Es, wenn man an die Persönlichkeitsanteile nach Freud denkt. Was ihm gerade in den Sinn kommt, das macht er, also Triebaufschub ist etwas, was er überhaupt nicht kennt oder mag. Heute ist das vielleicht nicht so ein wichtiges Erziehungsziel, aber das ist etwas, was ein Kind lernen sollte. Es muss lernen, dass ein Bedürfnis, das es hat, nicht jederzeit sofort zu erfüllen ist. Wenn man dann von jemandem liest, der das nicht akzeptiert, ist das wie ein kleiner Erholungsurlaub. Man kann dann auch sagen: Genau. Ich mache, was ich will! Wenn ich Schokolade essen will, dann finde ich schon einen Trick, um an meine Schokolade zu kommen. Und wenn ich nicht aufräumen will, dann räum ich auch nicht auf. Es ist etwas Lustvolles für Kinder, dieses anarchische Element zu erleben.

Bei Ihnen klang aber jetzt schon an, dass möglicherweise die Erziehungsziele sich etwas geändert haben?

Die größte Freude an solchen anarchischen Figuren hat man, wenn man Grenzen kennt. Wo keine Grenzen gesetzt werden oder nur sehr wenige, kann es keine Anarchie in diesem Sinne geben. Ein plumpes Beispiel: Wenn ich sowieso weiß, ich bekomme meine Schokolade, wenn ich an der Supermarktkasse rumquengele, dann ist das überhaupt nicht so lustig mit dem anarchischen Pumuckl, dann ist das ja eher Alltag.

Thematisiert Kinderliteratur heute andere Grenzüberschreitungen? Oder ist es gar kein Thema mehr?

Doch, auf jeden Fall. Selbst wenn die Erziehungsziele sich geändert haben, bedeutet das Leben in einer Gesellschaft wie der unseren noch immer, dass ein Kind viele Sachen nicht haben oder erleben kann. Es bedeutet, dass ein Kind viele Gefühle hat, zum Beispiel die Nase von den Erwachsenen so richtig voll zu haben. So wie zum Beispiel Maulina Schmitt von Finn-Ole Heinrich. Die heißt Maulina, obwohl sie eigentlich Paulina heißt, weil sie das Maulen zur Kunst erhoben hat. Sie ist wahnsinnig unzufrieden darüber, dass der Mann – Vater nennt sie ihn nicht mehr – die Familie verlassen hat, wie sie glaubt. Solche Figuren, die sich einfach nicht darum scheren, dass andere sie nicht leiden können, wenn sie maulig ist, zeigen Kindern, wie sie mit Gefühlen umgehen können. Und das kommt nicht so leicht aus der Mode. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass das lesende oder zuhörende Kind spürt, dass im Pumuckl auch die Geschichte von einem einsamen Mann erzählt wird. Denn Meister Eder ist eigentlich ziemlich froh über den Pumuckl. Das wiederholt sich komischerweise hauptsächlich in männlichen Paarbeziehungen: Petterson und Findus, Herr Taschenbier und sein Sams...

Gibt es dann trotzdem Helden und Heldinnen? Brauchen Kinder die auch?

Offenbar schon. Wenn ich mir die Titel vor Augen halte von Erfolgsbüchern – ich sag mal bewusst nicht nur Klassiker, sondern von Long- und Bestsellern –, dann hören Sie in der Kinderliteratur doch praktisch immer Namen: Harry Potter, Emil und die Detektive, Heidi…

… Pippi Langstrumpf…

Genau. Kinder brauchen Helden und Heldinnen und genießen diese Geschichten, weil sie sich dann selbst mächtiger fühlen können. Das sind Omnipotenzvorstellungen, also die Vorstellung, groß und wichtig zu sein und Macht zu haben: Um Schabernack zu treiben, so wie in der Klabauter-Tradition. Oder um weise zu sein, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Also auch Heilsbringerfiguren wie zum Beispiel Harry Potter.

Heute gibt es sehr viel Konkurrenz von anderen Medien, Kinder arbeiten schon sehr früh auf Tablets, es gibt interaktive Geschichten. Wirkt sich das aus? Ist trotzdem noch Raum für Anarchie da, für Grenzüberschreitungen oder verändert sich was bei den Kinderbüchern?

Also, das würde ich so nicht sagen, weil die Medien selbst nicht bestimmen, welchen Inhalt sie haben. Ich kann auch auf dem Tablet eine Pumuckl-App haben. Oder ich kann natürlich in die Mediathek gehen und diese Filme ansehen. Wenn Kinder lernen, Geschichten selbst zu erzählen oder auch zu programmieren, mit Scratch oder ähnlichen Programmen, dann können sie jede Geschichte, die sie wollen, kreieren. Das heißt, bestimmte Themen, Motive, Inhalte, Settings können ja in jedem Medium erzählt werden. Aber was einen großen Unterschied macht und vielleicht einen großen Reiz für Kinder heute ausmacht, sind die Veränderungen von Erzählstrategien. Der Erzähler im Pumuckl ist mehr oder weniger ein Erwachsener, ein auktorialer Erzähler, der genau Bescheid weiß. Während hingegen die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur – manche sprechen auch von einer postmodernen Kinderliteratur – hauptsächlich kindliche Ich-Erzähler hat. Die Kinder erzählen selbst. Das ist so bei "Rico und Oskar" von Andreas Steinhöfel – Rico tiefbegabt, Oscar hochbegabt –, auch so ein Duo, das die Welt zusammen anders sieht. Auch wenn das Wort ein bisschen abgenutzt klingt, würde ich doch sagen: Es ist die authentische Stimme des Kindes, nicht die Stimme des Erwachsenen-Erzählers, der mitbestimmt, was Kinder jetzt denken sollen, wenn sie das lesen. Das führt zu erzählstrategischen Wagnissen. Diese Ich-Erzähler sagen, wie sie die Dinge sehen. Und der Leser stellt erst später fest, oh, das ist aber vielleicht eine unzuverlässige Erzählerin oder ein Erzähler! Ich habe gedacht, sie hätte Recht, aber das ist ja gar nicht so. Und insofern fände ich es spannend, wenn der Pumuckl selbst erzählen würde.

© Matthias Schrader/dpa/dpa-Bildfunk

Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut

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