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Für Hilfsorganisationen sind Langzeitspender besonders wichtig. Diese werden häufig an belebten Plätzen geworben. Meistens machen dies die Hilfsorganisationen gar nicht selbst, sondern beauftragen Agenturen. Ein Risiko für die Glaubwürdigkeit.

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Profit vor Wohltätigkeit? Wie Agenturen Spenden sammeln

Für Hilfsorganisationen sind Langzeitspender besonders wichtig. Diese werden häufig an belebten Plätzen geworben. Meistens machen dies die Hilfsorganisationen gar nicht selbst, sondern beauftragen Agenturen. Ein Risiko für die Glaubwürdigkeit.

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Immer weniger Deutsche spenden - diejenigen dafür aber immer mehr. Das zeigt eine Studie, die der Deutsche Spendenrat in Auftrag gegeben hat. Für Hilfsorganisationen sind Langzeitspender deshalb besonders wichtig. Ein erfolgreiches Mittel, um diese zu gewinnen: Gespräche an belebten Plätzen oder sogar an der Haustür. Face2Face-Fundraising - oder auf deutsch: Straßenwerbung - nennt sich das Ganze.

Hilfsorganisationen beauftragen Agenturen zur Spenderwerbung

Die Leute, die das machen, heißen in der Branche Dialoger. Sie versuchen die Passanten im Dialog davon zu überzeugen, einen Langzeitspendenvertrag mit einer Hilfsorganisation abzuschließen, also jeden Monat einen festen Betrag an die Organisation zu spenden. Was vielen Passanten nicht bewusst ist: Die "Dialoger" sind meistens nicht direkt bei der Hilfsorganisation angestellt, sondern bei einer Agentur. Diese vermittelt die Spendensammler an die verschiedenen Hilfsorganisationen.

Das Kinderhilfswerk "World Vision" setzt bei der Straßenwerbung beispielsweise auf die Hilfe von Agenturen - und nicht auf eigene Mitarbeiter. Somit sei die Organisation flexibler, erklärt Marketingreferent Jochen Hudelmaier.

Face2Face-Fundraising ist effektiv - muss aber seriös ablaufen

Die Unterstützung durch Agenturen ist im Face2Face-Fundraising eine gängige Praxis, gegen die auch das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen nichts einzuwenden hat. Sofern alles seriös abläuft. Das heißt: Die Werber müssen transparent machen, dass sie nicht direkt von der Organisation, sondern von einer Agentur kommen. Das ist auch den Hilfsorganisationen wie "World Vision" wichtig, denn die Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel.

"Wir wollen auch niemanden belästigen, das bringt uns ja gar nichts." Jochen Hudelmaier, World Vision

Viele Passanten fühlen sich bei Straßenwerbung überrumpelt

Trotzdem sind viele Passanten von den "Dialogern" genervt. Sie fühlen sich von den Werbern überrumpelt. Manche meiden bestimmte Straßen bewusst, wenn dort häufig Stände von Hilfsorganisationen stehen, wie eine Passantin dem Bayerischen Rundfunk erzählt: "Das ist ja schon mit vermehrtem Stress verbunden. Ich bin eher der Typ, dem es schwerer fällt, Nein zu sagen. Und bevor ich da irgendwas abschließe oder mich doch breitschlagen lasse, vermeide ich genau diese Straßen."

Die Face2Face-Fundraising Branche hat ein Image Problem. Guido Görge, Fundraising Manager bei Amnesty International, sieht deshalb alle Agenturen und Organisationen in der Verantwortung: "Wenn jemand eine schlechte Erfahrung auf der Straße gemacht hat, dann ist es letztendlich egal, mit wem. Beim nächsten Mal macht der einen großen Bogen um den Infostand, und dann ist egal, wer da steht."

"Passanten nicht frontal, sondern höflich von der Seite ansprechen"

Amnesty International setzt bei der Straßenwerbung sowohl auf eigene Mitarbeiter als auch auf "Dialoger" von einer Agentur. Die schult dann aber trotzdem der Qualitätsbeauftragte von Amnesty. Über die Arbeit der Menschenrechtsorganisation inhaltlich und darüber, wie die Passanten angesprochen werden sollen, sagt Görge: "Dass man sich nicht frontal Passanten in den Weg stellt, sondern die Passanten höflich von der Seite anspricht. Oder dass man die Passanten auch nicht über eine längere Strecke begleitet."

Die seriösen Agenturen versuchen selbst auch ihre Qualität zu kontrollieren. Die Agentur "Dialog Direct" setzt dabei zum Beispiel auf Gruppen, die gemeinsam auf Tour geschickt werden: Die Teamleiter sollen kontrollieren, dass sich alle "Dialoger" an die Regeln halten. Denn diese bekommen nur den Mindestlohn, können diesen aber durch Provisionen aufstocken, wenn sie besonders viele Förderer gewonnen haben und große Summen an Fördergeldern für die jeweilige Organisation generieren konnten, sagt Emely Röglin, Schulungsleiterin bei "Dialog Direct".

Zusätzlich gibt es Coaches, die die Teamleiter unterstützen. Auf diese Weise soll die Qualität bei der Straßenwerbung verbessert werden. Unabhängige Kontrollen gibt es bislang nicht.