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Psychologe: Lockdown empfinden viele als "paradiesisch" | BR24

© Audio: BR/ Bild Oliver Berg/Picture Alliance

Die Veranstaltungsbranche hat in Wiesbaden zu einem digitalen Treff der Veranstaltungsbranche geladen

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Psychologe: Lockdown empfinden viele als "paradiesisch"

Bei einer digitalen Konferenz der Veranstaltungsbranche sprach der Kölner Therapeut und Bestseller-Autor Stephan Grünewald von einer polarisierten Gesellschaft: Die einen seien in der Pandemie "zermürbt", andere bereit, "ihr Leben zu vertagen".

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Von
  • Peter Jungblut

Richten sich manche wohlig ein in ihrer Corona-Lethargie? Der Kölner Psychologe Stephen Grünewald schlug zum Auftakt einer digitalen Konferenz der Veranstaltungsbranche unter dem Titel "Pfade in die Zukunft" regelrecht Alarm. Der Mitbegründer des "rheingold"-Instituts in Köln, das regelmäßig "Tiefeninterviews" zur Lage der Gesellschaft durchführt, verwies darauf, dass ein Teil der Bevölkerung nach dem monatelangen Lockdown in einer "anarchischen Resignation" und zermürbt sei. Diese Menschen hätten den Glauben verloren, durch Eigenverantwortung noch irgendetwas bewegen zu können, so Grünewald, der auch als Bestseller-Autor bekannt ist ("Die erschöpfte Gesellschaft"). Er sprach von einer "Gesellschaft der Dichtmacher und Querdenker" und will eine scharfe Polarisierung beobachtet haben. "Dichtmachen" entziehe der Gesellschaft jedoch auf Dauer die "soziale Lebensgrundlage".

Droht die "inzestuöse Selbstgenügsamkeit"?

Demnach "dramatisierten" die Medien derzeit zwar den Leidensdruck von betroffenen Menschen, doch keineswegs alle Bürger empfänden das so: "Was wir erleben, wird von einem Teil der Bevölkerung gar nicht als Drangsal, als Leid erlebt, sondern als Zustand, der dem Leben eine neue Überschaubarkeit, eine neue Verlässlichkeit, eine neue Vertrautheit gibt." Diese Menschen würden nach dem "China-Diktat" und dem "Lock-Lockdown" rufen, also einer Verschärfung das Wort reden: "Leben in einem eingeschränkten Kreis muss für viele nicht die Hölle sein, sondern ist für die ein paradiesischer Zustand und kann, wenn diese Fraktion sich durchsetzt, zu einer fast inzestuösen Selbstgenügsamkeit führen."

Als Psychologe werde er immer hellhörig, wenn bei Problemen von einer "Endlösung" oder einem "Endsieg" die Rede sei. Das Virus komplett auszulöschen, sei aus seiner Sicht ein "Absolutheitsanspruch", der in der Mitte Europas nicht einlösbar sei: "Wir werden mit dem Virus leben müssen." Da seien "Maß und Mitte" gefragt. Er wünsche sich mehr "pragmatischen Geist", so Grünewald, mehr "Mut zum Experiment", der jederzeit bereit sei, sich zu korrigieren. Das sei etwas anderes als eine Gesellschaft, die sich in ihrer Selbstgenügsamkeit "verbunkere". So sei jede Messe, im kirchlichen wie im weltlichen Sinne, eine Gelegenheit, über den Tellerrand zu schauen.

© Peng Ziyang/Picture Alliance

Rigorose Maßnahmen: Kind wird in China getestet

Der Sinologe und "Exhibition Doctor" Udo Träger, der seit zwanzig Jahren Messen in Sachen Nachhaltigkeit berät, war als Experte geladen, um darüber zu sprechen, was asiatische Länder im Umgang mit der Pandemie möglicherweise "besser" machten. Seine Antwort: "Was ist anders? Rigorose Maßnahmen, rigorose Einreisebeschränkungen, handybasierte Ortungssysteme, um Infektionsketten zu verfolgen, umfassende Tests, fertige Notfallpläne schon basierend auf früheren Pandemien, vorhandene Ausrüstung, also es musste nicht erst nach Masken gesucht werden und Einkäufe getätigt werden. Effiziente Gesundheitssysteme."

In manchen Ländern sind Masken "modisches Accessoire"

Auch das aggressive Marketing und das Hygiene-Management von Stadtstaaten wie Singapur und Hongkong sei anders. Wer in Hongkong Messen mit mehr als 1.200 Quadratmetern anmelde, bekomme das Gelände kostenlos. Dasselbe gelte für Konferenzen mit mehr als 400 Teilnehmern, wenn die Hälfte davon aus dem Ausland anreise. Auch Singapur wolle ab März wieder ins Messegeschäft einsteigen und subventioniere massiv die Werbemaßnahmen dafür.

In Asien sei das Maskentragen "kein Zeichen von Schwäche", es werde auch nicht zum Anlass genommen, darüber zu "politisieren": "Wer das nicht macht, verhält sich unsozial, unverantwortlich oder sogar gefährlich und wird entsprechend missbilligend wahrgenommen." Frühere Pandemien und die Luftverschmutzung hätten dazu geführt, dass Masken im Straßenbild schon lange nichts Ungewöhnliches mehr seien: "In einigen Ländern gehören Masken bereits zum modischen Accessoire."

© Arne Dedert/Picture Alliance

Buchmesse-Chef Jürgen Boos letzten Herbst in Frankfurt

Der Chef der Frankfurter Buchmesse, Jürgen Boos, berichtete von seinen Erfahrungen in der Pandemie: Letztes Jahr fand die Messe nur digital statt und seitdem hat Boos die Online-Aktivitäten stark ausgeweitet: "Wir haben innerhalb unserer Firma die jüngsten Mitarbeiter darauf angesetzt und los gelassen. Die haben das ausprobiert, manches hat funktioniert, vieles auch nicht. Manches war übertrieben, aber wir wissen jetzt doch wesentlich mehr." So habe die Buchmesse zunächst versucht, möglichst viele Kontakte auf die eigene Web-Seite zu lotsen, was sich als falsch herausgestellt habe, da es gelte, die Netz-Nutzer dort aufzusuchen, wo sie sich gern aufhielten, etwa bei großen Plattformen wie Youtube und Instagram.

"Du brauchst prominente Namen"

Bei den Angeboten komme es auf die Beteiligung der Zielgruppe und populäre Stars an, um Reichweite zu erzielen: "Du musst genau wissen, wen Du ansprichst. Du brauchst auch prominente Namen, sonst kommt keiner. Du brauchst eine neuartige Idee, du musst das interaktiv gestalten, die Menschen einbinden, dass sie nicht nur zuhören können, sondern Fragen stellen und mitdiskutieren können. Und ich glaube, das sollte das ganze Jahr stattfinden. Das kann dann kulminieren in einem physischen Event im Oktober, das heißt, das Digitale wird nie mehr weggehen, es wird das Chaos und die Kreativität, wofür die Messen und die Eventindustrie auch stehen, allerdings auch niemals ersetzen." Als erfolgreichen Netz-Auftritt nannte Boos das Format "The Hof", bei dem Livemusiker online Bar-Atmosphäre beisteuerten und Gespräche aufpeppten.

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