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So verwandeln sich Maschinengewehre in Stahlskulpturen | BR24

© Rudolf Schmitz / Audio: BR

Instrumentarium des Schreckens – Pedro Reyes macht aus Maschinen-Gewehren Kunst

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So verwandeln sich Maschinengewehre in Stahlskulpturen

'Return To Sender' nennt der mexikanische Bildhauer Pedro Reyes eine Schau seiner Stahlskulpturen. Er hat beschlagnahmte Maschinengewehre aus dem Drogenkrieg, die für Grausamkeit und Tod stehen, zweckentfremdet – zu sehen im Basler Museum Tinguely.

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Augenblicklich ist man fasziniert von diesen fragil martialischen Skulpturen, die da vor sich hin summen, leise glucksen oder eruptiv auftrumpfen. Spinnenartige Gewächse aus Metall, aus zurechtgeschweißten Magazinpistolen. Harfenähnliche Konstrukte mit Bögen aus Magazinteilen und Pistolenfüßen, die sich in den Boden krallen. Und wenn die Klöppel eines Xylophons auf abgesägte Gewehrläufe schlagen, dann begreift man endgültig, dass hier ein anklägerisches Waffenorchester ertönt. Die einzelnen Solisten tragen bei zu einer 10-stündigen Komposition, die wie ein Perpetuum mobile vor sich hin werkelt.

Orchester Immobile

Aber was hat die Schaufel an der Ausstellungswand zu suchen? Sie stammt von einem Projekt, das Pedro Reyes im Jahr 2008, mit internationaler Aufmerksamkeit, anging. Das habe er realisiert, sagt Roland Wetzel, Direktor des Museum Tinguely, indem er einen Aufruf, ein Zeitungsinserat, in Mexico City geschaltet habe. Inhalt: Er suche Waffen, für die die Leute, die sie abgaben, Lebensmittelgutscheine erhielten. Zu guter Letzt hatte Reyes dann 1.500 Waffen bekommen. Diese ließ er einschmelzen und stellte daraus Schaufeln her, mit denen sich Bäume pflanzen ließen.

Wenn man dabei unwillkürlich an Joseph Beuys denkt, so ist diese Assoziation für Museumsdirektor Roland Wetzel durchaus in Ordnung. Der 1972 geborene Mexikaner Pedro Reyes versteht sich in der Tradition der "Sozialen Plastik".

Reyes ist ein Künstler, erklärt Tinguely-Direktor Wetzel, der in Mexiko überaus bekannt ist. Weil er wirklich immer mit den Menschen, den Leuten von der Straße zusammenarbeite: Da bekommt der Begriff 'Soziale Plastik' eine ursprüngliche Bedeutung. Es ist Reyes ein großes Anliegen, nicht nur Waffen als Musikspieldosen zu zeigen, sondern wirkliche, gesellschaftliche Impulse, Transformationsprozesse anzuregen.

© dpa/KEYSTONE

Waffen, die dem Equipment einer Band ähneln

Die in Basel gezeigte Werkgruppe "Disarm", also "Entwaffnen", aus umgeschmolzenen, zerhackten, verwandelten Waffen, die bei Drogenkriegen beschlagnahmt wurden, wirkt mexikospezifisch. Wir alle verbinden damit die unfassbaren Gewalttaten, mit denen Revierkämpfe von Drogendealern ausgetragen werden. Doch der Künstler selbst, per Videoschalte anwesend, versteht das Thema "Waffengewalt" durchaus als globales Phänomen. Und seine Ausstellung "Return to Sender" soll nicht nur amüsantes Musiktheater sein, sondern politische Anklage. Pedro Reyes will der Waffenindustrie die Verantwortung fürs Morden, für weltweites Leid und Elend zurückgeben.

Industrienationen und Waffenhersteller tragen die Verantwortung

"Wir können dieses Problem nicht alleine lösen", argumentiert der mexikanische Künstler. Wichtig sei vor allem eine Veränderung der Kultur: Die Industrienationen, die Waffen im großen Stil herstellen, müssten sich endlich ihrer Verantwortung bewusst werden. Ihnen müsste klar sein, so Reyes weiter, dass sie es sind, die das grenzenlose Leid und die permanenten Todesdrohungen verursachen. Das höre sich vielleicht radikal und naiv an, aber radikale Probleme verlangten nun einmal radikale Lösungen.

© dpa/KEYSTONE

Höllenmaschine oder Gewehrlauf-Metallophon?

Wenn man dann vom Künstler erfährt, dass 64 Prozent aller weltweit produzierten Schusswaffen von Privatpersonen in den USA gekauft würden, dann versteht man, wie bitter nötig der kulturelle Wandel ist.

Die Installation „Return to Sender“ jedenfalls liefert den absurden Soundtrack zur globalen Misere, lässt die spinnenartige Ausbreitung von Gewalt und Blutvergießen in die Ohren kriechen. Das Verursacherprinzip auf die Waffenindustrie anwenden: ein Gedanke, wie ihn vielleicht nur ein Künstler denken kann: ein entwaffnender Gedanke ...

"Return To Sender" von Pedro Reyes – bis 15. November 2020 im Museum Tinguely, Basel.

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