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Prozessauftakt: Sex-Vorwürfe gegen Münchner Musik-Professor | BR24

© Fabian Stoffers/BR Bild

Blick in den Lichthof: Münchner Musikhochschule

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    Prozessauftakt: Sex-Vorwürfe gegen Münchner Musik-Professor

    Mehrfache Vergewaltigung und Drogenbesitz: So lauten die Vorwürfe gegen den einstigen Hochschullehrer Hans-Jürgen von Bose. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten. Die langen Ermittlungen im Vorfeld des Prozesses sorgten für erhebliche Kritik.

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    Warum hat es vier Jahre gedauert, bis nun im Saal B 177 des Münchner Landgerichts endlich die Anklageschrift gegen Hans-Jürgen von Bose verlesen werden kann und das Strafverfahren gegen ihn beginnt? Diese Frage beschäftigt viele Beobachter, nicht nur in der Münchner Hochschule für Musik und Theater. Dort jedoch sind die Verantwortlichen besonders aufgebracht.

    Vom Präsidenten Bernd Redmann hieß es in einer Pressemitteilung, er sei "erleichtert", dass der Prozess vor dem Landgericht München I endlich beginne: "Wir warten schon lange auf die gerichtliche Klärung der Vorwürfe. Die lange Dauer der Ermittlungen von Anfang 2015 bis heute ist eine enorme Belastung für alle Beteiligten."

    Schwierige Beweislage

    Dem Angeklagten, dem ehemaligen Professor für Komposition an der Hochschule, Hans-Jürgen von Bose, wird mehrfache Vergewaltigung in den Jahren 2006 und 2007 und Drogen-Besitz "in nicht geringer Menge" vorgeworfen. Die Taten stehen allerdings nicht in direktem Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit. Die Betroffene war nicht Studentin an der Universität, sondern ihr Bruder, über den sie mit Professor von Bose bekannt wurde. Die beiden sollen eine Beziehung geführt haben, in der sie auch Swingerclubs besuchten und in der es drei Fälle von erzwungenem Geschlechtsverkehr gegeben haben soll. Was den Fall erschwert: Auch nach dem letzten der drei Fälle von sexueller Gewalt im Frühjahr 2007 soll das intime Verhältnis noch einige Monate fortbestanden haben.

    Gerichts-Sprecher Florian Gliwitzky begründete die lange Verfahrensdauer seit der Erstellung der Anklageschrift Ende Juni 2016 gegenüber dem BR einerseits mit dem sorgfältigen Gutachten, das über die Glaubwürdigkeit der Zeugin in Auftrag gegeben wurde. Eine "Koryphäe" unter den Sachverständigen habe sich damit beschäftigt und einen sehr umfangreichen Text vorgelegt. Das allein habe bereits rund ein Jahr in Anspruch genommen. Danach seien Stellungnahmen zum Gutachten eingeholt worden, auch das dauerte mehrere Monate. Im Juni 2018 sei dann der zuständige Richter an das Oberlandesgericht befördert worden, was das Verfahren leider erheblich weiter in die Länge gezogen habe. Eine Dauer von vier Jahren sei jedenfalls "nicht der Regelfall" bei derartigen Fällen.

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    Großer Saal in der Musikhochschule

    Es wird erwartet, dass die Öffentlichkeit wie bei den meisten Prozessen, bei denen es um Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung geht, bei den Zeugenaussagen ausgeschlossen wird. Verteidiger Steffen Ufer sah im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" den Tatbestand der Vergewaltigung "nicht als erfüllt an". Demnach habe die Betroffene "Probleme gehabt, weil sie seinem Mandanten hörig gewesen sei". Ufer zitierte aus dem erstellten Gutachten, wonach sich in der Erinnerung von Boses Ex-Freundin "eine Menge verzerrt" habe.

    Zum Prozessauftakt bestätigte Bose selbst über seinen Anwalt, er habe mit seiner Freundin eine "Liebesbeziehung" geführt. Sie sei keinesfalls "seine Sex-Sklavin" gewesen, mit ihm nach Berlin gezogen und habe sogar ein Kind von ihm gewollt. Jedweder Geschlechtsverkehr sei "einvernehmlich" gewesen und die Drogen habe er lediglich wegen "gesundheitlicher Beschwerden" konsumiert.

    Die Münchner Hochschule für Musik und Theater muss sich seit Jahren mit Negativ-Schlagzeilen um Sex-Vorwürfe auseinander setzen: Der frühere Präsident Siegfried Mauser war 2018 rechtskräftig in zweiter Instanz wegen sexueller Nötigung zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. 2019 folgte ein weiteres Verfahren wegen dreifacher sexueller Nötigung, das mit einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten endete. Mauser wollte seine Strafe in der Nähe seines Wohnsitzes in Österreich absitzen, hielt sich selbst aber noch im vergangenen August ohnehin für "haftunfähig".

    Hochschule reagierte mit Ombudsstellen

    Unterdessen betonte der jetzige Chef der Musikhochschule, Bernd Redmann, an der Universität sei "kein Platz für sexualisierte Gewalt oder Machtmissbrauch": "Wir werden sicherstellen, dass unsere Hochschul-Angehörigen heute und in Zukunft bestmöglich vor sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch geschützt sind." Wesentliche ergriffene Maßnahme seien die Einrichtung von "externen Ombudsstellen für anonyme psychologische und juristische Beratungen", die Etablierung eines Verfahrens für einen "dringenden Lehrerwechsel", das Verbot von Unterricht in Privaträumen, die Stärkung der Frauenbeauftragten und die Klärung der Beschwerdewege.

    Ärger um Arbeit für die AfD

    Der Strafrechtsexperte Frank Saliger sollte von der Musikhochschule mit der Beobachtung des Verfahrens gegen Hans-Jürgen von Bose betraut werden. Nachdem jedoch bekannt wurde, dass Saliger im Dezember 2019 im Zusammenhang mit einem Verfahren wegen möglicher illegaler Parteispenden für die AfD gearbeitet hatte, löste die Uni den Vertrag "mit sofortiger Wirkung einvernehmlich auf", wie es in einer kurzfristig nachgeschobenen Mitteilung hieß: "Mit diesem Schritt setzen beide Parteien ein klares Signal gegen erhobene Vorwürfe eines vermeintlichen Zusammenhangs der Organisation der Prozessbeobachtung mit der AfD."

    Der Prozess ist zunächst bis zum 10. Dezember terminiert. Wegen der Pandemie werden zum Auftakt lediglich acht Zuschauer zugelassen, darunter einige Medienvertreter.

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