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Privat war Max ein Ekel: "Die Schattenkaiserin" in Innsbruck | BR24

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Tirol im Maximilian-Fieber: Vor 500 Jahren starb der Kaiser, das ganze Jahr wird an ihn erinnert, jetzt auch mit einem Musical. Das erweist sich als opulent und sehenswert, doch inhaltlich wie musikalisch fragwürdig. War die Renaissance so schmalzig?

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Privat war Max ein Ekel: "Die Schattenkaiserin" in Innsbruck

Tirol im Maximilian-Fieber: Vor 500 Jahren starb der Kaiser, das ganze Jahr wird an ihn erinnert, jetzt auch mit einem Musical. Das erweist sich als opulent und sehenswert, doch inhaltlich wie musikalisch fragwürdig. War die Renaissance so schmalzig?

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Alle Achtung, das ist mutig: Da feiern sie ein ganzes Jahr lang in Tirol ihren Kaiser Maximilian I. (1459 - 1519) zu dessen 500. Todestag in aller Pracht, und dann stellt sich heraus: Privat war er ein Ekel. Auf der Bühne des Innsbrucker Landestheaters kommt er jedenfalls nicht besonders sympathisch rüber, weil er seine zweite Frau Bianca Maria Sforza, die titelgebende "Schattenkaiserin", auf Abstand hält und ignoriert, wo er kann. Sie darf in Worms und Innsbruck versauern, auch mal als Geisel für die Gläubiger herhalten, während er in der Welt Politik macht, Kriege führt und Geliebte bei Laune hält. War in der Renaissance natürlich völlig normal, geht im Musical aber gar nicht.

Stark überzuckerter Pathos-Brei

Und das ist das Hauptproblem dieser enorm aufwändigen, unbedingt sehenswerten Produktion. Als historischer Bilderbogen ist der dreieinhalbstündige Abend zu überfrachtet, zu wirklichkeitsfremd und auch zu anstrengend, als Musical fehlen ihm eindeutig Humor und die musikalische Abwechslung: Die Komponisten Jürgen Tauber und Oliver Ostermann orientierten sich an der Hollywood-Filmmusik der fünfziger Jahre, auch am Schmalz von Andrew Llyod Webber, aber leider viel zu wenig an der Tanzmusik der Renaissance, auch, wenn sie nach eigener Aussage eine "bekannte Melodie" des frühen 16. Jahrhunderts zitiert haben. Dabei hat Mittelalter-Rock doch gerade Hochkonjunktur! Schade, da wäre sehr viel mehr möglich gewesen. So blieb es beim stark überzuckerten Pathos-Brei, der selten zu Herzen ging.

© Rupert Larl/Tiroler Landestheater

Großer Auftritt: Der Kaiser im Bad

Anstelle eines Hofnarrs war eine Närrin namens Ursula präsent, die aber weder skurril, noch witzig war, sondern eher sentimental. Da fehlte dann die in solchen Fällen obligatorische wehmütige Ballade zur Laute. Das groß besetzte Orchester unter der Leitung von Hansjörg Sofka verlor sich stattdessen durchgehend in epischer Breite, in Hymnen und Oden, die wohl romantische Inbrunst verströmen sollte.

Kaiserin als naives Playgirl

Dabei war die Renaissance eine kalte Zeit, eine eiskalte sogar: Kaum eine Epoche war so egoistisch, rücksichtslos, verschwenderisch, brutal und berechnend. Von dieser aus heutiger Sicht monströsen Pracht, wo Liebe allenfalls als Lustfaktor eine Rolle spielte, war leider im Text von Susanne Felicitas Wolf so gar keine Rede. Stattdessen wurde die "Schattenkaiserin", eine geborene Sforza aus Mailand, als naives Playgirl dargestellt, dass gern viel Geld ausgibt und ihrem Maximilian hinterherläuft.

© Rupert Larl/Tiroler Landestheater

Der Kaiser vergnügt sich - mit der Falschen

So viel Anhänglichkeit war in den höheren Kreisen damals undenkbar: Jeder machte seins, und Frauen waren es gewohnt und dazu erzogen, klaglos dynastische Erwartungen zu erfüllen. Insofern war ein auf Gefühligkeit angewiesenes Musical vielleicht die falsche Kunstform für diese "Szenen einer Ehe": Mag sein, dass ein Ritterspiel oder ein Drama besser gepasst hätte, Maximilian war ja begeisterter Turnierkämpfer. Das Stück hinterließ also erhebliche Fragezeichen, was wohl auch erklärte, dass der Beifall nur freundlich, aber nicht begeistert ausfiel und einige Zuschauer in der Pause gingen.

© Rupert Larl/Tiroler Landestheater

Jetzt wird regiert

Kostüm-Prunk war eine Freude

Die Inszenierung von Intendant Johannes Reitmeier allerdings war in jeder Hinsicht überzeugend, die Mitwirkenden durchweg stimmgewaltig, glaubwürdig, authentisch. Die gebürtige Luxemburgerin Jil Clesse in der Titelrolle kämpfte sich bewundernswert tapfer durch die unübersehbare Anzahl von Szenen, die sich über mehr als dreißig Jahre erstreckten. Der Österreicher Reinwald Kranner als Maximilian war von Respekt gebietender Präsenz, so majestätisch, dass er in der Renaissance jederzeit als Führungskraft überlebt hätte. Ausstatter Michael Zimmermann schwelgte im Brokat-Prunk, dass es eine Freude war. Mode war um 1500 viel politischer als heute, wer was gelten wollte, musste es zeigen, und dies wurde wunderbar deutlich. Ausladende Barette, goldschimmernde Borten und florale Muster, mehrfarbige, geschlitzte und reich gefütterte Ärmel, alle Beteiligten trugen ihre Bedeutung vor sich her.

© Larl/Tiroler Landestheater

Bunter Hofstaat

Ein Augenschmaus, auch was die Lichtführung anging. Bühnenhohe, mit Blumenmustern bedruckte, verschiebbare Elemente wurden zu immer neuen Räumen geordnet, üppige florale Muster hineinprojiziert, auch mal das Porträt das hakennasigen Original-Maximilian. Die Technik war beeindruckend, der Chor fulminant. Und wer sich vom Kaiser und seinen beiden Frauen ein Bild machen will, der kann sich in Innsbruck das Goldene Dachl ansehen: Auf der Balustrade des Prunk-Erkers ist er auch mit der "Schattenkaiserin" abgebildet, sogar in Farbe. Bianca Maria wirkt melancholisch, aber nicht halb so verzweifelt wie auf der Bühne.

Wieder am 5., 6. und 9. Oktober am Tiroler Landestheater Innsbruck, weitere Termine.

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