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Psyche im Ausnahmezustand: Wenn Einsamkeit krank macht | BR24

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In Corona-Zeiten erleben Therapeuten die Einsamkeit bei Patienten noch stärker. Vor allem Singles mussten die vergangenen Wochen alleine verbringen. Die Nürnbergerin Anne-Kathrin hat sich deshalb professionelle Hilfe geholt.

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Psyche im Ausnahmezustand: Wenn Einsamkeit krank macht

In Corona-Zeiten erleben Therapeuten die Einsamkeit bei Patienten noch stärker. Vor allem Singles mussten die vergangenen Wochen alleine verbringen. Die Nürnbergerin Anne-Kathrin hat sich deshalb professionelle Hilfe geholt.

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Die Pandemie hat die Nürnbergerin Anne-Kathrin (38) doppelt hart getroffen: Gerade einmal ein halbes Jahr lag die Trennung von ihrem Freund zurück, kurz vor dem Lockdown zog sie in ihre neue Wohnung. Als selbstständige Friseurin und Dozentin für Hair-Styling konnte sie erst einmal kein Geld mehr verdienen. Von heute auf morgen brach für sie alles weg, was ihr Halt gab, auch die Treffen mit ihren Freundinnen. Neben dem Trennungsschmerz kamen auch noch andere, tiefer sitzende Emotionen in ihr hoch in dieser Zeit: alte, in der Vergangenheit zurückliegende Verluste, die das Einsamkeitsgefühl noch verstärkten.

Raus in die Natur: ein Stück Freiheit

Was Anne-Kathrin die schwierigsten Wochen ein wenig erleichterte, waren die Spaziergänge mit ihrem Hund Henry. "Raus in die Natur, raus aus der Wohnung. Das war für mich ganz wichtig. Das bedeutete einfach ein Stück Freiheit", sagt sie. "Draußen fühlt sich die Einsamkeit schwächer an, weil du ja trotzdem Menschen siehst."

In der Natur sind ihre Gedanken freier als in den vier Wänden, wo ihr wieder viel stärker bewusst wird, was sie vermisst: "Abends am Sofa im Arm gehalten werden, oder einfach mal kuscheln."

Hilfe durch Therapie

Seit kurzem ist Anne-Kathrin in Behandlung bei der Nürnberger Therapeutin Johanna Beloch (56), die Singles, Paare und Familien berät. In Corona-Zeiten erlebt die Therapeutin noch stärker als sonst die Einsamkeit ihrer Klienten, vor allem bei Singles, die oft wochenlang auf sich selbst zurückgeworfen sind. Selbst wenn sie vielleicht bisher zufrieden waren mit ihrem Leben: In Zeiten des Lockdowns wird das Fehlen eines Partners innerlich spürbarer, weil jede Ablenkung fehlt.

Zwar gibt es genügend Apps und Online-Plattformen, doch diese können das reale Leben nur teilweise ersetzen. Schnelles, direktes Kennenlernen ist nicht mehr möglich. Doch das kann auch Vorteile haben. "Distanz kann einen Menschen auch interessanter machen", sagt Therapeutin Beloch. "Durch die Anti-Corona-Maßnahmen kommen sich die Menschen nicht gleich so nahe, wodurch sie Zeit haben, sich intensiver kennen zu lernen". Durch den Abstand sei man zudem geschützter und werde nicht so enttäuscht, falls es nicht passt.

"Glück ist nicht unbedingt abhängig von Partnerschaft"

Die Therapeutin rät ebenfalls dazu, sich nicht einfach dem Single-Dasein hinzugeben, sondern über Telefon, WhatsApp und andere Kanäle soziale Kontakte in jedem Fall aufrecht zu erhalten. "Man kann es auch als Anlass nehmen, mit jemandem zu sprechen, den man schon lange nicht mehr gesehen hat."

Das Problem, dass sich gerade jetzt viele Menschen stärker denn je nach einem Partner sehnen, kann Johanna Beloch nicht lösen. "Es macht natürlich einen riesigen Unterschied, ob ich freiwillig alleine oder dazu gezwungen bin." Sie ist aber der Meinung, dass Alleinstehende durchaus etwas Positives aus der Krise ziehen können. "Glück ist nicht unbedingt abhängig von einem Partner oder einem Menschen", sagt sie. Man müsse in erster Linie mit sich selbst glücklich sein und solle sich nicht darauf fixieren, jemanden finden zu müssen. "Und wer sagt eigentlich, dass zu zweit immer alles besser ist?"

Gut mit sich selbst sein ist gut gegen Einsamkeit

Gerade in Corona-Zeiten kämen auch viele Paare zu ihr, die sich in ihrer Partnerschaft einsam fühlen. In der Regel handelt es sich um Beziehungen, die schon vorher schwierig und problembehaftet waren, so ihre Erfahrung.

Ihren Klienten gibt Johanna Beloch oft Achtsamkeitsübungen an die Hand. - schickt sie beispielsweise im Geiste an den so genannten "Ort der Selbstliebe". Auch mit Anne-Kathrin macht sie so eine Reise. "Jeder hat ja einen Ort, wo er sich absolut sicher und geborgen fühlt, wo es ihm gut geht. Dort hat man die Möglichkeit, auch unangenehme Gefühle, Gefühle von Einsamkeit zu verändern", so die Therapeutin.

Gefühle nicht wegschieben, sondern liebevoll anschauen

Wichtig sei es, Gefühle nicht wegzuschieben, sondern "liebevoll anschauen, dann verlieren sie allmählich ihre Bedrohlichkeit." Nur so könne man lernen, mit ihnen umzugehen und die Erfahrung machen: "Das unangenehme Gefühl bin nicht ich, sondern es ist nur ein Gefühl, das sich in jedem Moment verändert und auch wieder verflüchtigt." Das sei eine gute Technik, die auch helfe, dem Gefühl der Einsamkeit nicht mehr so stark ausgeliefert zu sein.

Bei Anne-Kathrin zeigt die Therapie bereits Erfolge, wie Johanna Beloch feststellt: "Sie kann das unheimlich gut umsetzen, und sie hat schon so viele Möglichkeiten für sich alleine entdeckt, die sie anwendet. Sie geht sogar ganz bewusst in Gefühle rein, um da wieder rauszukommen. Da muss aber jeder für sich selber experimentieren, was am besten passt, jedem hilft etwas anderes."

Mehr zum Thema "Einsamkeit - Fluch oder Segen?" in der Sendung STATIONEN, am 3. Juni 2020 um 19 Uhr im BR-Fernsehen und im Anschluss in der BR-Mediathek.

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