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Der Highway 61 und die Wut des schwarzen Amerika | BR24

© Picture Alliance / Montage: BR

Szene von Protesten in Louisiana

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    Der Highway 61 und die Wut des schwarzen Amerika

    Er war Fluchtweg für Sklaven, Geburtsstätte des Blues, Schlagader der Bürgerrechtsbewegung – und Schauplatz abscheulicher Morde, zuletzt an George Floyd. Eine Reise entlang des Highway 61 hilft uns, die Wut des schwarzen Amerika zu verstehen.

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    Weiß, angelsächsisch und protestantisch – so haben die Verfassungsväter das Land gesehen. Und wo der Highway 61 beginnt, an der großen Seenplatte nahe der kanadischen Grenze, ist Amerika auch noch so. Aber dort, wo der Highway 61 endet, in New Orleans am Golf von Mexiko, sind zwei Drittel der Bevölkerung Afroamerikaner. Und für die ist der Highway 61 so wichtig wie die Route 66 für das weiße Amerika: Er ist ein Symbol für Freiheit und Hoffnung.

    Flucht in den Norden

    Die Fernstraße folgt dem Lauf des Mississippi River – von der kanadischen Grenze im Norden bis nach New Orleans im tiefen Süden der USA. Entlang der Strecke verlief im 19. Jahrhundert die Underground Railroad, ein Fluchtweg für entlaufene Sklaven.

    Mitte des 20. Jahrhunderts sind acht Millionen Afroamerikaner auf dem Highway 61 nach Norden gezogen - weg von Armut und Rassentrennung. Blues-Musiker sind auf ihm von Auftritt zu Auftritt gereist, Bürgerrechtler von Kampagne zu Kampagne.

    Der Tod von George Floyd

    Minneapolis, Minnesota, ein paar Straßenblöcke abseits des Highway 61. Eine Straßenkreuzung, Tante-Emma-Laden, ein Restaurant. Direkt davor ist George Floyd getötet werden. Ein Video zeigt die letzen acht Minuten und 46 Sekunden in seinem Leben. Er liegt auf der Straße, neben einem Polizeiwagen: ein Afroamerikaner, fixiert von einem weißen Polizisten, der auf seinem Hals kniet, beide Hände in den Hosentaschen.

    Das Video hat eine 17-jährige Schülerin mit ihrem Handy aufgenommen. Mit Handy-Videos verhindern Afroamerikaner, dass Taten wie diese als "medizinischer Notfall" vertuscht werden. Das Video ist schwer zu ertragen. Wie die Bilder der tödlichen Schüsse auf Philando Castile, ebenfalls in Minneapolis, oder auf Alton Sterling in Baton Rouge in Louisiana. Auch Baton Rouge liegt am Highway 61.

    Mahnmale der Ungleichheit

    Knapp tausend Kilometer südlich liegt Cairo. In Mark Twains Roman "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" ist Cairo das Ziel des entlaufenen Sklaven Jim. Cairo liegt in Illinois, einem Nordstaat – in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Sklaverei dort längst abgeschafft. Anderseits gehört Cairo geografisch und kulturell zum Süden.

    Das zeigt sich in den späten 1960er-Jahren. Weil alle Geschäfte in Händen der weißen Elite sind, rufen afroamerikanische Aktivisten zum Boykott auf. Vier Jahre halten sie durch. Dann geben die Ladenbesitzer auf, aber nicht nach: Statt Schwarze einzustellen, ziehen sie weg. Heute ist Cairo eine Geisterstadt.

    Geisterstädte gibt es viel am Highway 61. Vor allem in Mississippi. Als Baumwolle noch von Hand geerntet wurde, haben Hunderttausende auf den Felder gearbeitet. Erst als Sklaven, später als so genannte Sharecropper: Einen Teil der Ernte durften sie als Lohn behalten. Verkaufen konnte sie die Baumwolle nur an den Inhaber der Plantage: Zu Dumping-Preisen, die kaum reichten, um sich in den überteuerten Läden der Plantage mit Lebensmitteln zu versorgen. Sharecropping war eine moderne Form der Schuldknechtschaft. Und die Fortführung der Sklaverei mit anderen Mitteln.

    Moderne Sklaverei in Gefängnissen

    Heute lebt die Sklaverei im Strafsystem fort. Besuch in Angola, Louisiana, dem größten Hochsicherheitsgefängnis der USA. Es liegt eine halbe Autostunde entfernt vom Highway 61 auf einer Landzunge am Mississippi. 6.300 Häftlinge sitzen hier ein, die meisten lebenslänglich. Es sind nicht nur Gewalttäter. In Louisiana gilt: "three strikes and you’re out" - drei Verbrechen, egal welcher Art, bedeuten lebenslänglich. Vier von fünf Insassen sind schwarz.

    "Es hat sich nichts geändert: weiße Bosse und schwarze Sklaven", sagt Wilbert Rideau, ein ehemaliger Insasse und preisgekrönter Autor. Angola erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 120 Millionen Dollar - durch die Arbeit der Häftlinge. Sie stellen Matratzen her und Nummernschilder. Andere arbeiten in der Landwirtschaft. Sie bauen Kohl und Mais an, Okra und Soja. Und sie pflücken Baumwolle.

    Im radioFeature "Der Highway 61 und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung" trifft Autor Tom Noga Menschen, die entlang des Highways 61 wohnen und die ihm von früheren und heutigen Kämpfen für Gleichberechtigung und gegen Rassendiskriminierung erzählen.