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Geschichte der Skandale: Warum Pop die Provokation braucht | BR24

© BR/picture alliance

Mit „Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en“ hat der Frankfurter Musikjournalist Michael Behrend eine Chronologie von Popsong-Skandalen der letzten 100 Jahre verfasst. Und erklärt damit viel über aktuelle Tonlagen.

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Geschichte der Skandale: Warum Pop die Provokation braucht

Revolte, Mainstream und zurück: Pop will provozieren – und geliebt werden. Der Musikjournalist Michael Behrendt hat eine Geschichte der Pop-Aufreger der letzten 100 Jahre geschrieben. Und ordnet auch Rammsteins jüngsten Video-Eklat ein.

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Als "gebildete Dame mit stark unzüchtigem Charakter" wurde sie anno 1960 vom Staatsanwalt verbal ausgepeitscht: Gisela Jonas. Für ihre Prostituiertenlieder war die Schwabinger Chanteuse und Kneipenbetreiberin weit über die Grenzen des exzesswütigen München-Schwabing hinaus berühmt. Sie war mit 23 nicht nur Deutschlands jüngste Wirtin, sondern auch die erste Person, deren Schallplatte von der frisch gegründeten Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert wurde.

Wer singt da eigentlich?

Die Frage bei ihren Liedern ist nicht nur das skandalumwitterte WAS, über das gesungen wird, sondern WER da eigentlich im Song zu uns spricht. Das klingt komplizierter, als es ist, sagt Michael Behrendt, der die Sprecherpositionen in der Popmusik eingehend untersucht hat: "Es gibt das biografische Ich. Biografisches Ich, das ist der Künstler in seinem Alltag, der morgens Müsli ist und sonst etwas macht. Es gibt das Bühnen-Ich, das bei vielen sehr ausgeprägt ist – man nehme David Bowie, der gleich 50 Fantasienamen dazu erfindet. Dann gibt’s natürlich das Ich im Song. Wenn Frank Zappa singt: 'My Name Is Bobby Brown', ist klar, dass Zappa nicht Bobby Brown ist. Ein Folksänger, der gegen den Krieg singt, der hat meistens ein sehr schwach ausgeprägtes Show-Ich, und das, was er im Song singt, ist auch nah dran an dem, was er empfindet. Man kann auch sagen – leider – dass das bei Rechtsrockern ähnlich ist: Die haben Springerstiefel an im Privatleben."

© Ernst Stratmann

Autor Michael Behrendt

Aktuelle Tabubrüche: "Deutschland" von Rammstein

Natürlich kommen auch sie in einem Buch über Provokation nicht zu kurz, die Pyrorocker von Rammstein. Vor genau einem Monat: Platz 1 in den deutschen Single-Charts. Und Platz 1 in den Feuilletons mit ihrem "Skandal"-Lied "Deutschland": eingebettet in ein 9-Minuten-Video mit einer Bilderkette aus deutschen Mythen und in "Game of Thrones"-Ästhetik. Der Clou: Germania wird von einer dunkelhäutigen Frau gespielt – aber ist das eigentlich irgendwem aufgefallen? Schließlich ist da doch dieses andere höchst skandalöse, an Tabus und Anstand kratzende Detail: Die Bandmitglieder stehen und sehen in gestreiften KZ-Kleidern ihrer Erhängung entgegen.

Was macht man mit solchen Provokationen? Michael Behrendt ist nach erster Irritation klar, dass es hier nicht um rechtes Gedankengut geht: "Mittlerweile bin ich der Meinung, dass Rammstein sowas von überhaupt nicht rechts sind. Sie kommen ja aus dem linken Spektrum. Ich glaube, dass sie mit deutschen Mythen, mit deutscher Geschichte, mit deutscher Schuld spielen, dass sie daraus eine Horrorshow machen und eher bei Alice Cooper und Marilyn Manson sind als bei Freiwild und Böhse Onkelz."

Pop-Provokationen als Spiegel der Zeit

Durch den chronologischen Aufbau von Michael Behrendts Buchs wird eine Entwicklung seit dem Aufstieg der Massenmedien deutlich. Einer liberalen Zeit vor 100 Jahren folgte eine Zäsur im Dritten Reich mit viel Zensur. Danach: Die große Zeit der 60er, Aufbruch, Demokratie, Befreiung, gegen die Rassentrennung, gegen den Krieg. Für positive Dinge ansingen. Heute, sagt Michael Behrendt, "ist es so, dass die Leute, die damals provoziert haben, die das auch durchgesetzt haben, selber Mainstream sind. Und wie kann ich den Mainstream heute noch provozieren? Indem ich das Rad der Zeit wieder zurückdrehe. Deswegen kommt‘s von rechts, es kommt von 'unten'. Diese Gangster-Rapper, zum Teil mit Migrationshintergrund."

Pop braucht Provokation, will er weiterhin den Zeitgeist einfangen oder ihm sogar voraus sein. Aber alles geht eben nicht, schon gar nicht auf Minderheiten eindreschen, weil nur dann der Mainstream aufstöhnt. Was wäre dann eine Lösung? Wie wäre es zum Beispiel mit einer "Goldenen Himbeere" für Songs? So der Vorschlag von Michael Behrendt, der in seinem Buch auch die zeitgemäßen Methoden der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien aufzeigt: lieber Wertedebatten in Schulen anstoßen und mit den Kids Hiphop-Dokus diskutieren, als wenig nachhaltiges Indizieren und Songverbote zu forcieren.

Jetzt muss nur noch die Politik über ihr gegenwärtiges Rollen-Ich nachdenken. Ganz dringend, meint Behrendt: "Wir haben eine Gesellschaft, in der im Moment ganz schön mit Ellbogen gearbeitet wird und in der die Politik nicht mehr die Rolle hat, die sie vielleicht mal hatte, weil Lobbys und andere Institutionen viel stärker geworden sind. Die Leute rufen nach Hilfe, sie schlagen sich irgendwie durchs Leben, insofern ist die Musik auch ein Spiegel der Zeit. Und vielleicht hat unsere Zeit eben genau solche Musik verdient. Die kommt dann nicht von ungefähr."

"Provokation!: Songs, die für Zündstoff sorg(t)en" von Michael Behrendt ist bei wbg Theiss in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen.

© wbg Theiss / Wissenschaftliche Buchgesellschaft

"Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en" von Michael Behrendt

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