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© Pritzker Prize/Courtesy Philippe Ruault
Bildrechte: Pritzker Prize/Courtesy Philippe Ruault

Klare Aussicht: Wohn- und Geschäftshaus

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    Pritzker-Preis 2021 für Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal

    Er gilt als Nobelpreis der Architektur und viele große Baumeister haben ihn bereits erhalten, darunter Frei Otto. In diesem Jahr dürfen sich zwei Franzosen freuen. Den Preis erhalten sie für ihre Praxisnähe und Offenheit gegenüber dem Leben.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Ihre Bauten geben sich stets im besten Sinne "zugänglich", nämlich transparent, lichtdurchflutet, übersichtlich, niemals einschüchternd und protzend. Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal trafen sich als Studenten in den späten siebziger Jahren an der École Nationale Supérieure d'Architecture et de Paysage de Bordeaux. Lacaton blieb dann zunächst in Bordeaux und machte ihren Master, Vassal ging in den westafrikanischen Niger, um dort stadtplanerisch zu arbeiten.

    Weil sie sich dort oft trafen, sind die beiden Architekten von der landschaftlichen Kargheit der Sahel-Zone inspiriert, auch von der Bescheidenheit der dort lebenden Menschen. "Der Niger gehört zu den ärmsten Ländern der Erde", sagt Vassal: "Und doch sind die Menschen dort so unglaublich freigebig, machen fast alles möglich ohne etwas zu haben, finden Rohstoffe, erfüllt von Optimismus, Poesie und Erfindungsgabe. Es war meine zweite Architekturschule."

    Ihre erste Hütte hielt zwei Jahre

    In der Hauptstadt Niamey errichtete das Baumeister-Paar ihr erstes gemeinsames Projekt: Eine Strohhütte, natürlich mit Material der Umgebung errichtet. Sie war "erstaunlich vergänglich", hielt dem Wind nur zwei Jahre stand, und doch entsorgten die beiden Architekten nichts, sondern nutzten die Baustoffe weiter, genossen den "Luxus der Einfachheit". Gute Architektur ermöglicht Räume, wo etwas Besonderes möglich wird, so Vassal, wo jemand lächelt, nur, weil er sich gut aufgehoben fühlt.

    © Pritzker Institute
    Bildrechte: Pritzker Institute

    Durchblick in alle Richtungen

    In den Lebensläufen, die das Pritzker-Institut veröffentlichte, heißt es, das Architektenpaar lehne den Abriss von Sozialwohnungen prinzipiell ab. So hätten sie 530 Wohnungen in Bordeaux "von innen nach außen" nach den Bedürfnissen der Bewohner instand gesetzt: "Wir sehen das Bestehende nicht als Problem", so Anne Lacaton. "Wir waren in Gegenden, wo die Häuser abgerissen worden wären, und wir haben dort Menschen angetroffen, Familien, die dennoch an ihrem Zuhause hingen, auch, wenn die Wohnsituation nicht die beste war."

    "Für uns ist Abriss Gewalt"

    Nach Auffassung von Lacaton ist es allemal besser, etwas zu "transformieren" als zu zerstören: "Abriss ist die einfachste und schnellste Lösung. Es ist in mehrfacher Hinsicht Verschwendung – von Energie, von Material, von Tradition. Im Übrigen hat er schädliche gesellschaftliche Auswirkungen. Für uns ist das Gewalt." Wichtig ist den beiden Architekten auch Flexibilität, was sie bei der ENA-Hochschule in Nantes unter Beweis stellten. Mit Polycarbonat-Wänden und Schiebetüren ermöglichten sie ein Flächenwachstum, das sich den Studentenzahlen anpasste. Eine gigantische Fußgänger-Rampe, die zum voll nutzbaren Dach hinaufführt, wurde als Begegnungsort konzipiert.

    © Laurent Chalet/Prizker Institute
    Bildrechte: Laurent Chalet/Prizker Institute

    Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal

    Derzeit sind Lacaton und Vassal mit lauter Umbauten beschäftigt, werden ihrem Anspruch also gerecht, nichts demolieren zu lassen. Sie machen aus einem früheren Krankenhaus in der Nähe von Paris einen Wohnblock mit 138 Einheiten, modernisieren ein Mietshaus in Anderlecht, bauen ein Bürogebäude um, errichten in Toulouse eine Mischung aus Hotel und Geschäftshaus und in Hamburg ein Wohngebäude mit vierzig Parteien.

    "Tiefgreifender Sinn für Räume und Materialien"

    In der Entscheidung der Pritzker-Jury unter der Leitung des chilenischen Architekten Alejandro Aravena heißt es wörtlich: "Sie haben nicht nur einen Ansatz entwickelt, der das Erbe der Moderne erneuert, sondern sie haben auch den Beruf des Architekten völlig neu definiert. Die modernistischen Hoffnungen und Träume, das Leben von vielen Menschen zu verbessern, werden durch ihr Werk wiedererweckt, das den klimatischen und umweltfreundlichen Notwendigkeiten unserer Zeit entspricht, aber auch den gesellschaftlichen Bedürfnissen, speziell, was das Wohnen in den Städten betrifft." Sie erreichten das durch einen tiefgreifenden Sinn für Räume und Materialien, so die Preisrichter, wobei eine Architektur herauskomme, die in ihren Formen ebenso stark sei wie in ihren Überzeugungen, die in der Ästhetik so transparent sei wie in ihrer Ethik.

    Ein Deutscher ist übrigens derzeit nicht unter den zehn Jury-Mitgliedern. Der letzte, der dort mitwirkte, war bis 2010 Rolf Fehlbaum, der langjährige Manager des Möbelherstellers Vitra AG.

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